EMPA - Kongress

 

Ungarns Blick richtet sich nach Südosteuropa und zum Balkan

38. Kongress der Europäischen Militärpresse in Budapest

Von Peter E. Uhde
38. EMPA-Kongress 2017 - Ungarn
Eingang zum Mediencentrum der ungarischen Streitkräfte mit Kongresslogo EMPA. - Foto: Uhde

Ungarn ist seit 1999 Mitglied des Nordatlantischen Verteidigungsbündnisses, der NATO. Die Sicherheits- und Verteidigungspolitik sowie deren Streitkräfte standen im Mittelpunkt des 38. Kongresses der Europäischen Militärpresse Vereinigung (EMPA). Dazu hatten der Verteidigungsminister und der Chief oft Defence oft the Hungarian Defence Forces im Oktober nach Budapest eingeladen. Zuerst einige Informationen über das Land, seine Geschichte und die Bevölkerung, um danach seine Sicherheitspolitik und die Streitkräfte besser einordnen zu können.

Außengrenzen zu sieben Nachbarn

Das Land hat eine Gesamtfläche von rd. 93.000 Quadratkilometer, die Einwohnerzahl liegt bei etwas unter zehn Millionen. Zum Vergleich: Deutschland ist etwa viereinhalbmal so groß und hat gut 82 Millionen Einwohner. Ungarns Außengrenzen zu den sieben angrenzenden Staaten betragen ca. 2000 Kilometer. Nachbarn sind: Österreich, Slowakei, Ukraine, Rumänien, Serbien, Kroatien und Slowenien. Knapp 86 Prozent der Einwohner bezeichnen sich als ethnische Ungarn, etwas über 3 Prozent als Sinti und Roma, knapp 2 Prozent als Deutsche und ca. 17 Prozent als andere, d.h. als Slowaken, Polen, Ruthenen. Armenier, Bulgaren, Kroaten, Serben, Slowenen, Ukrainer und Rumänen. Der Ausländeranteil liegt bei ca. 2 Prozent. Etwa 40 Prozent der Bevölkerung bekennt sich zur römisch-katholischen Kirche.

Ab ca. 800 siedelten Stämme im ungarischen Tiefland

Die wechselvolle Geschichte Ungarns kann hier in nur knapper Form, ab Beginn des 20. Jahrhunderts, dargestellt werden. Nach der Ermordung des österreichischen Thronfolgers und seiner Ehefrau im Juni 1914 begann die Österreichisch-Ungarische Monarchie am 28. Juli 1914 den Krieg gegen Serbien. Während des Krieges traten in dem Vielvölkerstatt die Nationalitätenkonflikte immer mehr zu Tage und es wurde deutlich, dass nach einer Niederlage der verbündeten Mittelmächte, die Doppelmonarchie aufhören würde zu bestehen. Im Oktober 1918 kam es im ungarischen Parlament zur Erklärung der Unabhängigkeit. In den Waffenstillstandverhandlungen und dem darauf folgenden Frieden von Trianon im Juni 1920 musste Ungarn ca. 70 Prozent seines Territoriums, in dem etwa zwei Drittel der Bevölkerung lebten, u.a. an die neu gegründete Tschechoslowakei, Serbien und Rumänien abtreten. Diese politische Entscheidung unter der Regierung Miklós Horthy ist bis heute in Ungarn nicht vergessen und belastet das Verhältnis zu seinen Nachbarn. Knapp drei Millionen ethnische Ungarn leben als nationale Minderheiten in anderen Staaten. Horthy regierte da Land autokratisch bis Oktober 1944. Schon im November 1940 war Ungarn dem Dreimächtepakt von Deutschland, Italien und Japan beigetreten und beteiligt sich auch mit Truppen am Angriff auf die Sowjetunion 1941. Als die Rote Armee 1944 Ungarn besetzt, ziehen sich die Wehrmacht zurück und eine provisorische kommunistische Regierung schließt Ende Januar 1945 mit den Alliierten einen Waffenstillstand.

Herbst 1956: Sowjetische Panzer walzen Freiheitshoffnungen nieder

Nun beginnt die Sowjetisierung des Landes. Am 18. Februar 1948 schließt Ungarn einen Vertrag über Freundschaft, Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe mit der Sowjetunion. 1949 wird die Volksrepublik Ungarn proklamiert. Im Mai 1955 tritt das Land dem Warschauer Pakt bei. Im Oktober 1956 bricht ein Volksaufstand aus, der im November von sowjetischen Truppen niedergeschlagen wird. Zahlreiche Ungarn fliehen vor der Verfolgung, viele auch in die Bundesrepublik. Die Erosion der politischen Verhältnisse beginnt dann auch in Ungarn mit den Reformen in der Sowjetunion unter Michail Gorbatschow in den achtziger Jahren. Anlässlich des Jahrestages des Volksaufstandes von 1956 kommt es 1988 zu Massenprotesten gegen das herrschende Regime.

Zwei Entscheidungen für das 21. Jahrhundert

1990 finden in Ungarn erstmals freie Wahlen zur Nationalversammlung statt. Die Orientierung Richtung Westen beginnt. Mit der Aufnahme in die NATO 1999 und in die Europäische Union 2004 schlägt Ungarn ein neues Kapitel seiner Geschichte auf. In diesem Zusammenhang sei nur kurz die ungarische Stadt Visegrád erwähnt. Im Februar 1991 wird hier von Polen, der damaligen Tschechoslowakei und Ungarn die sogenannte Visegrád-Gruppe gegründet. Ungarn hat seit Juli 2017 den Vorsitz in der, „V-4“ – durch die Trennung in Tschechien und Slowakei – genannten Staatengruppe. Die Zusammenarbeit bezieht sich auf Verteidigungspolitik, Migrationsfragen und andere die Mitglieder betreffenden Angelegenheiten. Absicht ist auch eine verstärkte Zusammenarbeit bei Ausbildung, Übungen, Ausrüstung und Beschaffung. Konkret ist beabsichtigt die EU-Battle-Group 2019 wieder zu stellen.

38. EMPA-Kongress 2017 - Ungarn
Ein Teil der Ausrüstung ist amerikanischen Ursprungs, ein Humwee mit Bewaffnung. - Foto: Uhde

Sicherheits- und Verteidigungspolitik

Sie orientiert sich an der Bündniszugehörigkeit zur NATO und EU. Die Migrationskrise und terroristische Anschläge führen zu öffentlich ausgetragenen Diskussionen um die Innere Sicherheit. Die nationale Sicherheits- und Militärstrategie sollen überarbeitet werden. Die Streitkräfte können inzwischen, durch eine Gesetzesänderung, zur unterstützenden Grenzsicherung eingesetzt werden. Bilder, wie ungarische Soldaten an der Landesgrenze Zäune errichten und Streife laufen, sind im Fernsehen immer wieder zu sehen. Für 2018 plant Ungarn die Beteiligung an der NATO Very High Readiness Joint Task Force (VJTF). An dieser “Einsatzgruppe mit hoher Einsatzbereitschaft”, im NATO-Slang auch “Speerspitze” genannt, ist auch Deutschland beteiligt. Vorrangige Kooperationspartner sind die USA, Deutschland aber auch die Nachbarstaaten. Die bilateralen deutsch-ungarischen Beziehungen sind traditionell gut. Carl von Clausewitz Hauptwerk: Vom Kriege, ist gerade neu in ungarischer Übersetzung im Militärverlag erschienen.

Der Schwerpunkt der Sicherheitspolitik richtet sich nach Süd-Ost-Europa und zum Balkan. Der Zustand der Streitkräfte ist aufgrund langjähriger Unterfinanzierung nicht besonders positiv zu bewerten, die Zukunftsplanungen lassen aber auf eine Besserung hoffen.

Die Schwächen in Struktur und Ausrüstung sind erkannt

Hier wird jetzt gegen gesteuert und bis 2026 soll das „Zwei-Prozent-Ziel“ des BIP, das auf dem NATO-Gipfel am 4./5. September 2014 in Wales vereinbart wurde erreicht sein. „Zrínyi 2026“ ist die Bezeichnung für ein zehnjähriges Verteidigungs- und Militärentwicklungsprogramm. Darin enthalten ist ein freiwilliges Reservesystem für den Gebietsschutz, sprich Heimatschutz. Die Gesamtstreitkräfte Ungarns haben eine Stärke von 27.800 Soldaten. Sie verteilen sich auf das Heer (10.460), die Luftwaffe (5740) und den Joint Service mit 11.600 Frauen und Männern. Die Personallage ist insgesamt schwierig. Es werden große Anstrengungen zur Attraktivitätssteigerung gemacht. Die Belastung durch die Unterstützung der Polizeikräfte an der Grenze ist groß. Hier waren bis zu 5000 Soldaten eingesetzt. Das schon erwähnte Reservistenkonzept sieht vor, dass in jedem der 197 Bezirke Reservistengruppen in Kompaniestärke (rd. 100 Mann) aufgestellt werden. Die Modernisierung der Ausrüstung der eher veralteten sowjetischen Art kommt nur schleppend voran. Gedacht ist an Hubschrauber, Transportflugzeuge, Panzer, Artillerie, Lastkraftwagen, Fernmeldegerät, IT-Ausstattung und natürlich auch an die persönliche Schutzausrüstung des Soldaten.

Truppenbesuch bei Luftwaffe und Heer

Die Luftwaffe hat 14 Saab JAS Gripen-Jets bis 2018 von Schweden geleast, die auf dem Flughafen Kecskemét stationiert sind. Dieses Jakt (Jagd), Attack (Angriff), Spaning (Aufklärung) Mehrkampfflugzeug hat eine Reichweite von 3250 Kilometer. 2015 war die Luftwaffe mit dem Gripen beim NATO Air Policing im estnischen Ämari eingesetzt; 2019 wird sie diese Aufgabe wieder übernehmen. Es wird auch bei der Luftwaffe des NATO-Mitgliedes Tschechien eingesetzt. Zudem sind drei Transportflugzeuge vom Typ C-17 Globemaster III mit ungarischen Hoheitsabzeichen registriert und auf dem Fliegerhorst Pápa stationiert. Sie werden von der multinational besetzten der NATO Airlift Management Organisation betrieben. In Szolnok ist ein Hubschrauberstützpunkt mit Mi-8 und Mi-17. Geplant ist die Beschaffung von mehreren leichten Mehrzweckhubschraubern vom Typ Eurocopter A S350. Die Entscheidung darüber wird wohl von der neuen Regierung nach der Wahl im Frühjahr 2018 fallen.

Das militärische Handwerk wird beherrscht

38. EMPA-Kongress 2017 - Ungarn
Ein Feindfahrzeug ist in einen Hinterhalt geraten. - Foto: Uhde
 
 
38. EMPA-Kongress 2017 - Ungarn
Aktion beendet: Die Mi-17 holt das Einsatzkommando zurück. - Foto: Uhde

Die Kongressteilnehmer werden aus der Kaserne auf den Truppenübungsplatz verlegt. Im Sonnenschein des Herbstages sind die Rotoren eines anfliegenden Hubschraubers zu hören, zu sehen ist noch nichts. Plötzlich geht alles schnell. Kaum ist die Mi-17 gelandet sitzt eine Gruppe Infanteristen ab, die Rotoren heulen auf und im Tiefflug verschwindet der Hubschrauber hinter den bunten Baumwipfeln. Die Gruppe legt einen Hinterhalt. Der Überfall auf einen Humwee ist erfolgreich. Nun wird der Landeplatz für die Abholung der Gruppe mit einem Rauchkörper markiert. Nach einigen Minuten kommt die Mi-17 im Tiefflug wieder an. Unter gegenseitiger Sicherung sitzt die Gruppe wieder auf. Der Helikopter zieht hoch und verschwindet am Horizont. Oberstleutnant Norbert Váczi ist mit dem Ablauf der Lehrvorführung an diesem Tag zufrieden. Die Besuchergruppe tritt die Rückfahrt an. Die militärische Historie Ungarns dagegen erleben die internationalen Teilnehmer zum Kongressende im Institut und Militärgeschichtlichen Museum in Budapest.

38. EMPA-Kongress 2017 - Ungarn
Bei der Generalversammlung des Kongresses wurden verliehen: Best Photo Award an Andrea Bienert und Best Article Award an Markus Tiedge, Redaktion der Bundeswehr, Berlin. Eingerahmt von OTL i.G. Arne Collatz-Johannsen und Brigadier Wolfgang Peischel, EMPA-Präsident. - Foto: Uhde
 
 
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