Buchrezension

Kein Abschied vom Soldaten

Die Geschichte der Bundeswehr

Von Peter E. Uhde

Ausgehend vom Gründungsjahr 1955 besteht die Bundeswehr nun 62 Jahre. Militärische Feiern zum 50. und auch zum 60. Jahrestag hat es gegeben. Welche Gründe gibt es nun „Die Geschichte der Bundeswehr“ zu veröffentlichen? Waren es in den letzten Monaten die Diskussionen „um die Streitkräfte“, die den Autor zu diesem Schritt veranlasst haben, oder wollte er der Öffentlichkeit den Zugang zur Armee eröffnen?

Nach zivilen Hilfseinsätzen stiegen die Zustimmungswerte

Das Geschichtsbuch, so kann man es durchaus nennen, ist in zehn Kapitel gegliedert. Vorangestellt eine Einleitung, die treffend „Die Bundeswehr – Wandel und Kontinuität“ – überschrieben ist. Ein Soldat, der durch ein Fernglas blickt, fragt „Quo vadis Bundeswehr“. Diese Frage zieht sich durch den Bildband. Immer wenn Soldaten sich im zivilen Einsatz für die Bürger betätigt haben, z.B.bei der Flutkatastrophe 1962 in Hamburg, beim „Wunder von Hohenwutzen“ 1997 oder beim Hilfseinsatz 2016 bei der Bewältigung der Flüchtlingskrise, steigt die Zustimmung für die Streitkräfte. Aber auch auf soziale und politische „Verspannungen“ im Verhältnis zu den Streitkräften wird in der Einleitung hingewiesen. „Bis heute haben sich Skepsis und Distanz in der Mitte und Ablehnung auf dem linken Rand des politischen Spektrums gehalten, wenn auch die Meinungsumfragen schon seit Jahrzehnten beachtlich hohe Zustimmungsraten zur Bundeswehr ergeben“. Zitiert wird dann der ehemalige Bundespräsident Horst Köhler mit seiner Feststellung, mehr als ein „freundliches Desinteresse“ sei das aber nicht. Ein Hinweis, dass der Bundespräsident bei den Panzergrenadieren gedient hatte und Reserveoffizier ist, wäre angebracht gewesen. Seit ihrer Gründung ist die Bundeswehr in einem ständigen Reform- oder Transformationsprozess, wobei sich das auf Personal und Ausrüstung bezieht. „Das Wechselspiel von Veränderungen und Fortbestehendem ist faszinierend“, findet der Autor. Um diese Aussage zu bestätigen greift er vier Gesichtspunkte heraus. Militär als Sicherheitsinstrument der Politik, die Streitkräfte in Staat und Gesellschaft, Multinationalität, Reformen in Verbindung mit neuen Aufgaben. Die Kombination von Methoden aus der Geschichtswissenschaft und den Sozialwissenschaften zieht sich durch alle Texte.

Ein Rückblick in die deutsche Geschichte

Der Bogen spannt sich von Preußen, seine Militärreformen, die Zeit der Freiheitskriege, Erster- und Zweiter Weltkrieg, Weimarer Republik und Reichswehr bis zum Dritten Reich und der Wehrmacht. Im nächsten Kapitel erfährt der Leser etwas über die Zeit der Vorbereitung einer möglichen Wiederbewaffnung bis zum „Aufbau und Unbehagen“, wie das dritte Kapitel überschrieben ist. Mit Unbehagen sind die Widerstände gegen die Schaffung einer „neuen Wehrmacht“ gemeint. Durch alle Gesellschaftsschichten zog sich die Ablehnung, dass es in der Bundesrepublik wieder Militär geben sollte. Trotz allem wurde die Wiederbewaffnung politisch durchgesetzt und die ersten Soldaten ohne Pomp am 21. November 1955 in einer ehemaligen Kraftfahrzeughalle in der Ermekeil-Kaserne in Bonn ernannt. Über die Andersartigkeit der neuen Streitkräfte gegenüber Reichswehr und Wehrmacht, eine neue politisch-militärische Kultur in Bezug auf die demokratische Kontrolle, die Innere Führung und den Staatsbürger in Uniform, Tradition und Bündnisorientierung, wird im Folgenden eingegangen. Nach diesen mehr inneren Themen folgen die Betrachtungen darüber, wofür Soldaten da sind, um zu kämpfen. Die Zeit des Kalten Krieges mit der Aufrechterhaltung des „Gleichgewichts des Schreckens“, die Widerstände aus der Gesellschaft bis hin zur Durchsetzung des NATO-Doppelbeschlusses.

Ein gelungenes Experiment – aus Zwei mach Eins

Ein eigenes Kapitel bildet die Zeit der Wiedervereinigung mit der Auflösung und Eingliederung von Teilen der ehemaligen Nationalen Volksarmee der DDR. Mit der „Armee der Einheit“ kann sich der Leser befassen und nachvollziehen, wie dieses in der Geschichte einmalige „Experiment“ geglückt ist. Nach Auflösung der Warschauer Vertragsorganisation, den neuen sicherheitspolitischen Ereignissen in Europa und der Welt, konnte die „alte“ Bundeswehr die neuen von ihr geforderten Aufgaben nicht erfüllen. Eine Reform an Haupt und Gliedern traf sie unvorbereitet. Das Ende der Wehrpflicht war ein tiefgreifender Einschnitt, nicht nur für die Bundeswehr, sondern auch für die Gesellschaft. Mit ihr fiel auch der Zivildienst weg und damit standen die Sozialorganisationen vor großen Problemen. Mit dem Afghanistaneinsatz war die Bundeswehr im Krieg, auch wenn das zu Beginn von den Politikern nicht ausgesprochen wurde. Erstmals fielen deutsche Soldaten im Einsatz für die Freiheit. In diesem Zusammenhang wird immer wieder der damalige Verteidigungsminister Peter Struck zitiert, der in einer Regierungserklärung am 11. März 2004 sagte: „Unsere Sicherheit wird nicht nur, aber auch am Hindukusch verteidigt.“ Mehr als fünfzig Tote hat die Bundeswehr in Afghanistan zu beklagen, darunter 35 in Gefechten oder anderen Feindaktionen. Mehr als 13 Jahre sind seither vergangen und neue Konflikt- und Kriegsformen haben sich ausgebreitet. Im letzten Kapitel wird darauf eingegangen, bevor der Verfasser mit einem Ausblick abschließt. Einen „Abschied vom Soldaten“ sieht er nicht, „nein sie werden nach wie vor gebraucht.“ Insgesamt ein gut lesbares Buch, für den geschichtsinteressierten Bürger aber auch für aktive Soldaten.

Bredow, Wilfried, von: Die Geschichte der Bundeswehr, Palm Verlag, 2017, ISBN 978-3-944594-64-4, Format DIN A4, 160 S. mit zahlreichen Info-Kästen, sechs Zeittafeln, Fotos, Preis € 29,95.

 
Nach oben Zurück