Wir erinnern

 

September 1955: Konrad Adenauer erstmals in Moskau

Von Peter E. Uhde
Moskau, Bundeskanzler Konrad Adenauer im Gespräch mit Parteichef Nikita Chruschtschow, Ministerratsvorsitzendem Nikolai Bulganin und Ministerpräsident Georgij Malenkow - Foto: Bundesarchiv_Bild 146-1989-101-01A, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Bei aktuellen politischen Problemen gerät die Vergangenheit leicht ins Hintertreffen. Es gibt aber in diesen Tagen einen Grund auf den September 1955 zu schauen. Es ist die Reise Konrad Adenauers in die Sowjetunion. Vom 8. bis 14. war der Bundeskanzler mit einer großen Delegation erstmals in Moskau.

Der 7. Juni 1955

An diesem Tag übergab Bundeskanzler Adenauer das Amt des Außenministers, das er bisher selbst wahrgenommen hatte, an den bisherigen Vorsitzenden der CDU/CSU Bundestagsfraktion Heinrich von Brentano. Theodor Blank wurde zum ersten Bundesminister der Verteidigung ernannt. Am späten Nachmittag überbrachte ein Sowjetdiplomat in die deutsche Botschaft in Paris eine Note, die eine Einladung der Sowjetregierung an Adenauer „in Kürze“ nach Moskau zu kommen enthielt, um über „die Herstellung der diplomatischen und Handelsbeziehungen“ zu sprechen. Bonn wurde telefonisch und mit Fernschreiber informiert, das Originalschriftstück ging per Kurier nach Bonn. Während Adenauer um 19.15 Uhr im Casino des Auswärtigen Amtes die Amtsgeschäfte an Brentano übergab, lief über die Ticker der Nachrichtenagenturen eine Blitzmeldung, die die Einladung bekannt machte.

Moskau, Gala-Vorstellung für BRD-Regierungsdelegation - Foto: Bundesarchiv_Bild_183-33241-0001, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Adenauer hat entschieden: „Wir fahren“

Nach eingehender Auswertung des Inhaltes, Gesprächen und Rückversicherung bei den Alliierten, fiel im Juli die Entscheidung nach Moskau zu fahren. Adenauer blieb aber von vorne herein skeptisch und erwartete eigentlich kein herausragendes Ergebnis der Gespräche, aber eine Absage hätte die Sowjets brüskiert und das wollte er nicht. Drei Prämissen standen bei Adenauer während der Vorbereitungen und Verhandlungen fest, dass er sich „kein Jota“ von den Westverträgen abhandeln lassen würde, die Wiedervereinigungsfrage „erörtern“, sie aber kein Verhandlungsgegenstand sein sollte und er ohne Einigung über die Rückkehr der Kriegsgefangenen/ Internierten aus der Sowjetunion keine diplomatischen Beziehungen vereinbaren würde. Ohne die Freilassung der Kriegsgefangenen, wäre ein Aufbau der Bundeswehr politisch nicht durchsetzbar gewesen.

Die Vorbereitungen im „Arbeitsstab M“

War man anfänglich davon ausgegangen, dass für die Delegation eine Lockheed Super Constellation der Lufthansa ausreichen würde, benötigte man dann zwei, des Weiteren einen Sonderzug mit abhörsicherem Besprechungsraum. Der Kanzlerwaggon ist heute Ausstellungsstück im Haus der Geschichte in Bonn. Am Ende bestand die Delegation aus 142 Personen. In der Maschine des Bundeskanzlers flogen 25 Personen, in der zweiten Maschine des Außenministers 27 Personen, im Sonderzug reisten 66 Personen und in Linienmaschinen 24 Personen nach Moskau. Das Bundespresseamt war mit 13 Mitarbeitern vor Ort, um die 82 deutschen Journalisten zu betreuen, die am 6. und 7. mit zwei Chartermaschinen der Aeroflot aus Berlin-Schönefeld angereist waren. Delegationshotel war das Sowjetskaja, das aber für Journalisten gesperrt war.

Der Fußballweltmeister von 1954 spielte im Dynamo-Stadion

Die Sowjets hatten die deutsche Fußball-Nationalmannschaft, Weltmeister von 1954, zu einem Freundschaftsspiel für den 21. August eingeladen. Bedenken der Kulturabteilung des AA - Kriegsgefangene in sowjetischen Lagern und dann ein Fußballspektakel - das gehe nicht. Letztlich wurden die Bedenken aber fallen gelassen und die Einladung vom DFB angenommen. Die Sowjets hatten vier Sonderzüge organisiert, um die rund 1.400 Schlachtenbummler, heute würde man Fans sagen, die meisten aus der DDR, nach Moskau zu transportieren. Bei dem „gesamtdeutschen Ereignis“ sollte es nur einen Sieger „den Frieden“ geben. Vor 80.000 Zuschauern gewann die sowjetische Mannschaft mit 3:2 Toren.

Rückkehr der Delegation aus Moskau am 14. September 1955 auf dem Flughafen Köln/Bonn. - Foto: Bundesarchiv, Bild 146-2005-0141 / Wolf, Helmut J. Lizenz: CC BY-SA 3.0

Die Verhandlungen und das Ergebnis

Sie zogen sich hin und stockten immer wieder. Ministerratsvorsitzender Nikolai Bulganin, Parteichef Nikita Chruschtschow und Außenminister Wjatscheslaw Molotow waren die entscheidenden Gesprächspartner der Sowjetregierung. Am dritten Tag sah es schon nach einem Scheitern aus. Bei der internen Mittagsrunde kam jemand auf die Idee, die Lufthansa-Flugzeuge, über eine offene Telefonleitung, vorzeitig nach Moskau zu bestellen. Man wusste, der Geheimdienst hört mit und erhoffte sich dadurch ein Einlenken der Sowjets bei der Freilassung der Kriegsgefangenen. Ein Scheitern der Verhandlungen konnten sich auch die Sowjets nicht leisten. Als Väter der Idee bezeichneten sich später Felix von Eckardt, Adenauer, Brentano und Hallstein. Schließlich kam der Durchbruch bei einem Staatsempfang im Kreml. Adenauer schreibt in seinen Erinnerungen: “Bulganin schien intensiv nachzudenken. Nach einer kleinen Pause erklärte er dann unvermittelt und sehr impulsiv: „Lassen Sie uns zu einer Einigung kommen: Schreiben Sie mir einen Brief“, gemeint war eine Note, in der die Zustimmung zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen ausgesprochen wurde, „und wir geben Ihnen alle –alle! Eine Woche später! Wir geben Ihnen unser Ehrenwort!“

Bei der Ankunft auf dem Flughafen Köln/Bonn bedankt sich die Mutter eines Kriegsgefangenen bei Adenauer am 14.09.1955. - Foto: Bundesarchiv_Bild 183-33241-0001, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Rückkehr nach Bonn

Adenauer kehrte am 14. September nach Bonn zurück und wurde begeistert empfangen. Am 7. Oktober kamen die ersten 600 der „Zehntausend“ Kriegsgefangenen auf dem Grenzbahnhof Herleshausen an, um über das Lager Friedland zu ihren Angehörigen zu gelangen. Bis Anfang 1956 waren es insgesamt 9.626 ehemalige Soldaten und mehr als 20.000 Zivilinternierte, die die Sowjetunion verlassen konnten. Einige von ihnen traten dann in die neu aufzustellende Bundeswehr ein, u.a. Friedrich Foertsch, der am 1. April 1961 der zweite Generalinspekteur der Bundeswehr wurde. Die Eröffnung der Botschaften in Moskau und Bonn zogen sich hin. Die Euphorie des Erfolges der Moskauer Gespräche, wie sie von beiden Seiten gesehen wurde, ging in Ernüchterung über. Der Kalte Krieg zog wieder auf und bis zur deutschen Einheit 1990 dauerte es noch 35 Jahre.

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