Wir erinnern

 

Erinnerungen an die Wiege der Bundewehr

„Andernach zieht BLANK“

Von Peter E. Uhde

So lautete das Motto eines Motivwagens mit dem eine Gruppe Soldaten im Andernacher Karneval als Landsknechtstruppe vor sechzig Jahren auftrat. Am 20. Januar 1956 erlebte Andernach am Rhein mit seinen damals 22.000 Einwohnern einen internationalen Presseauftrieb. Bundeskanzler Konrad Adenauer besucht die neuen deutschen Streitkräfte. Erstmals wurden sie der Öffentlichkeit präsentiert und alle Welt wollte davon einen Eindruck bekommen. Was würde sich da entwickeln, war nicht nur von ausländischen Journalisten die große Frage.

Bundeskanzler Konrad Adenauer besucht die ersten Rekruten in Andernach (Quelle: Archiv Bundeswehr)

„Juten Morgen Soldaten“ im zweiten Versuch

In einer Feierstunde aus Anlass „60 Jahre - Erste Rekruten der Bundeswehr“ gedenkt die Bundeswehr an den Truppenbesuch von Adenauer in der Krahnenberg-Kaserne. Begleitet wurde er von Theodor Blank, dem Bundesminister für Verteidigung und den Generalleutnanten Hans Speidel und Adolf Heusinger. Rund 1.500 Soldaten von Heer, Luftwaffe aus Nörvenich und der Marine aus Wilhelmshaven waren auf dem kleinen Antreteplatz in neuner Reihen angetreten. Als Adenauer sie mit „Juten Morgen Soldaten“ begrüßte, versagte das Mikrofon. „Einer bastelte kurz, Wiederholung - dann kam die Maulsalve „Guten Morgen Herr Bundeskanzler!“ „Dann hielt der alte Herr seine von meiner Abteilung vorbereitete Rede, unsichtbar von zwei Heizköpern erwärmt, damit er sich nicht erkälte. Immerhin war er gerade in diesen Tagen achtzig Jahre alt geworden“, schrieb der erste Presseoffizier der Bundeswehr Reinhard Hauschild in einem Brief.

Generaloberstabsarzt Dr. Michael Tempel, Inspekteur des Sanitätsdienstes eröffnet die Feierstunde an der "Wiege der Bundeswehr". (Quelle: PIZ SKB/Alpers)

Erhalt des Friedens ist die Aufgabe der Streitkräfte

Adenauer ging in seiner Ansprache darauf ein, dass es einziges Ziel der Wiederbewaffnung ist, „zur Erhaltung des Friedens“ beizutragen. Er sprach von der Bewährungsprobe, die die Einordnung der Streitkräfte in das Staatsgefüge für die Demokratie bedeutet und von der Bewährung, die die ehemaligen Soldaten in den zivilen Berufen erfahren haben. „Die Jüngeren von Ihnen, die zum ersten Male in einer soldatischen Gemeinschaft dienen, müssen sich stets vor Augen halten, dass der Geist der neuen Streitkräfte nicht nur durch die Führer, sondern auch durch die Geführten geformt wird.“ Er schloss seine Rede mit den Worten: „Ich wünsche Ihnen, dass Ihr Dienst Ihnen Freude und innere Befriedigung geben möge!“

Die Andernacher nennen sich noch heute so

Einer der damals in Reih und Glied stand war Anton Steer, der beim Festakt für „Die Andernacher“ das Wort an die Gäste richtet. Am 2. Januar 1956 eingerückt, machte er in der Bundeswehr Karriere und ging als Generalmajor 1992 in Pension. Nun steht er am Rednerpult und erinnert an die ersten Stunden und Schritte und die seiner Kameraden von damals. „Andernach war ein Gewinn für uns alle. Ich bin sicher, dass sehen nicht nur die ehemaligen Andernacher so, sondern auch viele mündige Staatsbürger, die die Freiheit in unserem Lande zu schätzen wissen“. Die Bezeichnung der Andernacher Lehrtruppe als Keimzelle des Heeres ist nicht von der Hand zu weisen.

Ansprache von Parl. Staatssekretär Markus Grübel. (Quelle: PIZ SKB/Alpers)

60 Jahre haben die Bundeswehr grundlegend verändert

Als „Hausherr“ der Krahnenberg-Kaserne, Standort des Instituts für Wehrmedizinalstatistik und Berichtswesen der Bundeswehr, eröffnet Generaloberstabsarzt Dr. Michael Tempel, Inspekteur des Sanitätsdienstes der Bundewehr, den Festakt. In Vertretung von Bundesministerin Ursula von der Leyen ist der Parlamentarische Staatssekretär Markus Grübel zu den „Männern der ersten Stunde“ gekommen. In seiner Rede spannt er den Bogen von der weltpolitischen Situation in den fünfziger Jahren bis heute. Momentan ist die Bundeswehr in 16 Auslandseinsätzen mit 2.800 Soldaten vertreten. Circa 17.000 sind durch Vor- und Nachbereitung gebunden und rund 6.000 sind in der Flüchtlingshilfe tätig. Der Chef der Staatskanzlei des Landes Rheinland-Pfalz Staatssekretär Clemens Hoch überbringt die Grüße der Ministerpräsidentin Malu Dreyer. Er nennt den 20. Januar einen Tag der geballten Erinnerung an die Wurzeln der heutigen Bundeswehr. „Ohne die Hilfe der Bundeswehr wären wir hilfloser“, so sein Fazit, an das sich das Musikstück „Yesterday“ von den Beatles anschließt. Das passt jetzt gut zu meinen Ausführungen meint Anton Steer und beginnt mit seinem Rückblick.

„Wiege“ der Bundeswehr - Rettung in letzter Stunde

In der letzten erhaltenen Baracke, dem „Denkmalgebäude“ des ehemaligen Truppenlagers, alle anderen sind der Abrissbirne zum Opfer gefallen, ist die militärgeschichtliche Sammlung „Wiege der Bundeswehr“ entstanden. Sie ist Bestandteil der Aus- und Weiterbildung auf den Gebieten der Militärgeschichte sowie der historischen und politischen Bildung. Für die Öffentlichkeit besteht die Möglichkeit „Militär, Staat und Gesellschaft in früherer Zeit“ kennenzulernen. Damit wird ein Beitrag zum Verständnis für die Bundeswehr und die Sicherheitspolitik Deutschlands geleistet. Viele der anwesenden Zeitzeugen haben dazu beigetragen, dass die militärhistorische Sammlung entstanden ist.

Feierliches Gelöbnis auf dem Marktplatz

Dunkelheit liegt über der Stadt. Eine Ehrenformation mit Truppenfahne, das Heeresmusikkorps aus Koblenz und 77 Rekruten der beiden Führungsunterstützungsbataillone 281 aus Gerolstein und 282 aus Kastellaun sowie des Bataillon Elektronische Kampfführung 931 aus Daun sind auf dem Marktplatz aufmarschiert und haben die Paradeaufstellung eingenommen. Ringsum stehen Zuschauer, in einer Seitengasse versucht eine kleine Gruppe Demonstranten das Zeremoniell zu stören. Meldungen schallen über den Platz. Oberstleutnant Kai Lootz hält die Gelöbnisansprache und übergibt dann das Mikrofon an die Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz Malu Dreyer.

Feierliches Gelöbnis auf dem Marktplatz. (Quelle: PIZ SKB/Alpers)

Dank in aller Öffentlichkeit

In einem Abriss geht sie auf die Entstehung der Bundeswehr, die Westintegration, Innere Führung, Parlamentsarmee, Armee der Einheit, Auslandseinsätze Krisen und Herausforderungen ein. Sie betont und dankt der Bundeswehr für die Unterstützung in der Bewältigung der Flüchtlingsproblematik. Direkt zum Gelöbnis sagt sie „Seien Sie sich bewusst, dass die Worte die Sie gleich sprechen werden, ein Ausdruck unseres großartigen Wertesystems sind, in welchem wir aufgewachsen sind. Ich fordere Sie alle auf, gegenseitige Vorurteile abzubauen und gemeinsam zusammenzuarbeiten. Die demokratischen und menschlichen Werte gilt es zu verinnerlichen, zu schützen und an die kommenden Generationen weiter zu geben. Eine stabile Demokratie lebt vom Engagement ihrer Menschen. Engagieren Sie sich und übernehmen Sie Verantwortung in Gesellschaft und Gemeinwesen, denn nur durch unseren persönlichen Einsatz und unser Vorbild können wir diese Werte in die Zukunft weitertragen und unseren Beitrag dazu leisten“.

Oberstleutnant Kai Lootz, Staatssekretär Markus Grübel, Ministerpräsidentin Malu Dreyer und Generalleutnant Martin Schelleis (v.l.) gratulieren (Quelle: PIZ SKB/Alpers)

Nach Ablegen des Gelöbnisses folgt die Nationalhymne mit anschließendem Ausmarsch der Ehrenformation. Die Absperrgitter werden weggeschoben, Angehörige und Rekruten liegen sich in den Armen. Ein besonderer Tag im jungen Soldatenleben an den sich auch die „Andernacher“ erinnern, geht zu Ende. Für die Gäste steht noch ein Empfang im Rathaus auf dem Programm, eingeladen haben Oberbürgermeister Achim Hütten und Generalleutnant Martin Schelleis, Inspekteur der Streitkräftebasis.

Militärgeschichtliche Sammlung der Bundeswehr, Krahnenberg-Kaserne, Aktienstrasse 87, 56626 Andernach, Ansprechpartner OTL a.D. Dieter Ulrich Schmidt, Tel.: 02632-45687, www.wiege-der-bundeswehr.de

 

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60 Jahre Bundeswehr in Andernach

Junge Rekruten und alte Erinnerungen

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