Der „Islamische Staat“ und seine Bekämpfung: Wiederholen wir alte strategische Fehler?

Von Kersten Lahl

Die Terroranschläge von Paris wirken wie ein Weckruf für uns Europäer. Der sog. IS mit seinem menschenverachtenden Treiben hat nun auch uns direkt im Visier. Das können wir in keiner Weise hinnehmen. Solidarisches Handeln bleibt unabdingbar – nicht nur der Gemeinschaft wegen, sondern auch weil es im vitalen Interessen aller liegt. So weit wohl kein Widerspruch.

Nun sind allerdings Zorn und Rache schlechte Ratgeber, vor allem in Krisenlagen. Wir brauchen kühle Vernunft und nüchterne Ratio, auch wenn es gerade hier schwerfällt, Emotionen zu verdrängen. Und diese Ratio sagt uns das, was wir auch an anderer Stelle bereits leidvoll erfahren mussten: Militärische Gewalt ist oft (wie auch hier) eine notwendige Bedingung für die Durchsetzung von Frieden und Freiheit. Aber nie ist sie hinreichend! Und mehr noch: Steht sie allein, so entwickeln sich die Folgen auf lange Sicht meist noch unerfreulicher als vorher.

Zwei Einschätzungen zur militärischen Bekämpfung des IS möchte ich wagen:

1. Luftangriffe reichen nicht aus, trotz aller technologischen Überlegenheit. Es sind früher oder später auch Bodentruppen massiven Umfangs erforderlich. Doch wer stellt sie? Wir im Westen hätten aus guten Gründen gern lokale oder bestenfalls regionale Kräfte. Aber mit Blick auf diese potenziellen Truppensteller: Wer kann es? Wer hat den Mut? Und vor allem: Wer besitzt den Willen, wirklich in dem von Europa gewünschten Maße bis zum Äußersten zu gehen? Es bleiben jedenfalls Zweifel.

2. Und selbst wenn eine solche Truppe bereit stünde: Ohne die aktive oder zumindest passive Mitwirkung der örtlichen Bevölkerung wird es keinen Erfolg geben können. Solange der IS vor Ort von manchen als das „kleinere Übel“ betrachtet wird und damit eine gewisse stillschweigende Deckung erfährt, solange im Mittleren Osten das undurchsichtige Spiel so mancher auf regionale Vorteile zielender Mächte und die damit verbundene gegenseitige Blockade fortbestehen, so lange bleibt diese Terrorbande geschützt und wird sein Treiben absehbar umso radikaler fortsetzen.

Es bedarf also eines Gesamtansatzes aller Beteiligten, der nationale, religiöse, ethnische und wirtschaftliche Eigeninteressen überstrahlt. Das ist leicht gesagt und zugleich schwer erreichbar. Aber trotzdem muss leider gefolgert werden: Ohne diese Voraussetzung bleibt das Problem IS unlösbar. Und dies mit allen Folgen wie Bürgerkrieg, Flüchtlingsnot und Terror weit über die Grenzen hinaus.

Wie lässt sich aber ein ehrlicher und tragfähiger Interessenausgleich mit allen Akteuren realisieren? Wie lässt sich der Boden bereiten dafür, dass ein militärisches Zerschlagen des IS überhaupt nachhaltigen Erfolg versprechen kann? Das sind die großen Fragen, auf die wir noch keine wirklich überzeugenden Antworten gefunden haben.

Oder hat hier im Forum jemand eine zündende Idee? Wäre schön.

5 Kommentare zu “Der „Islamische Staat“ und seine Bekämpfung: Wiederholen wir alte strategische Fehler?

  1. Die Fragen sind zu recht gestellt – Antworten darauf allerdings schwer zu finden.
    Ich möchte in einem 1. Ansatz einige Problem-/Aktionsfelder herausgreifen:

    Problemfeld 1: UNO-Mandat – Wann, wenn nicht in diesem Fall und bei der gegebenen Konstellation (Russland „mit im Boot“) will der Weltsicherheitsrat seiner Verantwortung gerecht werden? Ein UNO-Mandat muss her mit der groben militärischen Zielsetzung „Zerschlagen des „IS“ und anderer islamistischer Terror-Milizen in Syrien und Irak“.

    Problemfeld 2: EInbinden der arabischen Staaten und des Iran in eine aktive Beteiligung zur Unterbindung der finanziellen, militärischen und logistischen Unterstützung des „IS“ und Anderer. Hierbei muss die eigentliche Zielsetzung des „IS“ herausgesellt werden: Beseitigung der Regierungen auf der arabischen Halbinsel zu Errichtung des Kalifats (später/zeitgleich Ausdehnung dieses Zielansatzes auf Nordafrika). Die derzeitigen Terroranschläge in Europa/USA dienen offensichtlich nur der Einschüchterung der Bevölkerungen, damit diese ihren Regierungen die Unterstützung bei der Bekämpfung des „IS“ entziehen, sie werden zu diesem Zwecke auch praktisch nur gegen „weiche“ Ziele mit großer Öffentlichkeitswirksamkeit geführt. Den Machthabern Arabiens muss klar werden, dass ihre Beseitigung das nächste Ziel des „IS“ ist.

    Problemfeld 3: Es ist ja eine Binsenweisheit, dass der Kampf gegen den „IS“ erfolgreich nicht ausschließlich aus der Luft geführt werden kann. Eine gut koordinierte Luft-/Boden-Operation ist das Gebot der Stunde.
    Hierbei plädiere ich aus 2 Gründen für Bodentruppen aus der Region:
    1. Westliche Truppen würden durch eine nochmals gesteigerte Kreuzfahrer-Propagandawelle dem „IS“ neuerlichen Zulauf „nützlicher Idioten“ bescheren und damit kontraproduktiv wirken.
    2. Wenn die Staaten der arabischen Halbinsel sich in dem oben beschriebenen Sinne als das eigentliche Ziel des „IS“ begreifen und sich konsequent dagegen auch militärisch wehren, würde das die eigene Bevölkerung besser „mitnehmen“ als eine abstinente Haltung.

    *Problemfeld 3: Staatliche Ordnung nach Bekämpfung des „IS“ und Anderer:
    Hier scheinen mir mit dem „Wiener Prozess“ und der jüngst bekundeten Bereitschaft zur Kooperation der unterschiedlichen syrischen Oppositionsgruppen die ersten Schritte in die richtige Richtung gemacht worden zu sein. Aber da gibt es wohl noch viele zu bearbeitende Felder – ein langer Prozess, wenn er denn in eine bessere Zukunft für die Menschen in der Region führen soll.

    Wie gesagt, wieder ein erster Ansatz ohne Anspruch auf abschließende Vollständigkeit!

  2. @ kzeisig

    Noch ein Wort zu dem Thema Bodentruppen gegen den IS: Sie haben völlig Recht mit der These, westliche Truppen wirkten eher kontraproduktiv (und damit im Ergebnis wohl auch erfolglos). In der Einschätzung der Bevölkerung vor Ort, die freilich auch entsprechend ideologisch befangen ist, sind westliche militärische Optionen aus unterschiedlichen Gründen ziemlich verbrannt. Man braucht und schätzt uns zwar meist als Schlichter und als humanitärer Helfer, aber kaum als mehr. Damit müssen wir leben.

    Das Risiko kontraproduktiven Handelns trifft übrigens auch die Luftangriffe – wenn diese nicht begleitet sind von nachhaltigen Fortschritten auf politischer Ebene. Von daher darf, um das zu wiederholen, das militärisch nun Beschlossene und Umgesetzte nicht isoliert stehen bleiben. Tut es (hoffentlich) auch nicht.

    Nun aber zu der Option „Bodentruppen aus der Region“. Neben der Schwierigkeit, solche Kräfte zu finden, die fähig und willens dazu sind, gibt es noch eine weitere Herausforderung zu bewältigen: Es muss vorab ein kompromissfähiges Konzept entwickelt sein, was „nach“ einer Beseitigung des IS-Terrors in den betreffenden Gebieten geschieht. Also wie die dann neuen Machtverhältnisse und die Bedingungen für die Bevölkerung vor Ort strukturiert sind. Und alle relevanten Akteure (Saudis, Iran, Irak, Syrer, Türkei und Kurden, aber auch die USA, Europa und Russland) müssen dieses Konzept mittragen. Es geht also unabdingbar darum, weit über das Ziel „Zerschlagen des IS“ hinauszudenken. Das zu erreichen wird in dieser hochkomplexen Gemengelage alles andere als einfach. Und gerade das ist der Grund dafür, dass der IS immer noch sein Unwesen treiben kann.

    Trotzdem: Was als Nahziel erreichbar scheint, ist, das menschenverachtende Wirken des IS in der Region zumindest einzudämmen. Allein das ist jede Anstrengung wert. Denn wenn das erkennbar gelingt, werden sich nicht zuletzt auch die Flüchtlingsströme abschwächen.

  3. Hier noch eine kleine Anmerkung zu dem Teilaspekt, den @ kzeisig ebenfalls angerissen hat: Die finanzielle „Austrocknung“ des IS. Leider ist es ja nicht nur hier zu beobachten, dass jeder verbal den Terrorismus verdammt, aber einige Staaten wie private Akteure dennoch gerne von seinen Machenschaften profitieren und gar Geschäfte mit ihm machen. Einen ähnlichen Zusammenhang kann man im ganzen Krisenbogen von Afrika über den Mittleren Osten bis hin nach Asien beobachten. Selbst Europäer sind da schon ins Visier geraten – man möchte es kaum glauben. Ökonomische Motive überstrahlen eben oft allzu leicht ethische oder politische Bedenken. Und gerade die Organisierte Kriminalität schätzt obendrein nichts mehr als Krisen und destabile Regionen.

    Auch der IS nutzt diese unterschwelligen Interessen in seinem Sinne aus, vor allem mit seinem Ölgeschäft. Das ist bekannt, und es gut, dass spätestens jetzt die Staatengemeinschaft und die meisten Staaten der Region auch dieses Aktionsfeld beschreiten und Geld- wie Warenströme zu/von den Terroristen unterbinden. Und mehr noch: In der UN und in seinem Sicherheitsrat gibt es nun offensichtlich einen starken Willen, diese gemeinsame Marschrichtung nicht nur zu legitimieren, sondern mit unterschiedlichen Mitteln auch durchzusetzen. Ein vielversprechender Ansatz, der bestimmt Wirkung erzielt. (Ob er eine weitere Radikalisierung der IS-Anhänger weltweit verhindert, sei mal dahingestellt.)

    Ein Punkt muss dabei allerdings berücksichtigt werden: Die Maßnahmen sollten die Terrorgruppen treffen, und möglichst nicht die örtliche Bevölkerung in Syrien und im Irak. Es gilt also auch hier, klug und mit Augenmaß vorzugehen.

  4. Nach den jüngsten 47 Hinrichtungen von Regimekritikern in Saudi-Arabien, die als Moslems Glaubensbrüder ihrer Henker waren, zweifle ich an einer vernunftgeleiteten Lösung der Probleme in dieser Region. An der Mauer von Hass, Terror, Unterdrückung, Menschenverachtung und brutalem Machterhalt prallen sachliche Argumente und Lösungsansätze ab wie Wassertropfen auf einer heißen Herdplatte. Die Lage erinnert mich an die Hydra in der griechischen Mythologie: Im Kampf gegen diese vielköpfige Schlange, die auf Vernichtung und Verderben aus war, wuchsen ihr zwei Köpfe nach, wenn einer abgeschlagen war. Mit anderen Worten: Gut gemeinte Aktionen verkehrten sich ins Gegenteil und vergrößerten das Chaos und die Ohnmacht. Relativ erträglich war die Schlange, wenn man sie in Ruhe ließ…

  5. @ Servatius Maeßen

    Ja, vor diesem Hintergrund fällt Optimismus wirklich schwer. Dennoch: Die Hydra schichtweg zu negieren (auf Neudeutsch: das Problem auszusitzen) führt wohl auch kaum weiter. Denn in Zeiten der Globalisierung lässt sich so gut wie nichts mehr völlig ausgrenzen.

    Die entscheidende Frage ist: Was bedeutet „vernunftgeleitete“ Lösung? Leider wird das sehr unterschiedlich definiert: Für die religiösen Fundamentalisten stellt sich die Ratio zwangsläufig anders dar als für diejenigen, die aus dem Leid der Bevölkerung monetären Profit mit kriminellen Mitteln schlagen. Und die Staaten in der Region, für die Vernunft auf nichts anderes zielt als auf regionalen Machtzuwachs, sehen das alles wiederum ganz anders als wir im Westen, die wir zurecht in erster Linie an unsere eigene Freiheit, unsere eigene Sicherheit und unser eigenes Wohlergehen denken. Primäre Voraussetzungen für die Entwicklung von Handlungsoptionen ist es also, die so unterschiedlichen Interessenlagen zu verstehen und – in Teilen – auch zu respektieren.

    Daher stimme ich voll zu: Es reicht nicht, nur auf die Jagd nach der Schlange zu gehen. Noch viel wichtiger ist, das Nachwachsen weiterer Köpfe zu verhindern. Und dazu braucht man deutlich mehr als ein Schwert.

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