Nachschau - Veranstaltung am 14.11.2017

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Bedrohtes Erbe der Menschheit:

Die Auswirkungen von Kriegen und bewaffneten
Konflikten auf Kulturstätten

 
Referent:

Professor Dr. Hartwig Lüdtke

Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission
und Direktor des TECHNOSEUM - Landesmuseum für Technik und Arbeit, Mannheim
Foto: Pressefoto Deutsche UNESCO-Kommission
 

Begrüßung:

Dr. Michael Schneider

Staatssekretär für Bundes- und Europaangelegenheiten
und Bevollmächtigter des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund
 

Moderation:

Dr. Florian Seiller

GSP-Sektionsleiter Berlin
 

am Dienstag, 14. November 2017, 18.30 Uhr bis 20.00 Uhr
(Einlass ab 18:00 Uhr)
in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund
Luisenstr.18, 10117 Berlin

 

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Bericht der Sektion Berlin

„Dialog ermöglichen, Bewusstsein schaffen, Netzwerke bilden“

Vortrag über das bedrohte Erbe der Menschheit

Von Dr. Florian Seiller
Referent Professor Dr. Hartwig Lüdtke (li.) mit GSP-Sektionsleiter Dr. Florian Seiller. - Foto: GSP Berlin

Kriegerische Auseinandersetzungen haben nicht nur gravierende Folgen für die Menschen in den betroffenen Regionen, sondern auch für die Umwelt und damit auch für unser kulturelles Erbe. Immer wieder werden Kulturgüter bei kriegerischen Auseinandersetzungen Ziel von Angriffen, werden beschädigt, zerstört oder geplündert und gelangen in den illegalen Handel. In besonderem Maße betroffen waren in den letzten Jahren die UNESCO-Welterbestätten in Syrien und im Irak. Die Bilder der schweren Zerstörungen der Altstadt von Aleppo, der Sprengung der Überreste der antiken Stadt Palmyra (Syrien), der Plünderungen und Zerstörungen des Mosul Museums (Irak) oder der Auslöschung der Buddha-Statuen im Bamiyan-Tal (Afghanistan) gingen um die Welt.

Der immaterielle Schaden ist gewaltig, nicht nur für die betroffenen Regionen, sondern für die gesamte Menschheit. Kulturgüter von unschätzbarem Wert gehen auf diese Weise unwiederbringlich verloren und lassen sich, wenn überhaupt, nur auf mühevolle Weise rekonstruieren. Auch der illegale Handel mit Kulturgütern floriert. Er beläuft sich nach Schätzungen auf mehrere Milliarden Dollar jährlich und steht nach dem internationalen Handel mit Waffen und Drogen an dritter Stelle der internationalen Kriminalität. Der Verlust des kulturellen Erbes hat somit auch eine sicherheitspolitische Dimension. Die rechtliche Lage ist eindeutig: So verbietet die Haager Konvention mit ihren beiden Protokollen von 1954 und 1999 ausdrücklich die Zerstörung von Kulturgütern sowie deren Wegnahme in bewaffneten Konflikten.

Internationaler Kulturgüterschutz und Bedeutung der UNESCO

Wie von Krieg und Gewalt bedrohte Kulturgüter geschützt und gerettet werden können und welche Rolle die Organisation der Vereinten Nationen für Bildung, Wissenschaft und Kultur (UNESCO) dabei spielt, erläuterte Prof. Dr. Hartwig Lüdtke, Vizepräsident der Deutschen UNESCO-Kommission (DUK) und Stiftungsvorstand und Direktor des TECHNOSEUM – Landesmuseum für Technik und Arbeit in Mannheim. Er skizzierte die Anfänge der UNESCO, gab einen Überblick über die zentralen Grundlagendokumente und Programme zum materiellen und immateriellen Kulturgüterschütz und stellte ausgewählte Beispiele vor. Dabei rief er in Erinnerung: Ausgangspunkt für die Gründung der internationalen Organisation waren die Schrecken des Zweiten Weltkrieges, in dem unzählige Kulturgüter vernichtet oder beschädigt wurden. Eine der zentralen Lehren war es daher laut Prof. Dr. Lüdtke, Kollateralschäden künftig zu vermeiden und kulturhistorisch wertvolle Gebäude deutlich sichtbar und völkerrechtlich verbindlich zu schützen. Mit der eingangs erwähnten Haager Konvention (1954) wurde ein wichtiges Zeichen gesetzt.

Als „Initialzündung“ bezeichnete Prof. Dr. Lüdtke die Verlegung des Tempels von Abu Simbel beim Bau des Assuan-Staudamms (Ägypten). In einem gewaltigen Kraftakt und mit starker internationaler Beteiligung wurde das jahrtausendealte Bauwerk vollständig versetzt und somit vor den Fluten des Nils bewahrt. Mittlerweile gehören der im Jahre 1946 gegründeten UNESCO 195 Staaten an, darunter auch Länder, deren Beziehungen von Spannungen geprägt oder die miteinander verfeindet sind. Bekannt ist die UNESCO insbesondere auch im Zusammenhang mit den rund 1.000 Welterbestätten, von denen es auch in Deutschland eine Reihe gibt. Die am 12. Mai 1950 gegründete DUK ist Deutschlands Mittlerorganisation für multilaterale Politik in Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation. Sie berät die Bundesregierung und den Deutschen Bundestag in allen relevanten Fragen und wird vom Auswärtigen Amt finanziell unterstützt.

Kampf gegen die gezielte Zerstörung von Bauwerken und Schriftgut

Am Beispiel der Dokumentation und (teilweise noch andauernden) Restauration der von den Taliban zerstörten Buddha-Statuen von Bamiyan (Afghanistan) sowie der von Milizen des sogenannten Islamischen Staats (IS) zerstörten Mausoleen und Bibliothek von Timbuktu (Mali) veranschaulichte der Vizepräsident der DUK den Beitrag der Sonderorganisation der Vereinten Nationen. Mit der gezielten Zerstörung von Bauwerken und Schriftgut habe die Kriegführung eine neue Dimension erreicht. Mit dem Versuch der Auslöschung des kulturellen Gedächtnisses verfolgten die Islamisten eine perfide Strategie: „Zukunft braucht Herkunft. Genau das wollen sie den Menschen in den eroberten Gebieten nehmen. Die materielle und historische Identität der Menschen soll gezielt vernichtet werden“. Er erinnerte dabei auch an die Sprengung der berühmten Ruinen von Palmyra und die Verwüstung und Plünderung des archäologischen Museums von Mosul. Zu den bedeutendsten von der UNESCO unterstützen Rettungsmaßnahmen gehören die digitale Dokumentation, Konferenzen und Workshops für Experten – Grundlage für einen erfolgreichen Wiederaufbau. Zur Unterstützung des Wiederaufbaus der Altstadt von Aleppo engagiert sich die UNESCO gemeinsam mit der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus-Senftenberg, der Hochschule für Technik und Wirtschaft Berlin und des Deutschen Nationalkomitees von ICOMOS e.V. im Rahmen des Archeological Heritage Network (ArchHerNet). Hier werden Forscher, Architekten und Stadtplaner an einen Tisch gebracht, wird ein starkes Netzwerk gebildet.

Als Meilenstein bezeichnete Prof. Dr. Lüdtke, selbst Archäologe, dass einer der Hauptverantwortlichen der Barbarei von Timbuktu vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gestellt und zu einer mehrjährigen Haftstrafe verurteilt werden konnte: „Das ist ein wichtiges Signal!“ Ebenso ermutigend: Der Schutz von Kulturgut finde sich erstmals in einem UN-Mandat. Bemerkenswert sei zudem das Bewusstsein der Bevölkerung gewesen. So hätten einige Bürger wichtige Schriftstücke vor den Terrormilizen gerettet. Als nach wie vor große Herausforderung sieht er die Verhinderung und Bekämpfung von Raubgrabungen und illegalem Handel mit Kulturschätzen. Durch Plünderungen und Schwarzmarkt gingen wichtige wissenschaftliche Erkenntnisse für immer verloren – der Fundzusammenhang lasse sich kaum noch rekonstruieren.

Friedenspolitische Bedeutung der UNESCO

Des Weiteren ging Prof. Dr. Lüdtke auf die aktuelle Lage der UNESCO ein. Als sehr bedauerlich bezeichnete er die Ankündigung der USA und Israels, die UNESCO bis 2018 verlassen zu wollen. Ausgangspunkt war die Aufnahme des völkerrechtlich nicht anerkannten Palästinas in die UNESCO im Jahre 2011. Die USA und Israel hatten diesen Schritt scharf kritisiert und daraufhin ihre Beitragszahlungen eingestellt. Dadurch büßte die Organisation ca. 20 Prozent ihres Etats ein. „Es gibt keine Alternative zur UNESCO, es muss doch trotz aller politischer Differenzen ein Forum geben, wo man miteinander spricht! Was könnte es Besseres geben als der Austausch im kulturellen und wissenschaftlichen Bereich? Dialog kann Brücken bauen“, so Prof. Dr. Lüdtke. Die frisch gewählte Generaldirektorin der UNESCO, die frühere französische Kulturministerin Audrey Azoulay, stehe daher vor großen Herausforderungen.

Am Ende seiner Ausführungen hob der Vizepräsident der DUK nochmals die friedenspolitische Bedeutung der UNESCO hervor: „Es geht nicht um Panzer oder Kanonen, sondern um die Förderung von Bildung, Wissenschaft, Kultur und Kommunikation. Die UNESCO will Dialog ermöglichen, Bewusstsein schaffen, Netzwerke bilden und den Austausch über Grenzen hinweg fördern. Dabei ist die UNESCO auf die Unterstützung durch ihre Mitgliedstaaten angewiesen. Es geht um nichts weniger als um unser gemeinsames globales Erbe, das Erbe der Menschheit“.

Mit ihrer Veranstaltung in der Vertretung des Landes Sachsen-Anhalt beim Bund zum Thema Kulturgüterschutz hat die GSP-Sektion Berlin erfolgreich neues Terrain betreten und einen Blick über den klassischen sicherheitspolitischen Tellerrand gewagt. An den Beispielen Bamiyan und Timbuktu wurde aber eindrucksvoll deutlich, wie eng Sicherheitspolitik und Kulturgüterschutz beieinander liegen.

Die Deutschen UNESCO-Kommission im Internet: www.unesco.de

Lesen Sie bitte auch den Beitrag auf der Homepage der Zeitschrift RESTAURO

 
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