Buchrezension

 

Führungsmacht Deutschland.

Strategie ohne Angst und Anmaßung

Eine Buchbesprechung von Heinz Neubauer

Ein Essay soll eine anregende Abhandlung über ein eher abstraktes Thema sein, weniger wissenschaftlich grundiert, eher gut lesbar und so den Leser anregend. – Wohl an, dies ist dem Autorenduo Leon Mangasarian und Jan Techau geglückt. Rechtzeitig zu den nach der Bundestagswahl anstehenden Verhandlungen in Deutschland und in der NATO formulieren sie das Konzept ‚servant leadership‘ (wörtlich: „dienende Führung“) für eine neue, erweiterte Rolle Deutschlands.

Ausgangsbasis für die Betrachtungen ist die besondere Situation Deutschlands, dessen Sicherheit und Stabilität nach dem Zweiten Weltkrieg und dem totalen Zusammenbruch von anderen Mächten in Europa und dem transatlantischen Nordamerika gewährleistet worden ist. Freiheit, Frieden, Demokratie und Wohlstand, schließlich die Wiedervereinigung waren erreichbar, weil die Schutzmacht Amerika für Stabilität sorgte. Heute – nach sieben Jahrzehnten in der Nische ohne eigene Strategie – droht dieser Stabilitätsanker wegzubrechen. Die Autoren empfehlen eine Strategie, mit der Deutschland eine neue Verantwortung ohne Angst und Anmaßung gelingen kann. – Und: Deutschland muss führen, da sind die beiden Autoren mehr als überzeugt, nachdem die wirtschaftliche Schwäche Frankreichs, das Brexit-Abenteuer Großbritanniens und das Trumpsche Irrlicht keine andere Wahl lassen.

In Anbetracht der geopolitischen Verschiebungen (wenige Stichworte sind die neue Rolle Russlands, das ausstrahlende Selbstbewusstsein Chinas und die fortschreitende Globalisierung) kann Deutschland seine Interessen nur befördern, wenn es die Interessen seiner Partner in Europa (und der Welt) bei seinen eigenen politischen Bemühungen und Handlungen berücksichtigt. Kernbotschaft dabei ist, Deutschland muss seine eigene Kraft realisieren, darauf fußend längerfristig wirkende Konzepte entwickeln und diese in einer Balance zwischen Rücksichtnahme auf Partner und eingeforderter Solidarität von Partnern umsetzen. Dazu werden mehr Ressourcen – intellektuelle und finanzielle – notwendig werden, aber die Zeit des vornehmen „Wegduckens“ in der Mitte Europas ist vorbei.

Erst- und bislang einmalig erfüllte Deutschland – so die Autoren - in der andauernden Ukrainekrise die Kriterien des "dienenden Führens". Nach der Krimannexion und dem Abschuss des malaysischen Verkehrsflugzeugs 2014 hatte Berlin lange gezaudert und eher pro forma ersten Sanktionen zugestimmt. Nach weiterer Destabilisierung des Ostukraine allerdings übernahm Kanzlerin Merkel die Führung in der internationalen Debatte, benannte Russlands Verhalten als völkerrechtswidrig und entwickelte in der EU zusammen mit den nordamerikanischen Partnern ein Sanktionspaket, welches mehrfach verlängert in Kraft ist (und den Westen finanziell fordert). Damit wird unverändert ein deutliches Signal der Einheit des Westens an den Kreml gesandt, zugleich wird die Offenheit zum Dialog wiederholt. Zugleich beteiligen sich Deutschland und (erstmalig seit dem Fall des Eisernen Vorhangs) Kanada mit vielen europäischen Partnern und den USA an den Maßnahmen zur Rückversicherung der östlichen NATO-Länder.

„Eine der größten Aufgaben Deutschlands auf dem Weg zum ‚Servant Leader‘ ist die Überwindung seiner in außenpolitischen Fragen oft demonstrierten strategischen Leichtfertigkeit“ (S.99). So umreißen Leon Mangasarian und Jan Techau die aktuelle Situation, die von manchen pazifistisch geprägten Debatten in Deutschland sich abheben muss, wenn die deutsche Mittelmacht ihren Beitrag zur liberalen internationalen Ordnung leisten soll. Freiheit, Frieden und Wohlstand hängen unverändert von zu gewährleistender Sicherheit ab. Diese Grundwahrheiten drückte der bis März 2017 amtierende Bundespräsident Joachim Gauck in mehreren Reden aus, weil ein Abseitsstehen zwar zunächst bequem erscheinen mag, aber „Biedermeier“ kein Erfolgsrezept für das 21. Jahrhundert sein kann.

Dieses Buch kommt zum richtigen Zeitpunkt; man muss nicht alle Argumente teilen, aber für die anstehenden Justierungen in Berlin, in der EU und NATO sowie in der internationalen Debatte liefert es vielfältige Impulse.

Leon Mangasarian / Jan Techau:
Führungsmacht Deutschland. Strategie ohne Angst und Anmaßung.
176 Seiten, dtv München 2017, ISBN: 978-3-423-28125-6, Preis EUR 20.00

 
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