Nachschau - Veranstaltung am 23.03.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Fit für die Zukunft?
Perspektiven der Verteidigungsforschung
in Deutschland

 
Referent:

Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen Beyerer

Mitglied im Präsidium der Fraunhofer Gesellschaft
Vorsitzender des Fraunhofer-Verbundes Verteidigungs- und Sicherheitsforschung
Institutsleiter des Fraunhofer IOSB
 

am Donnerstag, 23. März 2017, 18:30 – 20:00 Uhr
(Einlass ab 18:00 Uhr)
im Fraunhofer-Forum im Spree-Palais
Anna-Louisa-Karsch-Str. 2, 10178 Berlin

 

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Bericht der Sektion Berlin

Neue Technologien, neue Bedrohungen und neue Methoden der Kriegsführung:

Herausforderungen für Streitkräfte im Einsatz

Von Dr. Florian Seiller
Plädierte für einen Ausbau der technologischen Souveränität Deutschlands in der Verteidigungsforschung: Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen Beyerer, Vorsitzender des Fraunhofer VVS bei seinem Vortrag. - Foto: GSP

Gefahren durch unkonventionelle Sprengfallen (IEDs, improvised explosive device), Cyberwaffen, elektromagnetische Störeinflüsse gegen Waffensysteme / EMP-Waffen, miniaturisierte Drohnen und Schwarmangriffe, Hochenergielaser (HEL) im Weltraum oder Biowaffen: Das Bedrohungsspektrum, mit denen Streitkräfte gegenwärtig konfrontiert sind bzw. künftig sein werden, ist immens und nimmt im Zuge des rasanten technologischen Fortschritts stetig zu. Disruptive Technologien wie Digitalisierung, Robotik, Autonomik, Künstliche Intelligenz, Nano- und Biotechnologie bieten zwar viele Chancen für Wirtschaft und Gesellschaft, bergen jedoch auch ein hohes Risikopotenzial. Hinzu kommen neue Methoden der Kriegsführung wie hybride / asymmetrische Bedrohungen und terroristische Attacken. All dies stellt neue Anforderungen an Streitkräfte im Einsatz. Gefragt sind daher innovative Lösungen, Technologien und Schutzkonzepte.

Die angewandte Verteidigungsforschung ist eine unverzichtbare Grundlage für eine moderne Ausstattung der Bundeswehr und den Schutz ihrer Soldaten, für die Sicherung von Deutschlands internationaler Kooperationsfähigkeit und für eine leistungsfähige Sicherheits- und Verteidigungsindustrie. Wo steht Deutschland bei der angewandten Verteidigungsforschung? Welches sind aktuell bedeutsame Forschungsfelder? Welche (Schlüssel)Technologien werden benötigt? Und welchen Beitrag kann die Fraunhofer-Gesellschaft leisten? Diese Fragen standen im Mittelpunkt der gemeinsamen Abendveranstaltung der Fraunhofer-Gesellschaft zur Förderung der angewandten Forschung, der Sektion Berlin der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) und der Sektion Berlin-Brandenburg der Deutschen Gesellschaft für Wehrtechnik (DWT). Der Einladung ins Fraunhofer-Forum im Spree-Palais unweit des Berliner Doms waren auch Bundestagsabgeordnete und Vertreter von Bundesministerien, Bundesbehörden, der Streitkräfte, der Wirtschaft und der Forschung gefolgt. Referent des Abends war Prof. Dr.-Ing. habil. Jürgen Beyerer, Mitglied im Präsidium der Fraunhofer-Gesellschaft, Vorsitzender des Fraunhofer-Verbundes Verteidigungs- und Sicherheitsforschung VVS und Institutsleiter des Fraunhofer-Instituts für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung IOSB. In einem hochinformativen Vortrag stellte Prof. Dr. Beyerer die Schwerpunkte des VVS und perspektivische Forschungsfelder vor und veranschaulichte dies anhand ausgewählter Beispiele. Dabei wurde deutlich: Fraunhofer-Forschung kommt in der Truppe an!

Der Fraunhofer-Verbund VVS: Spitzenforschung für Verteidigung und Sicherheit

Ob Aufklärung und Überwachung, Schutz und Wirkung, Führungs- und Einsatztechnik oder Information und Kommunikation. Ob Explosiv- und Sicherheitstechnik, Lageerfassung und Entscheidungsunterstützung oder Cyber-Defense. Die Bandbreite der Aktivitäten des VVS auf dem Gebiet der Verteidigungs- und Sicherheitsforschung ist beachtlich und deckt nahezu sämtliche relevante Technologiefelder ab. Mit seinen zehn Instituten betreibt der Verbund Forschung für die staatliche Sicherheitsvorsorge im Verteidigungsbereich und die Entwicklung technischer Lösungen und Systeme zum Schutz des Lebens und zur Sicherung von Infrastrukturen. Hierzu verfügt der VVS über eine hochmoderne Forschungsinfrastruktur und hochspezialisiertes und erfahrenes Personal. Darüber hinaus analysiert der Verbund die Entstehung und Auswirkungen von Innovationen, erstellt naturwissenschaftlich-technische Trendanalysen und erarbeitet Roadmaps oder Szenarien künftiger Markt- und Einsatzbedingungen. Der Forschungsverbund liefert auf diese Weise wissenschaftlich fundierte Urteils- und Beratungsfähigkeit über das gesamte Spektrum technologischer Entwicklungen und leistet ferner beratende Unterstützung nationaler und internationaler F&E-Politik. Der VVS erhält hierzu eine Grundfinanzierung durch den Bund und betreibt auftragsorientierte Forschung, insbesondere für das Bundesministerium der Verteidigung (BMVg) und die Industrie.

VVS-Technologien im Einsatz bei der Bundeswehr

Fraunhofer-Institute waren an der Entwicklung zahlreicher Systeme und Konzepte beteiligt, die bei der Bundeswehr eingeführt wurden. Ein bekanntes Beispiel ist die Sensorgestützte Landehilfe (SeLa) für Helikopter, ein Landeassistenz-System für sichere Landung bei schlechten Sichtbedingungen. Aufgewirbelter Staub kann für Piloten zur tödlichen Gefahr werden. Mithilfe eines speziell entwickelten staubdurchdringenden Präzisionsradars werden Hubschrauber zum sicheren Landen befähigt – eine Fähigkeit, die insbesondere in Wüstenregionen wie in Afghanistan gefragt ist. Mittlerweile wurden alle mittleren Transporthubschrauber des Typs CH-53 der Version GS/GE mit dem System nachgerüstet.

Ein weiteres Beispiel ist das Videoauswertungssystem für unbemannte Aufklärungsflugzeuge mit der Bezeichnung ABUL, das eine effektive und effiziente Steuerung, Auswertung und Nutzung der Videoströme unbemannter Flugsysteme in einer Bodenstation ermöglicht. Es befindet sich seit 2007 bei der Bundeswehr im Einsatz und hat sich bei Auslandseinsätzen sehr bewährt, wie Prof. Dr. Beyerer anhand von Videosequenzen veranschaulichte. Integriert wurde das System in das Mehrzweck-Radfahrzeug Duro III „Yak“. Die Schweiz setzt ABUL seit 2010 im Flugsystem ADS 95 Ranger zur Grenzüberwachung ein.

Darüber hinaus haben Forscher von Fraunhofer an der Entwicklung eines Planning Tools für Munitionsfeldlager und -depots und eines Airport Management Systems sowie von Geräten zur Freund-Feind Identifikation mitgewirkt.

Aktuelle Forschungsfelder

Ein bedeutsamer aktueller Forschungsschwerpunkt ist der Schutz Kritischer Infrastrukturen. „Aufgrund des hohen und im Zuge der Digitalisierung stetig zunehmenden Vernetzungsgrades sind Kritische Infrastrukturen Achillesversen unserer Gesellschaft. Die Kopplungen und Abhängigkeiten Kritischer Infrastrukturen sind enorm. Bereits geringe Auslöser können gewaltige Schäden verursachen und Kaskaden- und Lawineneffekte auslösen“, so Prof. Dr. Beyerer. Eine besondere Herausforderung stelle die Cybersicherheit dar: „Herstellung und Einsatz von Cyberwaffen sind kein großes Hexenwerk, da die Technologie leicht zugänglich ist und die Kosten vergleichsweise gering sind“. Cyberattacken seien aus sicherer Distanz möglich und nur schwer zu entdecken und einem spezifischen Angreifer zuzuordnen. Bei der Suche nach effektiven Schutz- und Abwehrmaßnahmen gehe es jedoch keineswegs nur um rein technische Lösungen: „Wann genau liegt eigentlich der Verteidigungsfall vor? Wer verteidigt unser Land, unsere Wirtschaft, unser Gemeinwesen und unsere Bürger gegen fremdstaatlich betriebene Cyber-Angriffe? Das sind Fragen, mit denen wir uns intensiv beschäftigen müssen.“ Eng damit verbunden ist der Bereich Big Data und Datenanalyse, der einen wichtigen Beitrag zur Erkennung hybrider Angriffe leisten kann. Ziel ist es, angesichts des stark wachsenden Stroms unterschiedlichster Datenquellen den Überblick und die Informationshoheit zu bewahren und beispielsweise Fake News, Troll-Kommentare und den Diebstahl oder gar die gezielte Veröffentlichung sensibler Daten zu entdecken.

Ein weiteres wichtiges Thema ist die Interoperabilität von Streitkräften. Um ein reibungsloses Zusammenwirken von Verbündeten zu erreichen, kann eine Informationsverteilung mittels einer Coalition Shared Database (CSD) wertvolle Dienste leisten. Bereits vor einigen Jahren wurde Fraunhofer vom Bundesamt für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung (BAAINBw) mit der Entwicklung eines Systems zur Vernetzten Operationsführung im Koalitionsumfeld beauftragt (Coalition Networks for Secure Information Sharing, CoNSIS).

Weitere Beispiele, die Prof. Dr. Beyerer erläuterte, betrafen Sensoren, Autonome Systeme / Roboter (u.a. Roboter zur Beförderung von Lasten und intelligente Unterwasserfahrzeuge zur Vermessung des Meeresbodens) und Virtuelle Realität-Technologien (z.B. digitale Lagetische für Einsatzzentralen). Grundsätzlich sind die Technologien auch bei Naturkatstrophen und Unglücksfällen einsetzbar. So eigenen sich Autonome Systeme insbesondere für den Einsatz in menschenfeindlichen Umgebungen, etwa in verseuchten oder schwer zugänglichen Gebieten. Die Robotik gilt als wichtige Schlüsseltechnologie und steht daher auch auf der Agenda des EU-Aktionsplans zur Europäischen Verteidigung (EDAP). Im Rahmen eines „Europäischen Forschungsfonds“ soll u.a. die Robotik gezielt gefördert werden. Da das Forschungs-, Entwicklungs- und Ausgründungsumfeld außerordentlich dynamisch und die internationale Konkurrenz mittlerweile groß ist, sollten aus Sicht Prof. Dr. Beyerers von deutscher Seite verstärkte Anstrengungen unternommen werden, um die technologische Souveränität in diesem Bereich zu sichern.

Technologische Souveränität gezielt planen und ausbauen

Die Frage nach der technologischen Souveränität und nach Schlüsseltechnologien war ein Thema, über das am Abend noch intensiv diskutiert wurde. Im Juli 2015 hatte die Bundesregierung nationale verteidigungspolitische Schlüsseltechnologien in den Fähigkeitsdomänen Führung, Aufklärung, Wirkung und Unterstützung festgelegt, die einer regelmäßigen Überprüfung unterliegen sollten. Um die Bundeswehr mit modernsten Technologien auszustatten und auch künftig ein Kooperationspartner auf Augenhöhe sein zu können, ist nach den Worten von Prof. Dr. Beyerer ein Dreiklang aus heimischer Forschung, Entwicklung und Produktion erforderlich. Andernfalls drohten die Abhängigkeit vom Ausland und die Gefahr, dass die Bundeswehr nicht die beste Technik erhalte. Als Negativbeispiel nannte der Vorsitzende des VVS das Segment Nachtsichtgeräte, für die es in Deutschland keine eigene Produktion mehr gibt. „Die technologische Souveränität muss daher gezielt geplant und ausgebaut werden“. Ferner gelte es, die nationale und internationale Forschung besser zu koordinieren (Europa, NATO) und eine europäische Verteidigungsforschung zu etablieren. Hier sei bereits einiges in den Startlöchern. Vor allem aber brauche es ausreichende Investitionen in F&T. „Das F&T-Budget sollte mindestens proportional zur avisierten Steigerung des Verteidigungshaushaltes erhöht werden“, so Prof. Dr. Beyerer.

Fazit

Die Zuhörerinnen und Zuhörer erlebten einen hochinformativen Vortrag über technologische Trends, zentrale Herausforderungen auf dem Gebiet der Verteidigungsforschung und das beeindruckende Leistungsspektrum des Fraunhofer VVS. Dabei wurde deutlich: Investitionen in F&T leisten einen unverzichtbaren Beitrag für einen bestmöglichen Schutz der Soldaten, für eine bedarfsgerecht ausgerüstete Bundeswehr und eine leistungsfähige Sicherheits- und Verteidigungsindustrie.

Lesen Sie auch den Kurzbericht im Behörden-Spiegel
Mehr zum Fraunhofer-Verbund Verteidigungs- und Sicherheitsforschung VVS.
Jahresbericht des Bundesministeriums der Verteidigung zur wehrwissenschaftlichen Forschung 2014 zum Herunterladen.
 
 

YouTube-Video: Deep Diving AUV for Exploration (DEDAVE) - "Abgetaucht"

 
 
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