Wir erinnern

 

1. Mai 1960:

U-2 Aufklärungsflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen

Von Peter E. Uhde

Am 1. Mai 1960 fand in Moskau die Mai-Parade mit großer militärischer Beteiligung auf dem Roten Platz statt. An diesem Tag startete der Amerikaner Francis Gary Powers zu einem Spionageflug mit einer U-2 von Peschawar in Pakistan, der über die Sowjetunion nach Bodö in Norwegen führen sollte. Über dem Ural setzte das Triebwerk der Maschine aus. Powers ging in Sinkflug, um es wieder zu starten. Die sowjetische Flugabwehr hatte die Maschine aber schon auf dem Radar erfasst und beschossen. Der Flug endete mit dem Absturz etwa 32 Kilometer südöstlich von Swerdlowsk. Der Pilot rettete sich mit dem Fallschirm. Landarbeiter einer Kolchose nahmen ihn gefangen. Die amerikanischen Peilstationen hatten die U-2 „verloren“, wussten aber keine Einzelheiten was mit Powers und seiner Maschine passiert war.

Francis Gary Powers im Druckanzug vor dem U2-Aufklärungsflugzeug - Quelle: CIA/public domain

Spionagematerial und Wrackteile sind zu besichtigen

Powers wurde nach Moskau gebracht, verhört und es war schnell klar, welches Faustpfand man hatte. Die Amerikaner versuchten in den ersten Tagen den Vorfall als NASA-Wetterflug darzustellen. Am 7. Mai erklärte der sowjetische Parteichef Nikita Chruschtschow, dass man den Piloten und das Wrack des Flugzeuges habe, das dann auch ausgestellt wurde. Die Öffentlichkeit konnte sich von der Spionageausstattung überzeugen.

In der amerikanischen Administration kam es zu Auseinandersetzungen über die Verantwortlichkeit. Wer sollte das Bauernopfer sein, der Außenminister, der CIA-Chef oder jemand anders? Das war der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower. Er sagte: „Wie schon der Außenminister kürzlich erklärt, habe ich seit Beginn meiner Amtszeit Direktiven erlassen, um auf jede mögliche Art Informationen zu erlangen, wodurch die Vereinigten Staaten und die gesamte freie Welt vor Überraschungsangriffen geschützt und wirksame Verteidigungsmaßnahmen durchführbar gemacht werden sollen.“

Die vorgesehene Gipfelkonferenz platzte

Vorgesehen war für den 16./17. Mai eine Gipfelkonferenz in Paris an der Eisenhower, Premierminister Harold Macmillan, Staatspräsident Charles de Gaulle und Chruschtschow teilnehmen sollten. Diese scheiterte an der Forderung des sowjetischen Regierungschefs, dass Eisenhower „die unentschuldbaren Provokationen der US-Luftwaffe verurteile“ und verspräche „auf solche Handlungen zu verzichten.“ Das tat Eisenhower nicht und der Gipfel war geplatzt.

Überraschend mildes Urteil

Am 17. August, es ist der 31. Geburtstag von Powers, kommt es zum Prozess gegen ihn. Zwei Tage später endete er mit einem überraschend milden Urteil, zehn Jahre. Davon muss er nicht einmal zwei Jahre absitzen. Die CIA versuchte Powers Austausch zu erreichen, um Einzelheiten über den Abschuss und seine Aussagen in der Gefangenschaft zu erfahren. Zudem war seit 1961 John F. Kennedy Präsident, ihm war an der Normalisierung im Verhältnis zur Sowjetunion gelegen.

Austausch in den Morgenstunden

Die USA hatte als Gegenleistung zu Powers einen „Spitzenspion“, Rudolf Iwanowitsch Abel, anzubieten. Dieser war 1957 als Mitglied des sowjetischen Geheimdienstes (KGB) in den USA enttarnt und zu 30 Jahren Haft verurteilt worden. Nach Verhandlungen, an denen auch der ostdeutsche Rechtsanwalt Wolfgang Vogel beteiligt war, kam es in den Morgenstunden des 10. Februar 1962 zum Austausch der beiden Agenten auf der Glienicker-Brücke über die Havel zwischen Berlin und Potsdam. Zwei „aufgeflogene“ Agenten kehrten dahin zurück wo sie hergekommen waren. Abel starb hochgeehrt am 15. November 1971, Powers stürzte mit seinem Hubschrauber am 1. August 1977 tödlich ab.

Literatur:
Sanche de Gramont: Der geheime Krieg, Die Geschichte der Spionage seit dem Zweiten Weltkrieg, Neff Verlag, 1962.

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