Zur Diskussion gestellt

 

Afghanistan – eine never ending story?

Von Kersten Lahl
GenLt a.D. Kersten Lahl

I. Der Blick in die Geschichtsbücher ersetzt nicht ein eigenes Urteil. Aber bisweilen lohnt er durchaus. Immer wieder findet man im Nachhinein nicht nur erstaunliche Parallelen, son-dern auch einleuchtende Erklärungsmuster. Historische Ereignisse wiederholen sich in der Regel nicht eins zu eins – das wäre zu einfach. Aber sie machen bisweilen Zusammenhänge deutlich und regen generell zu Vorsicht an.

Hätten wir es also besser wissen müssen, wenn es um den Einsatz der Nato in Afghanistan geht? Waren die Erfahrungen der Briten im Zuge des Great Game im 19. und 20. Jahrhundert sowie der Sowjets in den 80er Jahren nicht Warnung genug? Glaubte oder glaubt ernsthaft jemand, die Afghanen ließen sich ein Staats- und Gesellschaftssystem einreden, das ihren eigenen traditionellen Wertvorstellungen nur bedingt entspricht? Nein, wir haben es durchaus geahnt. Warnende Stimmen gab es genug. Aber wir waren nicht wirklich bereit für eine realistische Strategie. Ein unreflektierter Optimismus mit Blick auf scheinbar überlegene militärische Fähigkeiten und weltanschauliche Ansichten – gepaart mit dem berechtigten Wunsch, internationalem Terror nie und nirgends eine Chance zu lassen – verengte unser Blickfeld.

II. Ja, heute wissen wir es tatsächlich besser. Um es vorsichtig auszudrücken: Mit Ausnahme der allerersten Phase des westlichen militärischen Eingreifens – also unmittelbar nach 9/11 mit dem Zerschlagen bzw. Vertreiben von Al Qaida aus Afghanistan – ernüchtern alle weiteren Ergebnisse arg. So mancher Analyst spricht unverhohlen von einem Scheitern. Und dies trotz eines extrem aufwändigen Engagements (ISAF) mit bis zu 130.000 Soldaten aus bis zu 50 Nationen unter Nato-Führung und mit UN-Mandat. Und auch heute noch stehen am Hin-dukusch rund 12.000 Soldaten in der Nachfolgemission Resolute Support, um die afghanischen Sicherheitskräfte auszubilden und zu unterstützen.

Kein einziges großes Ziel (salopp könnte man es „Kriegsziel“ nennen) wurde bisher auch nur annähernd erreicht. Weder sind die Taliban oder die diversen Terrornetzwerke besiegt, noch darf man den Staatsaufbau Afghanistans als halbwegs gelungen bezeichnen. Im Gegenteil: Die innere Sicherheitslage wird offenbar von Tag zu Tag prekärer (bezeichnenderweise sogar im Norden!), von einer durchsetzungsstarken zentralen Autorität oder gar einer „Good Governance“ kann man wohl kaum sprechen, und das extrem riskante regionale Konfliktpotenzial (Pakistan, Iran etc.) besteht unverändert. Und noch schlimmer: Es scheint so, als ginge der Trend unaufhaltsam in die unerwünschte Richtung. Nicht alles ist schlecht in Afghanistan, aber vieles irritiert wird von Tag zu Tag mehr.

III. Ist also der Afghanistaneinsatz ein Indiz die überraschende Machtlosigkeit westlicher Interventionen in komplexen Krisenlagen? Zeigt er, dass militärische Überlegenheit nach Zahl und Technologie allein keineswegs einen Erfolg garantiert? Weist er die Notwendigkeit nach, sehr viel breiter anzusetzen und dem bekannten Streben nach der Dominanz militärischer Mittel in von Staatszerfall bedrohten Regionen zu widerstehen?

Es gibt sehr gute Gründe, all das zu bejahen oder zumindest ehrlich zu durchdenken. Allein ein Blick auf die Bundeswehr unterstreicht das: Afghanistan beherrschte das Denken und Handeln einer ganzen Soldatengeneration. Alles hatte sich über eineinhalb Jahrzehnte der Aufgabe am Hindukusch unterzuordnen – von den Streitkräftestrukturen über die Ausbildung bis hin zu Logistik und militärischer Beschaffung. Die Kontingente wurden mit viel Improvisation und noch mehr Not zusammengestellt, unter bewusster Hinnahme der Zersplitterung gewachsener Verbände und damit insgesamt des inneren Gefüges. Jeder aus Kunduz oder Mazar-e-Sharif signalisierte Wunsch führte unweigerlich zu hektischer Betriebsamkeit in Berlin und Bonn. Einsatzbedingter Sofortbedarf hieß eines der Zauberworte, dem sich bis in das Parlament hinein niemand entziehen wollte. Kurzum: Es ging um das ständige Bewältigen akuter Notlagen, die aus unterschiedlichen Gründen innen- wie außenpolitisch als hochprekär empfunden wurden. Man fuhr auf extrem kurze Sicht, reihte verzweifelte Reform an Reform und verdrängte dabei alle Warnungen, was dies für die Armee und die deutsche Sicherheitsvorsorge als Ganzes in der Zukunft bedeutet.

Heute wachen wir endlich auf. Notgedrungen mit Putins Hilfe, möchte man überspitzt fast sagen.

Diese unerfreulichen Beobachtungen haben auch etwas Gutes: Sie zwingen nun, da die Folgen nicht mehr zu übersehen sind, zu einer Art Kassensturz und zu einer Neujustierung der langfristigen Streitkräfteziele – ja sogar zur Diskussion des tieferen Sinnes einer Armee in der Demokratie. Jedenfalls ist der alarmierende Verlust an Grundfähigkeiten offenbar erkannt. Erste Signale zur Umorientierung sind deutlich vernehmbar. Ob dieses Bewusstsein tief genug sitzt, oder ob wohlklingende Formulierungen doch wieder nur allzu Unbequemes zu verdrängen suchen, bleibt noch offen.

IV. Offen ist aber auch eine andere Frage: Wie geht es weiter in Afghanistan? Welche Schlüsse ziehen wir aus dem negativen Trend dort? Gibt es noch Hoffnung auf ein erwünsch-tes Ergebnis? Und was verlangt das von uns? Oder muss man sagen: Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende?

So oder so, der Westen steht wieder mal an einer entscheidenden Wegemarke in Afghanistan. Grundsätzlich sollen daher hier in unserem GSP-Blog zwei (bewusst polarisierende) Optionen zur Diskussion gestellt werden:

Option 1: Das Engagement der Nato wird wieder deutlich erhöht. Das ist der vernehmbare Ansatz des Nato-Generalsekretärs, vehement vor allem von den USA gefordert. Zwar soll sich am Auftrag der Resolute Support Mission nichts Entscheidendes ändern (also keine Kampfeinsätze), aber immerhin bedeutet die Idee einer personellen Aufstockung um – zunächst – rund 3.000 Soldaten einen Aufwuchs von mindestens 25 Prozent.

Man könnte ja durchaus argumentieren: Jetzt haben wir im Westen schon so viel investiert am Hindukusch – das kann und darf ja nicht „umsonst“ gewesen sein! Irgendwann muss sich doch das gewaltige Engagement an Soldaten und Geld auszahlen. Wir können doch nicht alles wieder in Frage stellen lassen. Von den Opfern, also den Gefallenen und Verwundeten ganz zu schweigen.

Und: Der Westen kann und darf es sich einfach nicht leisten, erfolglos zu bleiben und das auch noch zuzugeben. Das wäre das denkbar schlechteste Signal. Also Augen zu und durch.

Option 2: Das Engagement der Nato wird weiter reduziert. Das entspricht zunächst der Forderung pazifistischer Ideologen. Aber vielleicht ist es darüber hinaus ein Argument, dem sich auch undogmatische Realpolitiker nicht ganz verschließen möchten. Denn: Der Blick zurück hilft in der Politik nicht immer; vielmehr geht es vor allem um den Blick nach vorn.

Das bisher geleistete Engagement in Afghanistan ist unabänderliche Geschichte. Umso mehr kommt es darauf an, ständig eine aktualisierte Lagebeurteilung anzustellen. Also zu fragen: Wie groß oder wie gering sind heute und vor allem morgen die Chancen eines Einsatzes? Lohnt es sich wirklich, weiterhin in etwas zu investieren, das so fragiler Natur ist? Wann soll das alles eigentlich enden? Konkret: Wird es Afghanistan denn jemals schaffen können, sich zu einem vertrauenswürdigen und nach innen wie außen gefestigten Staat zu entwickeln? Und natürlich auch: Welche Opportunitätskosten verschlingt das Afghanistanengagement eigentlich mit Blick auf unsere generelle außenpolitische und militärstrategische Handlungsfähigkeit?

V. Jenseits der schwierigen Debatte um die beiden obigen Positionen bleibt eigentlich nur eine übergreifende Forderung, die allseits unstrittig sein sollte: Es wird höchste Zeit, einige nüchterne Lehren aus dem Afghanistaneinsatz des Westens zu ziehen, und zwar über das mühsame Alltagsgeschäft und über partikulare Interessenlagen hinaus. Auch wenn es wehtut - oder besser gesagt: gerade dann!

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