Nachschau - Veranstaltung am 08.12.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Hybride Kriegführung
als neue Herausforderung

 
Referent:

Oberst i.G. Dr. Frank Richter

Bundesministerium der Verteidigung, Referatsleiter Pol II 3
(Strategische Grundlagen und politische Analysen)
 
Begrüßung:

Ministerialrat Henning Baumeister

Stellv. Dienststellenleiter der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund
 
Moderation:

Dr. Florian Seiller

Sektionsleiter Berlin
 
 

am Dienstag, 08. Dezember 2015, 18.30 – 20.00 Uhr
in der Landesvertretung Sachsen-Anhalt beim Bund
Luisenstr.18, 10117 Berlin

 

*****

 
Bericht der Sektion Berlin

Hybride Kriegsführung als neue Herausforderung

Von Dr. Florian Seiller
Dr. Florian Seiller (li.) moderierte das Gespräch mit Oberst Dr. Frank Richter - Foto: Christoph Watzlawek

Was verbirgt sich hinter dem Begriff „Hybride Kriegsführung“? Handelt es sich dabei um ein neues Phänomen? Wie können sich Bundeswehr, NATO und EU gegen diese Bedrohung wappnen? Diesen brandaktuellen Fragen widmete sich die gemeinsame Veranstaltung mit der Landesvertretung Sachsen-Anhalt beim Bund. Nach der Begrüßung durch Ministerialrat Henning Baumeister, Stellv. Dienststellenleiter der Landesvertretung, und den Berliner GSP-Sektionsleiter erläuterte Oberst i.G. Dr. Frank Richter (BMVg, Referatsleiter Pol II 3, Strategische Grundlagen und politische Analysen) die wesentlichen Merkmale und Elemente dieser Bedrohungsform und gab einen Überblick über die laufenden Konzeptentwicklungen auf Bundeswehr-, NATO- und EU-Ebene, mit denen hybride Angriffe verhindert und abgewehrt werden sollen.

Hybride Bedrohungen, wie sie sich auf der Krim und in der Ostukraine, aber auch im Nahen und Mittleren Osten zeigten bzw. zeigen, sind in ihrer Ausprägung recht unterschiedlich und in ihren Bestandteilen kein völlig neues Phänomen. Sie können sowohl von staatlichen als auch von nichtstaatlichen Akteuren ausgehen und zielen auf die Verwundbarkeit offener Gesellschaften und das Erringen eines psychologischen und physischen Vorteils. Hybride Bedrohungen bewegen sich in einer Grauzone zwischen Krieg und Frieden. Im Visier der Angreifer stehen u.a. kritische Infrastrukturen (KRITIS), staatliche Einrichtungen, der Informations- und Meinungsraum und die immer stärker vernetzte Wirtschaft. Hierfür bedienen sie sich vielfältiger ziviler und militärischer Mittel: Unterstützung irregulärer Kräfte, Einsatz verdeckt operierender Spezialkräfte und regulärer Streitkräfte, Cyberattacken, Desinformationskampagnen und Propaganda, Sabotage und Infiltration, Aufwiegelung von Bevölkerungsgruppen, Unterstützung von Separatisten, diplomatischer und wirtschaftlicher Druck sowie militärische Drohgebärden. Oberst i.G. Dr. Richter verdeutlichte dies anhand von Beispielen aus dem Ukraine-Konflikt – genannt sei hier das handstreichartige Vorgehen militärischer Einheiten ohne Hoheitsabzeichen auf der Krim – und der Strategie der Terrormiliz IS. Das Besondere und Neue an Hybrider Kriegsführung ist die ebenenübergreifende Orchestrierung der vielfältigen Elemente und die Verknüpfung traditionell unterscheidbarer Konfliktformen zu einer Gesamtstrategie.

Um hybriden Bedrohungen wirkungsvoll begegnen zu können, sind vor allem die folgenden Handlungsfelder von Bedeutung: die Stärkung der strategischen Vorausschau und Krisenfrüherkennung sowie der strategischen Kommunikation, die Erhöhung der Resilienz sowie die Aufrechterhaltung der militärischen Abschreckung. Die NATO hat seit dem Gipfel von Wales (2014) eine Reihe von Maßnahmen ergriffen, um ihren Fähigkeiten auszubauen und ihre Einsatzbereitschaft zu erhöhen. Oberst i.G. Dr. Richter veranschaulichte dies den zahlreichen Zuhörerinnen und Zuhörern unter anderem am Beispiel der in Süd- und Westeuropa abgehaltenen zweiteiligen NATO-Großübung „Trident Juncture 2015“, der ein komplexes Bedrohungsszenario zugrunde lag und an der ca. 36.000 Soldaten beteiligt waren, aber auch anhand der konzeptionellen Arbeiten der NATO. Die NATO-Außenminister haben am 1. Dezember 2015 eine Hybrid Warfare Strategy verabschiedet. In der Folge geht es nunmehr um die Erarbeitung eines Implementierungsdokuments, das konkrete Umsetzungsschritte beschreibt. Der Referent betonte dabei auch die Notwendigkeit einer intensiveren Koordination und Kooperation zwischen NATO und EU und den Wert des vernetzten Ansatzes bei Prävention und Abwehr hybrider Gefahren. Am Ende des Prozesses könnte eine gemeinsame Strategie von NATO und EU stehen. Auch die EU widmet sich intensiv dem Thema. Am 22. Juni 2015 beschloss sie einen Aktionsplan zur strategischen Kommunikation. Bereits im Jahr zuvor hatte die NATO ein Exzellenzzentrum „Strategic Communications“ in Riga/ Lettland geschaffen. Naturgemäß spielt das Thema auch bei der Erstellung des neuen Weißbuches der Bundeswehr eine Rolle, das 2016 vorgestellt werden soll.

„Hybride Kriegsführung“ wird eines der Zukunftsthemen von NATO, EU und ihren Mitgliedstaaten bleiben und eine dauerhafte Herausforderung darstellen – nicht nur für die Streitkräfte, sondern auch für die gesamtstaatlichen Sicherheitsarchitekturen und die Gesellschaften.

Die sich an den Vortrag anschließende intensive Diskussion unterstrich das große Interesse der Zuhörerschaft. Die GSP Berlin wird das hochrelevante Thema weiterhin im Blick behalten und dankt dem Referenten für seinen hervorragenden Vortrag und der Landesvertretung Sachsen-Anhalt beim Bund für die ausgezeichnete Zusammenarbeit.

 
Siehe hierzu auch: Newsletter der Landesvertretung Sachsen-Anhalts beim Bund
 
Zur Vertiefung der Thematik siehe das E-Journal „Hybride Kriege – die Ohnmacht der Gegner“ unter
www.ethikundmilitaer.de
 
Nach oben Zurück