Nachschau - Veranstaltung am 29.06.2016

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Pulverfass Naher Osten – Der Bürgerkrieg in Syrien
und seine Auswirkungen auf die Region und auf Europa

 
Referent:

Dr. David Schiller

Nahostexperte
 
Moderation:

Dr. Florian Seiller

GSP-Sektionsleiter Berlin
 

am Mittwoch, 29. Juni 2016, 18:30 – 20:00 Uhr
(Einlass ab 18:00 Uhr)
in der Airbus Group Repräsentanz Berlin
John F. Kennedy Haus, 5. Etage
Rahel-Hirsch-Str. 10, 10557 Berlin

 

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Bericht der Sektion Berlin

Der syrische Bürgerkrieg: „Eine Orgie der Zerstörung“

Von Dr. Florian Seiller

Er ist einer der derzeit blutigsten Konflikte weltweit: Der seit 2011 tobende Bürgerkrieg in Syrien, in dem bislang über 400.000 Menschen getötet worden sind und der eine gewaltige Fluchtwelle ausgelöst hat. Nach Schätzungen befinden sich elf Mio. Euro Syrer auf der Flucht. Über vier Millionen Syrer sind ins Ausland geflohen, viele davon suchen Schutz in Europa. Allein nach Deutschland sind seit letztem Jahr mehrere hunderttausend Syrer gekommen.

Die Schäden in dem vom Krieg zerrissenen Land sind immens. Zum Sinnbild der „Orgie der Zerstörung“ wurde das besonders hart umkämpfte Aleppo, die zweitgrößte Stadt Syriens, deren östlichen Teil seit 2012 von Rebellengruppen gehalten wird. Die meisten Straßenzüge wurden durch die heftigen Bombardierungen durch die Truppen des syrischen Machthabers Assad und die russische Luftwaffe in eine Trümmerlandschaft verwandelt. Berge von Beton und Stahl wohin das Auge reicht. Sogar vor Krankenhäusern und Hilfskonvois macht der Bombenhagel nicht Halt. Die syrischen Streitkräfte setzen dabei auch sog. Fassbomben ein, die besonders verheerend wirken. Und auch chemische Waffen wurden verwendet. Die Versorgungslage der in Aleppo eingeschlossenen Menschen ist mittlerweile dramatisch – so schilderte es der Nahostexperte und Publizist, Dr. David Th. Schiller bei der gemeinsamen Abendveranstaltung der Berliner Sektionen von GSP und DWT. Dabei zeigte er mitunter auch erschütternde Fotos.

"Who is who" im Syrien-Konflikt - Grafik: Jürgen Todenhöfer

In seinem Vortrag erläuterte Dr. Schiller die unüberschaubare Lage im Nahen Osten: den Aufstieg der Terrormiliz IS, die Hintergründe des syrischen Bürgerkrieges und die aktuelle militärische Lage sowie die Rolle der Regionalmächte (Iran, Türkei, Golfstaaten). Bei seinen Ausführungen ging der Referent weit zurück in die Geschichte der Region. Dabei wurde deutlich: Die Gemengelage in Syrien ist hochkomplex, die Aussichten auf Frieden sind gering. Allein schon den Überblick zu behalten erscheint aufgrund der zahlreichen Volks- und Stammesgruppen und der ständig wechselnden Allianzen kaum unmöglich. Allein in Syrien gebe es ca. 1.500 verschiedene (Rebellen)Gruppen – zu den größten und berüchtigtsten gehören der IS, die Al-Nusra-Front und die kurdische Yekîneyên Parastina Gel (YPG). Dr. Schillers Fazit: „Den Nahen Osten kann man nur schwer verstehen!“

Befeuert wird der blutige Konflikt, der im März 2011 infolge des „Arabischen Frühlings“ ausbrach, auch von außen: Der Iran und die Golfstaaten ringen mit Waffen, Geld und Kämpfern um das Machtgefüge in der Region. Der jahrhundertealte Gegensatz zwischen Sunniten und Schiiten spielt hierbei eine prägende Rolle. Das sunnitische Saudi-Arabien bemüht sich, Syrien aus dem von Teheran bis nach Beirut reichenden „schiitischen Halbmond“ herauszubrechen, was der Iran freilich mit allen Mitteln, etwa mit der Entsendung von Elitekämpfern der Quds-Brigaden, zu verhindern sucht. Am Bosporus sähe man hingegen am liebsten den Sturz des syrischen Herrscherhauses. Die Türkei treibt jedoch die Sorge vor der Entstehung eines eigenen Kurdenstaates um. Den Kampf gegen den IS hat Ankara bisher eher halbherzig betrieben. Auch der Kreml versucht alles, um den syrischen Staatschef Assad an der Macht zu halten. Damit wäre auch die Fortexistenz des einzigen russischen Flottenstützpunktes am Mittelmeer (Tartus) gesichert. Mit der am 30. September 2015 gestarteten russischen Militärintervention wurde das unter massiven Druck geratende syrische Regime stabilisiert. Bei seinen Militärschlägen nimmt Russland allerdings keinerlei Rücksicht auf die Bevölkerung. Und keineswegs richten sich die Angriffe ausschließlich gegen den IS – sie treffen auch gezielt die Oppositionskräfte. In die Geschehnisse in Syrien involviert sind auch die USA. Sie liefern Waffen und Munition an Rebellengruppen. Syriens Zukunft mit Assad? Für Washington nicht akzeptabel.

Das Herrschaftsgebiet des IS, das zeitweise auch bis zu einem Drittel des irakischen Territoriums umfasste, ist zwar beträchtlich geschrumpft, besiegt ist die Terrormiliz jedoch noch längst nicht. Weitaus weniger beachtet von der Weltöffentlichkeit ist der Bürgerkrieg in Jemen, wo Houthi-Rebellen, pro-saudische Rebellen und die Terrororganisation „Al Qaida auf der Arabischen Halbinsel“ miteinander kämpfen. Das militärische Eingreifen Riads hat die Lage weiter verschärft. Auch die Situation im faktisch geteilten Lybien, wo der IS ebenfalls aktiv ist, bereitet Anlass zur Sorge.

Mit dem Kampf des Westens gegen den IS und dessen Zurückdrängung könnte jedoch auch die Terrorgefahr in Europa steigen. Den Terror nach Europa zu tragen und den Kontinent in ein Schlachtfeld zu verwandeln ist eines seiner erklärten Ziele. Muss sich also auch Deutschland auf islamistischen Terror einstellen? „Je eher wir es lernen, desto besser!“, so Dr. Schiller, der viele Jahre als Sicherheitsberater tätig war. Deutschland sei zwar bisher vor schweren Anschlägen verschont geblieben und habe Glück gehabt, doch sollte es sich auf wahrscheinliche Anschlagszenarien vorbereiten. Der Ausrüstungsstand der Polizei und die Fähigkeiten der Sicherheitsbehörden seien jedoch nach wie vor unzureichend. Mit der islamistisch motivierten Attacke in einem Regionalzug nahe Würzburg und dem ersten Selbstmordanschlag auf deutschem Boden in Ansbach wenige Wochen später schienen sich aus der Sicht mancher Beobachter einige der Befürchtungen zu bewahrheiten.

Die Zuhörerinnen und Zuhörer erlebten in der Airbus-Repräsentanz einen hochinformativen Abend. Gekonnt spannte Dr. Schiller einen weiten Bogen von der Geschichte bis in die Gegenwart und vermittelte einen Eindruck von der Dimension des syrischen Bürgerkrieges. Zurück blieb aber auch Ernüchterung: Die Chancen auf Frieden im Nahen und Mittleren Osten stehen alles andere als günstig. Das Blutvergießen in der Region wird die Weltöffentlichkeit und Diplomatie wohl leider noch längere Zeit beschäftigen.

 
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