Wir erinnern

 

Oktober 1955: Im Eifelkloster Himmerod wird „geheim“ gedacht

Von Peter E. Uhde

Fünfundsechzig Jahre ist sie geworden, die „Himmeroder Denkschrift“. Die Zeit ist über sie hinweggegangen, ein Papier, das in den Archiven schlummert. Als „Geheime Bundessache“ einst eingestuft hat sie diesen Status längst verloren und ist nun öffentlich zugänglich. Militärhistoriker bezeichneten sie einst als „Magna Charta“ der Bundeswehr. Das historische Dokument war das Ergebnis einer geheimen Klausurtagung von Offizieren, die im Zisterzienser Eifelkloster Himmerod tagten. Die Expertenrunde bestand aus fünfzehn ehemaligen Offizieren der Wehrmacht vom Major bis zum Generaloberst. Neun gehörten dem Heer und je drei der Luftwaffe und der Marine an.

Der Grund für das Zusammentreffen der Gruppe war die Anweisung Bundeskanzlers Konrad Adenauers an seinen Sicherheitsberater Graf von Schwerin. Das Gremium sollte beraten und prüfen, was die Bundesrepublik Deutschland zur Verteidigung Europas bei einem möglichen kommunistischen Angriff leisten könne. Den alliierten Besatzungsmächten war klar, dass sie alleine einem Angriff auf Westdeutschland nicht standhalten würden. Nach dem überraschenden Beginn des Koreakrieges am 25. Juni 1950 hatten die USA Befürchtungen, dass es in Europa zu einer ähnlichen Situation kommen könne. Bundeskanzler Konrad Adenauer war bei seinem USA Besuch im Sommer 1950 mit diesen Fragen und Folgen konfrontiert worden.

Grundgedanke: Deutsches Kontingent in einer internationalen Streitmacht

Einer der Teilnehmer war Johann Adolf Graf von Kielmansegg, dem die Funktion des Tagungssekretärs übertragen wurde. Nachdem es keine Vorgaben aus dem Kanzleramt gab, behandelten die Teilnehmer fünf Themenbereiche: Militärpolitische Grundlagen und Voraussetzungen, Operative Lage der Bundesrepublik, Organisation des deutschen Kontingents, Ausbildung und Innere Gefüge. Die Leitung der Tagung hatten die beiden ehemaligen Generale Adolf Heusinger und Dr. Hans Speidel. Beide machten in der Bundeswehr Karriere. Heusinger wurde 1957 erster Generalinspekteur der Bundeswehr und Speidel 1957 Befehlshaber der Landstreitkräfte der NATO in Mitteleuropa.

Fünf Jahre Planungen und innenpolitische Auseinandersetzungen

Die Tagung ging am 9. Oktober zu Ende und Kielmannsegg schrieb die Endfassung der „Denkschrift über die Aufstellung eines deutschen Kontingents im Rahmen einer internationalen Streitmacht zur Verteidigung Westeuropas“. In einem Interview sagte er einmal: „Die Denkschrift trägt insofern meinen Stempel, denn innerhalb von acht Tagen habe ich sie diktiert, so wie sie jetzt aussieht. Das habe ich ganz allein gemacht“. Es gab vier Ausfertigungen, jede umfasste 52 Blätter und eine Anlage. Die erste war für den Bundeskanzler vorgesehen.

Statt eines Ministers gibt es einen „Beauftragten“

Am 26. Oktober 1950 wurde Theodor Blank zum „Beauftragten des Bundeskanzlers für die mit der Vermehrung der alliierten Truppen zusammenhängenden Fragen“ ernannt. Graf Schwerin trat zurück, die „Zentrale für Heimatdienst“ wurde aufgelöst. Die Planungen zur Aufstellung von Streitkräften der Bundesrepublik nahmen Formen an. Es sollte allerdings noch fünf Jahre dauern, bis die ersten 101 Soldaten am 12. November 1955 in der Ermekeil-Kaserne in Bonn ihre Ernennungsurkunden erhielten und die Bundesrepublik Deutschland eigene Streitkräfte aufzubauen begann.

Nach oben Zurück