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Blick in den Abgrund: Nordkorea im Fokus

Von Kersten Lahl
GenLt a.D. Kersten Lahl

Rund zweihundert Tage ist Präsident Trump im Amt. Viel wurde in dieser kurzen Zeit über ihn und seine von ihm selbst eitel gepriesenen Eigenschaften geschrieben. Die Zweifel waren von Anfang an so übermächtig wie angebracht. Aber zumindest durfte sich die Welt glücklich schätzen, dass es bisher keine wirklich kritische Lage gab, in der sich seine Weisheit und Führung auch in der Praxis beweisen mussten. Das hat sich nun geändert.

Die (noch) verbale Auseinandersetzung um Nordkorea eskaliert in einem Maß, das Schlimmstes befürchten lässt. Die USA und das diktatorische Regime Kim Jong-un drohen sich gegenseitig in eine Situation zu manövrieren, die kaum noch einen einigermaßen gangbaren Ausweg offenlässt. Vor allem beobachtet man mit Sorge, wie ein ungebremster Automatismus, gespeist aus psychologischen Ego-Motiven beider Seiten, jeden friedlichen Ausgleich zu verdrängen scheint. Wieder einmal beginnt die verzweifelte Suche nach einer gesichtswahrenden Lösung, die alle Seiten als akzeptabel empfinden. Das aber wird von Tag zu Tag schwieriger. Man fragt sich: Wo stehen wir aktuell? Was sind eigentlich die Ziele? Wo liegen Handlungsoptionen? Das alles ist derzeit schwer zu beantworten.

Bei Nordkorea fällt eine Abschätzung noch vergleichsweise leicht: Das Land (oder besser: sein fatales Regime) möchte unverwundbar werden. Die forcierten Versuche zur nuklearen Aufrüstung dienen diesem Wunsch einer Lebensversicherung. Alles andere wird untergeordnet. Dafür nimmt Kim alle Kosten in Kauf, bis hin zur totalen Isolierung. Sein bisheriger innen- wie außenpolitischer Kurs lässt ihm heute auch kaum mehr eine andere Chance. Wie es meist bei Diktatoren der Fall ist, die den Bogen überspannt haben: Er weiß, dass ein zu großes Nachgeben wohl das Ende seiner Dynastie bedeutet. Er weiß aber (hoffentlich) auch, wie unvermeidbar ein solches Ende eintritt, sobald er überzieht und es auf eine militärische Konfrontation nicht nur in Wort, sondern auch in Tat ankommen lässt. Insofern kann man sein Handeln als (noch) rational und damit auch prognostizierbar werten.

Wenn man mit rationalen Argumenten den Handlungsspielraum der USA zum heutigen Zeitpunkt betrachtet, zeigt sich im Prinzip ein ähnliches, wenngleich schwierigeres Bild: Es gibt wohl keine militärische Option, die nicht mit unverhältnismäßigen Risiken verbunden wäre. Natürlich könnten die USA, wenn sie es wollten, Nordkorea in Schutt und Asche legen. Und ebenso könnten sie versuchen, mit begrenzten Aktionen die nordkoreanischen nuklearen Fähigkeiten auszuschalten oder einen Regimewechsel zu erzwingen. Alle diese militärischen Varianten würden aber – zumindest! – die ganze ostasiatische Region, in der neben den engen Verbündeten ja auch Hunderttausende US-Bürger leben, in katastrophaler Weise erschüttern. Und die Rollen Chinas und ggf. auch Russlands wären in einem solchen Fall völlig unkalkulierbar. Nein, für einen präventiven oder präemptiven Schlag der USA mit halbwegs akzeptablen Risiken ist es wohl deutlich zu spät.

Was bezweckt also der amerikanische Präsident mit seinem verbalen Macho-Gehabe in dieser verfahrenen Lage? Niemand weiß es, und er selbst vermutlich auch nicht. Falls er seine Unberechenbarkeit mit kühler Berechnung pflegen möchte, dann blieben ihm nur zwei Möglichkeiten offen: Entweder wird er seine Glaubwürdigkeit endgültig verlieren, oder er stürzt nicht nur die Region, sondern auch sein eigenes Land selbst ins Chaos. Kim weiß das, und er nutzt diese Schwäche Trumps so gnadenlos wie genüsslich, aber auch unverantwortlich aus.

Wir Europäer sind in diesem Fall wohl eher zum Zuschauen verurteilt. Auf Trump macht unsere Krisenstrategie wenig Eindruck, und auf Kim schon gleich gar nicht. Bleibt vielleicht die Möglichkeit des indirekten Vorgehens – konkret: unseren inzwischen durchaus beträchtlichen Einfluss auf China zu nutzen. Kann uns das gelingen, und kann China überhaupt noch etwas ausrichten in diesem verfahrenen Konflikt? Beides ist fraglich, aber zumindest eine Hoffnung.

Eine weitere zentrale Frage ist offen: Kann sich die Welt eine Nuklearmacht Nordkorea überhaupt leisten – dies auch mit Blick auf potenzielle Nachahmerstaaten? Wenn ja: Wäre die Lage durch Abschreckung einzudämmen? Oder wo liegt die rote Linie, die ein aktives Eingreifen unvermeidlich macht? Und noch anders gefragt: Wie groß sind die Chancen, dass sich Nordkorea eines fernen Tages von innen heraus reformiert und damit wieder zu einem verantwortungsvollen, respektablen und respektierten Mitglied in der Völkergemeinschaft wird?

Die nächsten Wochen werden extrem spannend. Wir sollten das auch in unserem Blog weiter begleiten und kommentieren.

 
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