Nachschau - Veranstaltung am 13.06.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Traditionslinien und Traditionsverständnis der Bundeswehr –
Erlasse von oben und Praxis von unten

Von den preußischen Reformen bis zum Hindukusch

 
Referent:

Oberst Professor Dr. Winfried Heinemann

ZMSBw, Potsdam / Brandenburgische Technische Universität Cottbus-Senftenberg
Foto: ZMSBw
 
Moderation:

Dr. Florian Seiller

GSP-Sektionsleiter Berlin
 

Dienstag, 13. Juni 2017, 18:30 – 20:00 Uhr
(Einlass ab 18:00 Uhr)
im Politischen Bildungsforum der KAS
Tiergartenstr. 35, 10787 Berlin

 

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Bericht der Sektion Berlin und der KAS Berlin

Traditionslinien und Traditionsverständnis der Bundeswehr

Von den preußischen Reformen bis zum Hindukusch

Von Dr. Florian Seiller
Beantwortete souverän die zahlreichen Fragen aus dem Publikum: Der Referent des Abends, Oberst Prof. Dr. Winfried Heinemann. Daneben: GSP-Sektionsleiter Dr. Florian Seiller - Foto: Robbin Schacht, KAS

Anfang des Jahres erreichte die Debatte um Traditionslinien und Traditionsverständnis der Bundeswehr eine neue Dimension. Sie entzündete sich konkret am Fall eines terrorverdächtigen jungen Bundeswehroffiziers und dem Auffinden von Wehrmachtsutensilien und -wandmalereien in einigen Bundeswehrkasernen. Bundesverteidigungsministerin Dr. Ursula von der Leyen ordnete daraufhin an, alle Kasernen auf Wehrmachtsandenken zu durchsuchen und den aus dem Jahr 1982 stammenden Traditionserlass, die „Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege in der Bundeswehr“, grundlegend zu überarbeiten. In Teilen der Öffentlichkeit wird seitdem lebhaft diskutiert: Wie viel Wehrmacht steckt in der Bundeswehr? Sind die Traditionsrichtlinien von 1982 noch zeitgemäß? Bedarf es vor dem Hintergrund des gewandelten Aufgabenspektrums und der Einsatzerfahrungen der Bundeswehr nicht einer Aktualisierung, womöglich sogar einer teilweisen Neufassung ihres Traditionsbestandes? Ein spannendes, aktuelles und die Bundeswehr zutiefst bewegendes Thema, dem sich die GSP-Sektion Berlin und das Politische Bildungsforum der Konrad-Adenauer-Stiftung in ihrer gemeinsamen Abendveranstaltung widmeten. Als Vortragenden konnte sie Oberst Prof. Dr. Winfried Heinemann, zuletzt Chef des Stabes und stellv. Kommandeur des ZMSBw in Potsdam und seit 2014 Honorarprofessor an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, willkommen heißen. Er beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Militärische Tradition, militärischer Widerstand gegen den Nationalsozialismus und Geschichte der Bundeswehr und Nationalen Volksarmee sowie der beiden Bündnissysteme NATO und Warschauer Pakt.

Doch was ist eigentlich unter dem Begriff „Militärische Tradition“ zu verstehen? Nach welchem Muster wurden Bundeswehrkasernen und „Traditionsräume“ benannt? Diesen Fragen ging Oberst Prof. Dr. Heinemann in seinem Vortrag nach. Daneben bezog er Stellung zur aktuellen Diskussion.

„Erlasse von oben…“

Seit Ende der 1990er Jahre fixierte sich der Blick auf die drei Traditionslinien, die der damalige Verteidigungsminister Rudolf Scharping in seiner Festansprache anlässlich des 25jährigen Bestehens der Universität der Bundeswehr in Hamburg nannte und die unhinterfragt übernommen wurden: die preußischen Reformen, der Widerstand gegen den Nationalsozialismus und eigene Traditionen der Bundeswehr. Diskussionen über die Sinnhaftigkeit einer solchen Fixierung wurden allenfalls intern geführt. Oberst Prof. Dr. Heinemann hält das „Drei Säulen-Modell“ für zu eng gefasst. So blieben beispielsweise die bürgerliche Revolution von 1848 oder demokratische Ansätze in der Reichswehr ausgeblendet – was außerhalb der drei Säulen liege, falle heraus.

In der Wahrnehmung vieler Soldaten werde militärische Tradition – die wertorientierte Auswahl, Überlieferung und Bewahrung des geistigen Erbes von heute noch vorbildlichen Ereignissen, Institutionen und Personen aus der deutschen Militärgeschichte – eher „von oben“ verordnet als von der Truppe gelebt. Dabei sei gerade die Traditionspflege in der Truppe essentiell, sie sei in erster Linie Aufgabe der Kommandeure und Einheitsführer. Traditionspflege diene der Identitätsstiftung, schaffe eine emotionale Bindung, biete geistige Orientierung und stärke das Gemeinschaftsgefühl. Sie leiste damit einen wichtigen Beitrag zur Ausbildung und Erziehung der Soldaten. „Traditionsbewusstsein kann nicht verordnet werden“, so wurde es bereits im Traditionserlass von 1982 formuliert (I.4.). Und: „Die Traditionspflege liegt in der Verantwortung der Kommandeure und Einheitsführer“ (III. 21.). Das schlichte Verordnen von Traditionen von oben stehe zudem im Widerspruch zur Inneren Führung, der Führungskonzeption der Bundeswehr.

„…und Praxis von unten“

Anhand ausgewählter Beispiele legte Oberst Prof. Dr. Heinemann dar: „Tradition wächst von unten auf – überwiegend ungeregelt –, weil die völlig überholten Richtlinien von Anfang der 1980er Jahre die Lebenswirklichkeit der heutigen Soldaten nicht mehr abbilden“. Eine Überarbeitung sei daher längst überfällig. Die Ankündigung des BMVg, die vor 35 Jahren erlassenen Traditionsrichtlinien bis zum Ende dieses Jahres grundlegend zu überarbeiten, hält er jedoch für zu ambitioniert: „Es dürfte schwer möglich sein, ein solch komplexes und vielschichtiges Vorhaben innerhalb weniger Monate zu bewerkstelligen.“

Doch wie könnte eine zeit- und auftragsgemäße Weiterentwicklung der Traditionspflege aussehen? Die vielfältigen Einsatzerfahrungen im In- und Ausland („Armee im Einsatz“), die Neuausrichtung der Bundeswehr und die Tradition der multinationalen Kooperation (z.B. NATO und EU) böten laut Heinemann eine Fülle von Anknüpfungspunkten. Wichtig sei stets die kritische-reflexive Betrachtung von Ereignissen und Personen: „Maßstab ist die Werteordnung unseres Grundgesetzes und die Beachtung der Grundsätze der Inneren Führung, die elementarer Bestandteil militärischer Führung ist“, so Heinemann.

Kasernennamen und „Traditionsräume“

Bei seinen Ausführungen erläuterte Oberst Prof. Dr. Heinemann auch eine Fülle von Beispielen von Namensbenennungen von Bundeswehrkasernen und Hintergründe, warum bestimmte Kasernen – z.B. aufgrund gewandelter Wertvorstellungen – umbenannt wurden, weiterhin ihren alten Namen tragen oder diesen behalten sollten. Zugleich wies er auf Probleme hin, die sich infolge der Neuausrichtung ergeben, denn mit der Schließung von Liegenschaften verschwindet auch so mancher traditionswürdige Name von der Bildfläche. Ein solcher Fall ist die Schließung der nach dem ersten Verteidigungsminister der Bundesrepublik, Theodor Blank, benannten Kaserne in Rheine. Wie wird man künftig in der Bundeswehr an Blank erinnern? Im Falle eines der führenden Köpfe des Widerstandes des 20. Juli 1944, Claus Schenk Graf von Stauffenberg, war man sich der Bedeutung bewusst: Nach der Schließung der seinen Namen tragenden Kaserne in Sigmaringen erhielt die Offiziersschule des Heeres in Dresden seinen Namen – eine absolut begrüßenswerte Entscheidung, wie Heinemann betonte. Als Beispiel aus der multinationalen Dimension nannte er die Robert-Schuman-Kaserne in Müllheim, in der der gemischte Stab der Deutsch-Französischen Brigade untergebracht ist: „Sie ist nach einem der Väter der Europäischen Integration benannt – ein schöneres Beispiel kann es kaum geben“; ein anderes Beispiel ist die Lucius-D.-Clay-Kaserne in Garlstedt.

Heinemann wies noch auf einen weiteren Aspekt hin: Militärisches Erbe von früher habe es immer gegeben. Einiges davon sei auch heute noch sichtbar, so etwa der Karabiner 98k des Wachbataillons, das Eiserne Kreuz auf den Bundeswehrfahrzeugen oder die Auftragstaktik – im modernen Terminus „Führen mit Auftrag“. Begriffe wie „Feldjäger“ (für Militärpolizei), „Luftwaffe“ oder „Panzergrenadier“ seien dagegen Schöpfungen des „Dritten Reiches“. Richtschnur für die Traditionswürdigkeit sei das Wertgefüge des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland.

Fazit

Die Zuhörer erlebten im Politischen Bildungsforum der KAS einen hochinformativen Abend zur aktuellen Traditionsdebatte. Oberst Prof. Dr. Heinemann ist es auf hervorragende Weise gelungen, das vielschichtige Thema Traditionspflege systematisch und anschaulich zu erläutern und mit zahlreichen Beispielen zu unterfüttern. Es wäre sehr zu wünschen, wenn in der öffentlichen Debatte mehr solche Beiträge zu vernehmen wären.

 
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