Wir erinnern

 

Volksaufstand 1956

Sowjetische Panzer walzen Ungarns Traum von Freiheit nieder

Von Peter E. Uhde
Demonstration auf dem Lajos-Kossuth-Platz in Budapest. - FOTO: FORTEPAN / Nagy Gyula, Lizenz: CC BY-SA 3.0

In der augenblicklichen Flüchtlingskrise spielt Ungarn in der Europäischen Union eine wichtige Rolle. Während es sich jetzt gegen die Aufnahme von Flüchtlingen wehrt, verließen 1056 rund 200.000 Ungarn ihre Heimat. Wie kam es dazu? Vor 60 Jahren erlebte das Land einen historischen Aufstand gegen das kommunistische Herrschaftssystem. Aus friedlichen Demonstrationen gegen die Regierung begannen Ende Oktober 1956 bewaffnete Kämpfe mit der Polizei, der Geheimpolizei des Innenministeriums sowie sowjetischen Truppen. Diese Demonstrationen griffen auf das ganze Land über.

Am 20 August 1949 wurde Ungarn Volksdemokratie

Seit April 1945 war Ungarn von Truppen der Roten Armee besetzt. In den nächsten Jahren übernahm die Kommunistische Partei die Macht und schaltete jede Opposition aus. Die Errichtung der Volksdemokratie erfolgte nach sowjetischem Muster. Nach Josef W. Stalins Tod am 3. März 1953 wurde Ministerpräsident Rákosi durch Imre Nagy ersetzt. Er verkündete ein Reformprogramm mit demokratischeren Zügen. Aber schon nach zwei Jahren hatten sich die alten Kader wieder durchgesetzt, Nagy wurde abberufen, ein Gefolgsmann Rákosis, András Hegedüs, trat seine Nachfolge an.

Die Entscheidung des Westens im Oktober 1954 die „Pariser Verträge“ zu schließen - die Bundesrepublik wurde Gründungsmitglied der Westeuropäischen Union und Mitglied des Nordatlantik-Paktes - führten zur Verschärfung der sowjetischen Politik gegenüber ihren Satellitenstaaten. Am 14. Mai 1955 trat Ungarn dem Warschauer Pakt (WP) bei.

Kommunistische Willkürherrschaft

Ungarn war zum „Frontstaat“ geworden. Die Armee hatte 1955 eine Stärke von etwa 200.000 Soldaten. Hinzu kamen eine Grenzwache mit 20.000 und bewaffnete Ordnungskräfte des Staatssicherheitsdienstes (AVH) mit 15.000 Mann.

Die AHV sorgte dafür, dass Gefängnisse, Internierungs- und Arbeitslager gefüllt wurden. „Schauprozesse“ nach stalinistischem Muster waren an der Tagesordnung. Zwischen 1952 und 1955 wurde mehr als eine Million Menschen von Gerichten zu Freiheitsstrafen verurteilt.

Studenten gingen auf die Straßen

Auf dem XX. Parteikongress der KP der Sowjetunion am 25. Februar 1956 rechnete Generalsekretär Nikita Chruschtschow mit den Führungsmethoden des bisher als „Gott“ verehrten Stalin ab. Er schilderte ihn als Massenmörder und blutrünstigen Diktator. Dieses Ereignis glich einem Erdbeben, dessen Ausläufer in den Vasallenstaaten aufmerksam registriert wurden.

In Ungarn waren schon seit Frühsommer 1956 Proteste von Studenten und Intellektuellen zu vernehmen. Diese spielten sich noch im Rahmen des „Petöfi-Kreises“ ab. Dieses Diskussionsforum in der Obhut des Kommunistischen Jugendverbandes forderte eine „Entstalinisierung“. Im Juli musste Rákosi seinen Posten räumen. Sein Nachfolger Ernö Gerö war ein unpopulärer Politiker, aber treuer Gefolgsmann Moskaus. Er versuchte durch Freilassung von politischen Gefangenen und der Rehabilitierung von Lászlo Rajk und Gefolgsleuten, die im Oktober 1949 als „Titoisten“ hingerichtet worden waren, die Volksstimmung zu verbessern. Verhaftungen und Verurteilungen von AVH-Offizieren sollten die Bevölkerung beruhigen, in den Glauben wiegen, dass nun ein neuer Kurs eingeschlagen würde.

Sowjetische Panzer schlagen Volksaufstand nieder. - FOTO: FORTEPAN / Nagy Gyula, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Wendepunkt: 23. Oktober

In dieser Phase waren es hauptsächlich Studenten, die sich noch mit Argumenten gegen Partei- und Regierung gewendet hatten. Der „Verband der Werktätigen Jugend“ hatte eine Monopolstellung. Mit der Erklärung der Studentenschaft der Universität von Szeged, einer Stadt in Südungarn, aus ihm auszutreten, wurde diese infrage gestellt. Sie gründeten eine selbstständige Studentenverbindung. Am 22. Oktober schlossen sich die Budapester Studenten ihren Kommilitonen an und stellten in einem 16-Punkte Programm Forderungen an Partei und Regierung.

Am Nachmittag des 23. Oktober zogen Studenten, Professoren, Angestellte und Arbeiter in Budapest zur Statue des polnischen Generals Josef Bem, der 1848 mit den Ungarn gegen die Habsburger gekämpft hatte. Bis zum Abend waren es an die 300.000 Menschen, die friedlich demonstriert hatten. Forderungen waren u.a. Abzug der Sowjettruppen, Pressefreiheit, Streikrecht für Arbeiter, Abschaffung des Russischunterrichts, freie und geheime Wahlen, Rückkehr von Imre Nagy.

Die ersten Toten vor dem Rundfunkgebäude

Von den Demonstranten zog ein Teil zum Parlaments-, ein anderer zum Rundfunkgebäude. Hier wurden sie nicht reingelassen, der gewaltsame aber waffenlose Versuch, das Gebäude zu stürmen, wurde durch Schüsse der AVH-Wachen verhindert. Diese Schüsse der AVH waren die Gewaltauslöser.

Im Laufe der nächsten Stunden kam es zu Straßenkämpfen zwischen der Bevölkerung und Einheiten der Sowjetarmee. Der Volksaufstand breitete sich zum Freiheitskampf gegen die sowjetischen Besatzer aus. Es bildeten sich Kampfgruppen von Arbeitern, Studenten, Angestellten und Armeeangehörigen, die sich Waffen besorgt hatten. Als Führer wählten sie Persönlichkeiten ihres Vertrauens.

Ein Regierungswechsel sollte das Volk beruhigen

Vom 25. bis 27. Oktober wurde gekämpft und verhandelt. Aus Moskau waren die Mitglieder des Politbüros Michail A. Suslow und Anastas J. Mikojan nach Budapest gekommen. Eine neue Regierung unter Imre Nagy sollte die Ordnung wieder herstellen. Am 28. Oktober wurde eine allgemeine Feuereinstellung, Abzug der sowjetischen Truppen aus Budapest, Auflösung der AVH und Amnestie für die Aufständischen verkündet. In den nächsten beiden Tagen wurden weitere Reformen bekannt gegeben, so die Abschaffung des Einparteiensystems, der Austritt aus dem WP und zukünftige Neutralität.

Der Krieg im Nahen Osten lenkt von der Operation „Wirbelsturm“ ab

Am 29. Oktober begann im Nahen Osten die „Suez-Krise“. In Moskau erklärte Chruschtschow: „Wenn wir jetzt, da der Westen im Nahen Osten seine eigene Politik macht, Ungarn räumen würden, stellten wir uns nur bloß. Unsere Partei würde nie verstehen, dass wir unsere Position nicht nur in Ägypten, sondern auch in Ungarn den westlichen Imperialisten ausliefern.“ In der Nacht des 3./4. November wurde Verteidigungsminister General Pál Maléter festgenommen. In den Morgenstunden des 4. November begannen die schon seit Tagen an Ungarns Grenze bereitstehen Sowjetdivisionen die Operation „Wirbelsturm“. Bis zum 15. November wehrten sich die Ungarn gegen die überlegenen Truppen. Dann begruben auch die Letzten den Traum der Freiheit; der erst 1989 in Erfüllung ging. Über die Anzahl der Toten und Verwundeten auf Seiten der Ungarn und der Sowjets gibt es sehr unterschiedliche Angaben, Sicher scheint zu sein, das das letzte Todesurteil wegen Teilnahme an der „Konterrevolution“ 1961 vollstreckt wurde.

 
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