Wir erinnern

 

Vor 60 Jahren: Ägypten verstaatlicht den Suez-Kanal

Von Peter E. Uhde

In der Nacht des 26. Juli 1956 besetzten ägyptische Truppen die Verwaltungsbüros und alle technischen Einrichtungen der ausländischen Betreibergesellschaft des Suezkanals. Sie stießen auf keinen Widerstand, die Belegschaften waren zu Hause, hörten die Rede von Präsident Gamal Abdel Nasser zum Jahrestag der Revolution. Als Oberst hatte er, zusammen mit Offizieren der Gruppe „Freie Offiziere“, am 23. Juli 1952 gegen König Faruk I. geputscht und ihn vom Thron gestürzt.

Verkürzung des Seeweges zwischen Europa und Asien

Die Kanallänge des künstlichen Wasserweges zwischen dem Mittelmeer und dem Roten Meer betrug 163 Kilometer. Die Hafenstädte sind im Norden Port Said und im Süden Suez. Seit der Eröffnung der Wasserstraße am 16. November 1869 brauchen Schiffe nicht mehr um das Kap der Guten Hoffnung fahren. Der Kanal verkürzt den Seeweg um rund 5000 Kilometer. Erbaut und finanziert wurde der Kanal von der französischen Suezkanal-Gesellschaft, die Aktien lagen mehrheitlich in englischer und französischer Hand.

Die politische Situation im Nahen Osten

Am 29. November 1947 wurde durch die Entscheidung der Generalversammlung der Vereinten Nationen die Teilung Palästinas beschlossen. Sie sollte Grundlage für einen jüdischen und einen palästinensischen Staat sein. Am 14. Mai 1948 rief der spätere israelische Ministerpräsident Ben Gurion den Judenstaat aus: „Am heutigen Tag endet das britische Mandant über das Land Israel.“ Schon am nächsten Tag griffen Ägypten, Syrien, Libanon und Irak den neuen Staat an. Der erste israelisch-arabische Krieg endete 1949 mit einem Waffenstillstand.

Drei Jahre später putschten sich ägyptische Offiziere an die Macht. Das korrupte Regime von König Faruk I. hatte das Volk immer mehr ausgebeutet. Die Ziele der neuen Machthaber waren die Bekämpfung der Korruption, Genehmigung von Oppositionsparteien, Durchführung einer Landreform, Schaffung von Arbeitsplätzen, Reduzierung der Preise für Grundnahrungsmittel, um die Lebensbedingungen zu verbessern. Der Bau eines Staudamms sollte die Elektrifizierung des Landes voranbringen.

Nasser wird der anerkannte Führer in der arabischen Welt

Ägyptens neue Herrscher beanspruchten eine Führungsrolle gegenüber den anderen arabischen Staaten. Nassers Ansichten über einen panarabischen Nationalismus, Anti-Zionismus, einen blockfreien arabischen Sozialismus in Verbindung mit Anti-Kapitalismus und Anti-Imperialismus wurden vom Volk positiv aufgenommen. Die britische Kolonialmacht hatte seit 1955 immer mehr Truppen nach Hause geholt. Der britisch-ägyptische Militärvertrag war schon 1951 gekündigt worden. Die letzten Truppen verließen die Kanalzone am 19. Juni 1956. Frankreich war zwar nicht direkt im Nahen Osten involviert, hatte aber die Niederlage in Indochina politisch zu verarbeiten. Der Algerienkrieg verursachte das nächste innenpolitische Problem. Das Hauptquartier der algerischen Aufständischen befand sich in Kairo und Nasser hielt seine schützende Hand darüber.

Der Staatshaushalt brauchte Einnahmen

Der neuen Führungsschicht waren die Besitzverhältnisse des Kanals ein Dorn im Auge. Die Jahreseinnahmen der Suez-Kanal-Gesellschaft betrugen etwa 50 Millionen US-Dollar. Davon erhielt Ägypten nur rund sieben Prozent. Ein regulärer Erwerb der Aktien wäre aus dem Staatshaushalt nicht zu finanzieren gewesen, so blieb nur die „Verstaatlichung“. Die Einnahmen des Kanalbetriebes wurden dringend gebraucht, um den Bau des Assuan-Staudamms zu finanzieren. Amerika hatte seine ursprüngliche Zusage zur Finanzierung zurückgezogen.

Die Vorbereitungen des Waffenganges

Diplomatische Verhandlungen zur Lösung des Problems blieben erfolglos. Der amerikanische Präsident Dwight D. Eisenhower befand sich im Vorwahlkampf und wollte seine Wiederwahl nicht mit einem Krieg im Nahen Osten belastet sehen. Noch während der Verhandlungen wurde die militärische „Operation Musketeer“ beschlossen und ein „Integriertes Oberkommando“ aus Briten und Franzosen gebildet. Auch Israel war zum Waffengang entschlossen. Die militärische Aufrüstung Ägyptens durch die Sowjetunion empfand lsrael als Bedrohung.

Der Operationsplan sah den Angriff Israels über die Sinaihalbinsel bis zum Suezkanal vor. Die britische Luftwaffe sollte die ägyptische auf den Flugplätzen vernichten, den Luftraum gegen andere arabische Luftwaffen, besonders auch gegen Angriffe auf Israel sichern. Die britisch-französische Interventionsarmee dann den Suezkanal vor Ägypten und Israel „schützen“.

Die „Operation Musketeer“ begann am 29. Oktober

Der Angriff begann vor Sonnenuntergang mit der Landung eines israelischen Fallschirmjägerbataillons ostwärts des Metla-Passes. Die Kampftruppen unter Führung von Ariel Scharon waren in der Nacht über Gaza auf die Sinai-Halbinsel vorgestoßen. Am 30. Oktober 18.00 Uhr richteten Großbritannien und Frankreich folgende Forderung an Ägypten: „1. Jegliche Kriegsaktionen sollen sofort unterbrochen werden. 2. Die ägyptischen Truppen haben sich auf das westliche Ufer des Suezkanals und die israelischen Truppen 10 Meilen östlich des Kanals zurückzuziehen. 3. Ägypten solle die vorübergehende Besetzung von Port Said, Ismailia und Suez durch die Alliierten dulden, um die beiden kriegführenden Parteien zu trennen und die Schifffahrt im Suezkanal zu schützen.“ 12 Stunden wurden für das Ultimatum eingeräumt; Ägypten lehnte ab.

Brennende Öltanks in Port Said nach dem englisch-französischen Angriff, 5. November 1956. - Foto gemeinfrei>

Am 31. Oktober begannen die britisch-französischen Luftangriffe. Im Laufe der nächsten Tage zogen sich die ägyptischen Truppen aus dem Sinai zurück, um einer möglichen Einkesselung zu entgehen. Am 5. November begann die Zangenoperation der Briten und Franzosen. Die Briten landeten westlich des Kanals bei Port Said und die Franzosen ostwärts bei Port Fouad, um von dort nach Süden vorzustoßen.

Drohungen der USA und der Sowjetunion gegen die Kanal-Allianz

Großbritannien und Frankreich hatten die sich politisch abzeichnende Entwicklung völlig unterschätzt. Schon am 2. November legten die USA dem UN-Sicherheitsrat eine Entschließung zur sofortigen Waffenruhe vor. An der New Yorker Börse geriet das britische Pfund in Turbulenzen. Die Sowjetunion, zwar durch den Ungarnaufstand genug beschäftigt, richtete am 6. November ein Ultimatum an die Regierungen in London und Paris und drohte „mit der Gefahr schrecklicher Verwüstungen“, wenn die Kämpfe am Suezkanal nicht eingestellt würden.

Schweizer Flugzeuge bringen UN-Soldaten zwischen die Kampfparteien

Um Mitternacht vom 6./7. November wurden die Kampfhandlungen eingestellt. Die Generalversammlung der UN beschloss, auf Vorschlag ihres Generalsekretärs Dag Hammarskjöld, neutrale Truppen zwischen den kriegführenden Parteien zu stationieren, um den Waffenstillstand zu überwachen. Sie kamen aus Dänemark, Finnland, Kanada und Kolumbien. Die etwa 4100 Mann der United Nations Emergency Forces (UNEF I) wurden in Brindisi/Italien zusammen gezogen und mit Schweizer Flugzeugen an ihre Einsatzorte verlegt. Großbritannien und Frankreich zogen ihre Truppen bis zum 22. Dezember ab. Die Israelis zogen sich Anfang 1957 auf die Waffenstillstandslinie von 1949 zurück.

Mit dem missglückten Suez-Abenteuer waren Großbritanniens und Frankreichs imperiale Zeiten endgültig vorbei. Im Nahen Osten verstärkten die USA und die Sowjetunion ihren Einfluss. Damit war Gamal Abdel Nasser die Führungsfigur der arabischen Welt.

 
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