Wir erinnern

60 Jahre Bundeswehr

Vom Master Sergeant zum Rekrut

Aus kleinen Anfängen zur starken Truppe

Von Peter E. Uhde
Vereidigung der ersten Soldaten Überreichung der Urkunden in Andernach, 16. Januar 1956 - Quelle: BArch Bild 146-2005-0062

Andernach, wo ist denn das? Diese Frage stellten sich in den letzten Dezembertagen 1955 viele Männer, die sich freiwillig zu den neuen Streitkräften gemeldet hatten. Das kleine Städtchen am Rhein mit seinen damals rund 22.000 Einwohnern, wurde am 2. Januar 1956 schlagartig in der ganzen Welt bekannt. Hier traten erstmals ehemalige Soldaten der Wehrmacht und ungediente Freiwillige ihren Dienst in Truppenteilen der aufzustellenden deutschen Streitkräfte an. Aus 1000 Mann sollte das neue Heer aufgebaut werden.

Joachim Barbknecht war einer der Freiwilligen. Der gebürtige Berliner, Jahrgang 1926, hatte die Uniform des amerikanischen Labour Service zum 31. Dezember 1955 ausgezogen. Zwei Tage später begann er den Dienst als Offizieranwärter. Die Umstellung vom Master Sergeant, so sein bisheriger Dienstgrad, zum "Rekrut" war nicht einfach. Während der Eignungsübung von vier Monaten ruhte das Arbeitsverhältnis und er hätte wieder in seinen Dienstbereich zurück können.

Aus den Dienstgruppen der Amerikaner, Engländer und auch Franzosen sind viele Angehörige in den ersten Monaten des Jahres 1956 in die Bundeswehr eingetreten. Der politische Versuch, ganze Dienstgruppen geschlossen zu übernehmen, um die "neue Wehr" schneller aufzubauen, scheiterte aber. Das erste Ziel der Aufstellung und der Aufbauphase der Streitkräfte war das sogenannte "6.000er Programm". Es war eine realistische Annahme, wie sich später herausstellte.

Empfangen wurden die Neuen von Offizieren und Unteroffizieren, die gerade einmal vier oder zwei Wochen vorher in Andernach angefangen hatten. "Wir jungen Unteroffiziere - wir waren zwischen 31 und 33 alt - wurden mit vier Mann auf einer recht kleinen Stube untergebracht", schreibt Walter Sturm in der Information für die Truppe (IfdT 5/81). Die "Dezembersoldaten" hatten die organisatorischen und materiellen Vorbereitungen für die Aufnahme der zum 2. Januar Einberufenen zu treffen. Die Zusammensetzung der Freiwilligen war sehr unterschiedlich. Vom jungen Abiturienten bis hin zum verheirateten Familienvater war alles vertreten. Einer der Abiturienten war Karl Sasse. Er reiste von Schwandorf über Koblenz nach Andernach. Auf dem Koblenzer Bahnhof wurde bekannt gegeben, auf welchem Gleis der Zug zur "neuen Wehrmacht" nach Andernach abfuhr.

Hans-Ulrich Fedder hatte auch schon vier Wochen vorher Bekanntschaft mit der Annahmestelle Andernach gemacht. Hier musste er sich einer Eignungsprüfung unterziehen. Sie verlief erfolgreich, sodass ihm mit Schreiben vom 2. Dezember die Einstellung als Panzergrenadier zum 1. Januar mitgeteilt wurde. Das Gehalt der Freiwilligen betrug 235,58 Mark. Davon wurden 2,50 für die Teilnahme an der Gemeinschaftsverpflegung pro Tag abgezogen. Die Unterschrift des Bundesministers der Verteidigung Theodor Blank auf der Ernennungsurkunde datiert vom 29. Dezember 1955. Die Stube 6 in der Baracke 33 wird nun für die nächste Zeit seine Unterkunft. Der erste Ausgang nach Andernach erfolgt in Begleitung des Gruppenführers. Der einzige Vorzeige-Leutnant in Andernach war Wolfgang Hartelt. Als Oberfähnrich der Wehrmacht hatte der Ritterkreuzträger das Kriegsende 1945 erlebt und war nun Leutnant. Kommandeur der Andernacher Lehrtruppe war Oberst Ernst Philipp.

Das Andernacher Lager war 1937 als Luftwaffenlazarett gebaut worden. Umfangreiche Bau- und Ausbesserungsarbeiten an den Baracken waren bis zum letzten Tag vor der Aufnahme im Gange. Im Aufstellungsbefehl Nr. 1 vom 6. Oktober 1955 des Verteidigungsministeriums wurde angeordnet, dass durch die Abteilung Heer 4 gemischte Lehrkompanien, 1 Musikkorps, 1 Wirtschaftsgruppe und 1 Militärpolizei-Lehrkompanie aufzustellen sind. Bewerbungen hatte es genügend gegeben, bis August 1955 waren es 152.166 gewesen.

Am Montag, dem 2. Januar fiel leichter Nieselregen und der Himmel war grau verhangen. Die ersten fünfhundert Neuen kamen mit der Bahn oder wurden auch schon mit dem Auto des Vaters gebracht. Vereinzelt trafen auch Motorradfahrer ein. Meistens waren Koffer aus Presspappe, aber auch aus Leder die Begleiter auf der Antrittsreise zum Dienst. Die Wache an dieser ersten Heeresgarnison war nicht mit Soldaten besetzt. Angehörige einer zivilen Wach- und Schließgesellschaft versahen hier ihren Posten- und Streifendienst.

Geweckt wurde um 05.45 Uhr

"Kompanie aufstehen" lautete am 3. Januar um 04.45 der Weckruf. Neue und ungewohnte Töne für viele Ohren, andererseits Erinnerungen für die, die schon einmal eine Uniform getragen hatten.

Die Einkleidung ging schnell vonstatten. Arbeitsanzug und Ausgehuniform deutscher Fertigung waren aus Stoffen, die heute belächelt würden. Auch das Unterkunftsgerät und Teile der persönlichen Ausrüstung kamen schon aus heimischer Produktion. Die Ausbilder trugen auch zum Geländedienst eine Krawatte. Der Stahlhelm, ein amerikanisches Modell, bestand aus zwei Teilen, nämlich aus einem Papphelm und darüber der eigentliche Helm. Dieser hatte seine Tücken, er rutschte immer in den Nacken. Zur Unterscheidung der Truppengattungen gab es Abzeichen aus Messing. Sie hatten keinen langen Bestand. Schon Ende 1956 wurden sie durch Kragenspiegel ersetzt. Schnürschuhe, mit darüber getragenen Leinengamaschen, ersetzten die "Knobelbecher."

In den ersten Tagen ging es Schlag auf Schlag. Barbknechts und Sasses Sechs-Mann-Stube war immer auf Trab. Die kleine Gemeinschaft fand sich schnell zusammen. Formaldienst stand an den ersten Diensttagen im Vordergrund. Aber auch Waffenausbildung, Geländedienst und Sport füllten den Tag aus. Nachtausbildung und Dienst am Samstag waren normaler Alltag. Zapfenstreich 22.00 Uhr eine Selbstverständlichkeit. Die Behandlung durch die Vorgesetzten war fordernd, der Umgangston sachlich. Die Suche nach dem Schleifer Platzek aus dem Film 08/15, wie sie immer wieder vor allem von ausländischen Gästen stattfand, hatte keinen Erfolg.

Schon am 13. Januar besuchte Bundesverteidigungsminister Theodor Blank in Begleitung von Generalleutnant Adolf Heusinger die Andernacher Truppe. Viele Ernennungen wurden vor der erstmals im Karree angetretenen Truppe ausgesprochen.

Der Bundeskanzler besucht erstmals die Streitkräfte

Der große Tag für die neuen Streitkräfte kam dann am 20 Januar 1956. Aus Nörvenich, dort hatten die ersten Freiwilligen der Luftwaffe ihren Dienst angetreten und aus Wilhelmshaven die der Marine, waren Abordnungen nach Andernach gekommen. Bundeskanzler Konrad Adenauers erster Besuch bei den Streitkräften wurde zu einem der größten Medienereignisse der damaligen Zeit. Bis zuletzt war der Antreteplatz für die rund 1500 Soldaten hergerichtet worden, um "den Alten" zu empfangen. Das erste Musikkorps der Bundeswehr spielte den Yorkschen Marsch, als der Kanzler mit seinem schwarzen Dienst-Mercedes anfuhr. Dieser steht heute im Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland in Bonn.

Um überhaupt alle Soldaten auf dem kleinen Appellplatz unterzubringen, war man in mehreren Gliedern tief angetreten. Nach Meldung der Formation schreitet Adenauer, begleitet von Theodor Blank, Generalleutnant Adolf Heusinger und Generalmajor H. Laegeler die Front ab. Als der Kanzler von einem erhöhten Podest die Truppe begrüßen will, versagte das Mikrophon. Erst beim zweiten Versuch klang das rheinische "Juten Morjen, Soldaten" deutlich über den Platz. Die ihm entgegenschallende "Maulsalve": "Guten Tag, Herr Bundeskanzler", war unüberhörbar.

Adenauer hatte am 5. Januar seinen 80-sten Geburtstag gefeiert. Er war etwas erkältet, hatte einen Hut auf und einen Schal um den Hals. Zwei verborgene Wärmestrahler waren im Podest eingebaut, um ihn etwas vor der Kälte zu schützen.

Ein amerikanischer Panzer und eine Haubitze waren rechts und links des Podestes aufgebaut. Den Panzer wollte Adenauer unbedingt besteigen. Das wurde ihm aber ausgeredet. An diesem Tag feierte auch der Erbseneintopf wieder seinen Einstand in die Streitkräfte. Gemeinsam aß der Nichtsoldat Adenauer mit den Soldaten die wärmende Suppe. Nach der Eintragung ins Goldene Buch der Stadt Andernach ging es wieder zurück nach Bonn.

Über vierhundert Journalisten aus aller Welt erlebten dieses Ereignis mit. Die Eilmeldungen und Kommentare liefen in den nächsten Stunden in allen Redaktionen ein.

Erfahrung und Improvisation waren gefragt

Für die Ausbildung gab es noch keine neuen Vorschriften. Erfahrungen der Gedienten und die Hilfe der amerikanischen Ausbildungsteams waren Ersatz. Dolmetscher halfen bei den Übersetzungen der Schau- und Lehrtafeln. Die Infanteriewaffen kamen ausnahmslos von den Amerikanern. Der Karabiner M(odell) 1 war leicht und handlich, nur die Treffsicherheit über 100 Meter schon "Glücksache". Das Bimsgrubengelände bei Andernach stand für die Geländesausbildung zur Verfügung. Zum Schießen wurde auf die Koblenzer Schmittenhöhe oder auf den noch vorhandenen Schießstand auf dem Bonner Hardtberg gefahren. Unter anderem war die Handhabung der Panzerabwehrwaffe, der "Bazooka" zu erlernen. Bitter kalt war es fast immer und die persönliche Ausrüstung unzweckmäßig, erinnern sich die "Damaligen". Der Trainingsanzug wurde unter dem Arbeitsanzug getragen. Als Schlafsack fungierte eine Decke mit Reißverschluss. Als Regenschutz die eigene Hälfte des Zweimannzeltes, das schnell den Namen "Dackelgarage" bekam.

Der Aufbau der Truppenschulen und Lehrbataillone beginnt

Nach vier Monaten in Andernach beginnt die Trennung in Truppengattungen. Diese sollen Lehrbataillone und Truppenschulen aufbauen. So werden die z.B. die Grenadiere nach Hammelburg, die Panzer und Panzergrenadiere nach Munsterlager, die Artilleristen nach Idar-Oberstein und die Panzerjäger nach Bremen-Grohn versetzt. Hier ist Barbknecht dabei. Nach weiterer Ausbildung wird er im April 1957 zum Leutnant befördert, und gehört damit zu den "Selbstgestrickten", wie die Truppe sie nennt. Sasse sieht Bremen-Grohn erst Monate später. Bei einem Motorradunfall zieht er sich schwere Verletzungen zu. Das Andernacher Krankenhaus wird für längere Zeit sein Aufenthaltsort. Sein militärischer Werdegang verläuft dann in anderen Bahnen. Nach Absolvierung der Heeresoffizierschule wird er Offizier der Flak. Als bei der Luftwaffe die Flugabwehr aufgebaut wird, ist er dabei. Als Generalmajor und Kommandeur der 4. Luftwaffendivision beendet er seine Dienstzeit. Im Blick zurück an die damalige Zeit meint er: "Es war ein bescheidener, aber guter Anfang."

"Die Schwierigkeiten gingen erst richtig los, als wir von Andernach zu den einzelnen Standorten versetzt wurde, um dort die Lehrbataillone bzw. die einzelnen Truppenschulen aufzubauen", schreibt Oskar Bach, Hauptfeldwebel, in der IfdT 5/81. Und weiter: "Dort angekommen (in Rendsburg) mussten wir erst einmal Spinde und Betten schleppen." Aber auch dieses nimmt einmal ein Ende und die Ausbildung geht nicht nur in Rendsburg richtig los. Sein Unteroffizierlehrgang ist der erste, der in Todendorf nach dem Zweiten Weltkrieg wieder mit Flugabwehrwaffen schießt. "Aber all diese Entbehrungen und Opfer, die man auf sich nahm, zählen heute nicht mehr. Sie sind vergessen, so wie die meisten Männer der ersten Stunde vergessen sind."

Es mag sein, dass sie vergessen sind. Wer dabei war, wird sich aber in diesen Tagen wieder an die damalige Zeit erinnern. Die Leistungen, die sie erbracht haben und die mit dazu beitrugen, dass die Bundesrepublik Deutschland sich seitdem in Frieden und Freiheit entwickeln konnte, wird aber in Erinnerung bleiben.

 

YouTube-Video: Die ersten Tage der Bundeswehr 1956

 
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