Wir erinnern

 

Lenin reist 1917 durch Deutschland

Von Peter E. Uhde

Zu den „Sternstunden der Menschheit“ zählte Stefan Zweig eine Zugreise. Diese führte aus der Schweiz durch Deutschland. Sie begann am Ostermontag, dem 9. April 1917 in Zürich, führte über Schaffhausen, Gottmadingen, Frankfurt/Main, Berlin nach Sassnitz, Trelleborg, Stockholm, durchs Großfürstentum Finnland und endete am 16. April auf dem Finnländischen Bahnhof in Petrograd, dem heutigen Sankt Petersburg. Einer der Fahrgäste der Reichsbahn war Wladimir Iljitsch Uljanow, der sich Lenin nannte. Mit diesem „Tarnnamen“ wird er in die Weltgeschichte eingehen. Ohne seine Rückkehr aus dem Schweizer Exil hätte es die Oktoberrevolution und den Aufbau eines neuen Gesellschafts- und Herrschaftssystems in dem zerfallenden Zarenreich der Romanows nicht gegeben. Eine „Sternstunde“ mit ungeahnten Folgen für Russland und die Welt.

Das Deutsche Reich wollte die Verstärkung der Westfront

Welche Gründe gab es, dass das Deutsche Reich, seit August 1914 gegen die Entente Krieg führend, den im Schweizer Exil lebenden Russen die Durchreise durch Deutschland in seine Heimat genehmigte und organisierte? Fast ganz Europa befand sich im vierten Kriegsjahr, Millionen von Toten waren zu beklagen. Mit einem militärischen Erfolg war weder an der West- noch Ostfront zu rechnen. Die Oberste Heeresleitung (OHL) sowie das Auswärtige Amt (AA) waren sich dieser Tatsache wohl bewusst. Die instabile politische Situation im Zarenreich war auch in Deutschland bekannt. So lag es nahe zu versuchen, den Krieg an der Ostfront zu beenden und die dadurch frei werdenden Truppen an die Westfront zu verlegen, um hier mit einer neuen Offensive Erfolge zu erzielen. Wer letztlich die treibende Kraft hinter dieser Idee war, darüber gehen die Meinungen auseinander. Selbst Kaiser Wilhelm II. und das AA stimmten zu und die Oberste Heeresleitung übernahm die Transportorganisation der Exilanten.

Viele Exilrussen lebten in der neutralen Schweiz

Lenin, am 22. April 1870 geboren, stammte aus einer bürgerlichen Familie, dessen Vater in den erblichen Adelsstand erhoben worden war. Nach der gescheiterten Revolution gegen das Zarenregime 1905 musste er wie viele andere Oppositionelle das Land verlassen und floh ins Ausland. In Frankreich, Polen, der Schweiz aber auch in Deutschland fanden die Flüchtlinge Zuflucht. Nach der erzwungenen Abdankung Zar Nikolaus II. am 15. März 1917 genehmigte die neue provisorische Regierung die Betätigung sozialistischer Gruppierungen. 1903 hatte sich die Russische Sozialdemokratische Arbeiterpartei (RSDRP) auf dem II. Parteitag, der in London stattfand, gespalten. Hier vertrat Lenin die Ansicht, dass in Russland die Sozialdemokratie nur als Kaderpartei von Berufsrevolutionären existieren und bestehen könne. Die sich ihm anschließende Mehrheit nannte sich Bolschewiki. Die Minderheit, Menschewiki, wollte gesellschaftliche Veränderungen eher durch soziale Massenbewegungen. Eine Zeitlang arbeiteten beide Gruppen daran, gesellschaftliche Veränderungen herbeizuführen, trennten sich aber endgültig 1912.

Durch Deutschland und das neutrale Schweden nach Russland

Lenin hält sich seit 1914 in Zürich auf und führt ein zurückhaltendes und unauffälliges Leben. Er soll ein häufiger Besucher der Bibliothek gewesen sein. Von der Abdankung des Zaren am 16. März und den neuen Verhältnissen erfahren er und die anderen Emigranten aus den Zeitungen. Sie sehnen sich nach ihrer Heimat, nur wie dort hinkommen. Es macht sich unter den Emigranten Enttäuschung breit, denn die Februarrevolution war „nur“ eine Palastrevolution gegen den Zaren, damit dieser nicht mit Deutschland Frieden schließt. Es war nicht die Revolution des Volkes, von der Lenin und seine Anhänger träumten. Nach Geheimverhandlungen zwischen Beauftragten Lenins und deutschen Diplomaten, kommt es dann zu seiner Abreise. Der mitreisende Schweizer Kommunist Fritz Platten beschreibt sie in dem Buch: „Die Reise Lenins durch Deutschland im plombierten Wagen“. Am 16. April kommt die Reisegruppe auf dem Finnländischen Bahnhof in Petrograd an. Lenin hatte befürchtet womöglich als deutscher Spion festgenommen zu werden, das Gegenteil war der Fall. Er wurde von tausenden Arbeitern und Soldaten begeistert empfangen. Schon am nächsten Tag sprach er vor dem örtlichen Sowjet, in dieser Rede legte er seine Gedanken für die „sozialistische Revolution“ dar. Leo Trotzki, ein treuer Weggenosse, schrieb später darüber „Als Lenin nach Russland zurückkehrte, begann die Revolution“. Ebenso begann der Machtkampf zwischen den Menschewiki, den Vertretern für eine bürgerliche Revolution unter ihrem Führer Alexander Kerenskij und den Bolschewiki, die die Diktatur des Proletariats und der Bauern forderten. Ihre Führer waren neben Lenin, Trotzki und Josef W. Stalin. „Alle Macht den Räten“, hatte Lenin schon kurz nach seiner Rückkehr in seinen „Aprilthesen“ gefordert. Im Oktober 1917 gelang es den Bolschewisten mit der dritten Revolution endgültig die Macht im ganzen Land an sich zu reißen, die sie im folgenden Bürgerkrieg weiter festigten. Die Kämpfe an der Ostfront zwischen Deutschland und Russland wurden mit dem Waffenstillstand am 15. Dezember eingestellt. Eine Epoche mit neuer Zeitrechnung begann. Der in Russland geltende julianische Kalender wurde durch den gregorianischen ersetzt; auf den 31. Januar folgte der 14. Februar 1918. Am 3. März 1918 folgt der „Diktatfrieden“ von Brest-Litowsk. Russland tritt Polen, die baltischen Staaten, Finnland und die Ukraine ab. Hundert Jahre später ist ein Teil der Ukraine, die Krim wieder russisches Territorium. Die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen sind Mitglied der Europäischen Union und der Nordatlantischen Allianz. Seit Beginn der Ukrainekrise treten die sicherheitspolitischen Interessen des Baltikums wieder stärker in den Vordergrund. Das Bündnis trägt dem Rechnung und stationiert Truppen vor Ort, Deutschland hat dabei eine führende Rolle.

 
Foto: Buch des mitreisenden Schweizer Kommunisten Fritz Platten - Cherubino - Eigenes Werk Lizenz: CC BY-SA 4.0
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