Buchrezension

Guido Steinberg: "Al-Qaidas deutsche Kämpfer"

Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus

Von Peter E. Uhde

Nach Erkenntnissen deutscher Verfassungsschützer steigt die Zahl der aus Deutschland kommenden Kämpfer für den Islamischen Staat (IS); 550 sollen es sein. Die Zahl der aus den Staaten der Europäischen (EU) Union stammenden Dschihadisten wird auf über 3000 geschätzt, wie der Anti-Terror-Beauftragte der EU Gilles de Kerchove in Brüssel erklärt. Bundesinnenminister Thomas de Maizière fordert: „Gemeinsam wollen wir verhindern, dass diese Menschen ausreisen, um Terror zu exportieren. Und wir wollen erst recht verhindern, dass sie als Kämpfer zurückkehren, um Anschläge in Europa zu begehen“. Erstmals wurde Anfang Dezember 2014 von einem deutschen Gericht in Frankfurt ein Kämpfer der Terrorgruppe IS verurteilt.

Aus Hamburg kamen Attentäter des 11. September 2001

Mit der Thematik „Al-Qaidas deutsche Kämpfer. Die Globalisierung des Islamistischen Terrors“ befasst sich Guido Steinberg in seinem neuesten Buch. Die Originalausgabe erschien 2013 in Englisch. Der promovierte Islamwissenschaftler arbeitet bei der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) in Berlin, die u.a. auch die Bundesregierung berät. Die Politik des Mittleren und Nahen Osten, Dschihadismus, Politischer und Terroristischer Islam gehören zu seinen Forschungsthemen. Als Referent auf überregionalen Tagungen und regionalen Sektionsveranstaltungen der Gesellschaft für Sicherheitspolitik ist er immer wieder gefragt. Der geballte Inhalt des Werkes ist schon daran zu erkennen, dass 47 Seiten (400-447) Anmerkungen dem Text folgen. Das erleichtert zwar das Lesen, zwingt aber immer wieder zu den Anmerkungen zu wechseln, da vieles Unbekannt ist und der Erklärung bedarf. Die Entstehung des Dschihadismus in Deutschland, im Kontext mit den internationalen Verbindungen, seine Ideologie und Strategie sowie die soziale Basis wird im ersten Kapitel beschrieben. Die eingehende Darstellung der Hamburger Zelle und ihres Umfelds, aus der drei der vier Piloten der Anschläge des 11. September 2001 hervorgingen, folgt.

Das „Sauerland-Komplott“

Die Sauerlandgruppe, ihre Planungen und die Verhinderung eines Terroranschlags durch die rechtzeitige Aufdeckung und Festnahme 2007 der Täter folgen. Vom sogenannten ersten deutschen Selbstmordattentäter, Cüneyt Ciftici, einem in Deutschland geborenen Türken, der am 3. März 2008 zwei amerikanische und zwei afghanische Soldaten mit ihn den Tod riss, handelt das vierte Kapitel. Hier geht der Autor auch auf die Deutschen in der Islamischen Dschihad-Union und ihre Motive und Wege ein. Die Türkei ist auf dem Weg nach Afghanistan eine Drehscheibe, nicht nur im Logistiknachschub, sondern auch in der Menschenschleusung in die Kampfgebiete und Rückzugsräume in Pakistan. Der Salafimus, in Deutschland erst spät als Rekrutierungsmöglichkeit für Dschihadisten erkannt, kommt im sechsten Kapitel zur Sprache, um dann die Situation der deutschen Taliban Mudschahidin zu erläutern. Sicher nur den Fachleuten der Terrorismusabwehr bekannt, ist die Islamische Bewegung Usbekistans gegen Deutschland. Allgemein sind im Visier Dschihadistischer Organisationen die Vereinten Nationen, die USA, Großbritannien, Frankreich, Russland und China.

Aus Deutschland zum Töten nach Kunduz

Im März 2011 wurde der Afghane Abdullah Hafizi (alias Miqdad) von amerikanischen Spezialkräften in der Region Kunduz getötet. Er lebte in Essen und schloss sich der Islamischen Bewegung Usbekistans (IBU) an. In einem IBU Video wurde sein Tod erklärt: „Unser Bruder Miqdad kam erst vor kurzer Zeit nach Waziristan, und er sagte zu uns: ´Bitte schickt mich schnell nach Kunduz, weil ich es nicht erwarten kann, Deutsche zu töten. `Noch vor kurzem lebte er in Deutschland und musste den deutschen Verbrechen tatenlos zusehen. Aber als Allah taala [Gott der Erhabene] ihm den Weg ebnete und ihm die Ehre erwies, eine Waffe zu tragen, zögerte er nicht.“ Für Steinberg ist die deutsche Präsenz in der Region Kunduz auf eine Fehleinschätzung zurück zu führen. Die Ursache sieht er in der mangelnden Kenntnis über die jüngste Geschichte des Gebiets.

Latente Befürchtungen von Anschlägen

Im neunten Kapitel, geht der Autor auf die sogenannte „Kunduz-Affäre“ ein. Der Kommandeur des PRT (Regionales Wideraufbauteam) Oberst Georg Klein befiehlt den Bombeneinsatz amerikanischer Kampfflugzeuge gegen entführte Tanklastzüge. Dabei werden zwischen 50 und 140 Menschen getötet. Der Afghanistankrieg und der Einsatz der Bundeswehr geraten in Deutschland ins Interesse der Öffentlichkeit. Die Beteiligung deutscher Soldaten am Krieg wird kontrovers diskutiert. Im vorletzten, dem zehnten Kapitel, wird der Einsatz deutscher Dschihadisten im syrischen Bürgerkrieg behandelt. Nach Meldungen vom November 2014 sollen 60 deutsche IS-Kämpfer getötet worden sein. Der Verfassungsschutz befürchtet, dass Rückkehrer eine terroristische Gefahr bedeuten.

Es ist fast unmöglich, Terroranschläge von Einzeltätern zu verhindern. Das zeigt der Fall Arid Uka, der am 2. März 2011 am Frankfurter Flughafen zwei amerikanische Soldaten tötet und zwei weitere schwer verletzt. Unabhängig davon sieht der Autor die deutschen Sicherheitsbehörden nicht gut für die kommenden Anforderungen der Terrorismusabwehr aufgestellt. „Die Schwäche der deutschen Sicherheitsbehörden - die auch im Umgang mit der Terrorzelle NSU in ihrer ganzen Tragweite deutlich wurde - muss beunruhigen, wenn man sich die wachsende Zahl der deutschen Dschihadisten in den letzten Jahren ins Bewusstsein ruft.“ „Zur Erinnerung an unsere in Afghanistan getöteten Soldaten“ hat Guido Steinberg das Buch geschrieben. Insgesamt ist es nicht einfach zu lesen, aber es stimmt nachdenklich.

Giudo Steinberg: Al-Qaidas deutsche Kämpfer. Die Globalisierung des islamistischen Terrorismus. Edition Körber-Stiftung, Hamburg 2014, ISBN 978-3-89684-162-9, Euro 18,-.

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