Also sprach „the real Donald Trump“

Von Kersten Lahl

Wann gab es schon einmal einen übleren Wahlkampf um das wichtigste Amt der Welt als den des vergangenen Jahres? Umso größer war das kollektive Aufatmen, als sich wenige Tage nach dem zunächst schockierenden Endergebnis eine gewisse Zuversicht breitmachte: Warten wir mal ab, es wird schon nicht so schlimm werden. Heute freilich ahnen wir: Vielleicht kommt es noch viel schlimmer als befürchtet. Die erste Rede Donald Trumps als US-Präsident lässt jedenfalls einigen Zweifel aufkommen an der Annahme, Amerika bleibe auch künftig ein verlässlicher Partner und eine rundum verantwortungsvolle Führungsnation in einer Welt, die wie selten zuvor sowohl auf ein integrierendes Miteinander als auch auf kraftvolles Leadership angewiesen ist. Das Gegenteil droht.

Niemand stellt in Frage, dass die USA ihre eigenen Interessen verfolgen und diesen in ihrem Handeln auch höchste Priorität einräumen dürfen. Das tat Amerika immer, und das machen letztlich alle Nationen. Warum nicht? Etwas Gegenteiliges in altruistischer Manier zu behaupten, wäre scheinheilig. Insofern ist Trumps Devise „America first“ aus amerikanischer Sicht fast schon eine Banalität. Das klingt im Prinzip nicht anders als etwa „mia san mia“, was man im Süden Deutschlands auch mit „Bavaria first“ übersetzen könnte, ohne die Grundprinzipien von Demokratie und Föderalismus zu unterlaufen. Ganz normal also.

Leider meint Trump aber mehr als das. Leider sagt er unverblümt zwischen den Zeilen: Amerika geht es nur gut, wenn es allen anderen schlechter geht. Zumindest ist ihm das Schicksal der „Restwelt“ ziemlich gleichgültig. Welch ein Unterschied ist das zu der traditionellen amerikanischen Außenpolitik, die nahezu immer auf globale Vorzüge demokratischer Werte und auf kollektive Prosperität setzte. Auch wir Deutschen verdanken dem unendlich viel. Die amerikanische Grundphilosophie mag mitunter ideologisch überpointiert umgesetzt worden sein und seine Ziele verfehlt haben. Aber im Kern galt als bisherige Linie: Amerika geht es dann besonders gut, wenn es ehrlich für eine globale Ordnung eintritt, die letztlich allen Beteiligten nutzt. Das trifft zu von der Wirtschaft über die Sicherheit bis hin zur Kultur.

Donald Trump wendet sich so klar wie radikal von dieser Erkenntnis ab. Zumindest rhetorisch, vorerst. Seine Heilslehre für ein vorgeblich zerrüttetes Amerika zielt auf Abschottung und einen Egoismus, der nationalistisch anmutet. Ob das seinen Wählern auf längere Sicht dient, darf man bezweifeln. Macht es etwa Sinn, eine Grenzmauer zu bauen, und gleichzeitig internationalen Unternehmen, die im Nachbarland Mexiko investieren und damit indirekt auch den Migrationsdruck mindern, mit Strafen zu drohen? Oder: Gilt die volkswirtschaftliche Weisheit nicht mehr, dass Protektionismus und damit das staatliche Unterdrücken des Wettbewerbs früher oder später auch den eigenen Wohlstand untergräbt? Oder: Kann es sich die mit weitem Abstand stärkste Militärmacht der Welt wirklich leisten, seine Verpflichtung zu partnerschaftlichem Beistand unklar zu lassen und damit vielleicht auch eine potenzielle Krisenlage heraufzubeschwören, in der auch etwa über einen Einsatz nuklearer Mittel konkret zu entscheiden ist? Nein, alles das kann und darf eigentlich nicht passieren.

Wenn man Trumps Rede am 20. Januar 2017 (hoffentlich wird man dieses Datum später einmal nicht als historische Zäsur bezeichnen müssen) im Zusammenhang liest, fühlt sich so mancher vielleicht an das Computerspiel Civilization erinnert. Der neue US-Präsident nimmt dabei die Rolle eines ambitionierten Spielers ein, der trotz passabler Ausgangslage frustriert über den bisher schleppenden Verlauf ist und die Entscheidung einfach mal mit einer radikal geänderten Strategie sucht: „Neue Straßen und Autobahnen und Brücken und Flughäfen und Tunnel und Bahnstrecken quer durch unser wunderbares Land bauen“ (O-Ton Trump auf dem Capitol Hill), Steuern senken, Gesundheitsvorsorge runterfahren, Klimaschutz unterlaufen, polarisieren und beleidigen, sich mit anderen knallhart anlegen, Zähne zeigen und Diplomatie vergessen. Vielleicht klappt das kamikazeartige Vabanquespiel, und der strahlende Sieger steht fest. Aber wenn der Versuch voll gegen die Wand fährt, dann drückt man bei Civilization eben auf Reset und fängt wieder von vorne an. Der feine Unterschied: Das funktioniert zwar in einer Computersimulation, aber dummerweise in der Realität nicht.

Damit jetzt aber genug der Jammerei über das Ergebnis einer demokratischen Wahl. Es hilft nichts: Wir müssen nun mit einem Phänomen umzugehen lernen, dessen Unberechenbarkeit mit logischem Verstand kaum zu greifen ist. Wenn man so will, geht es auch um verzweifelte Schadensbegrenzung mit weitem Blick nach vorn. Als strategische Alternativen im künftigen Umgang mit dem Trump’schen Amerika bleiben uns:

  1. Eine harte konfrontative Auseinandersetzung auf der Basis unserer Werte und Überzeugungen – in der Hoffnung, eine Kehrtwende zu erzwingen.
  2. Eine devote Unterwerfung angesichts unserer Abhängigkeit im Sinne eines vorausschauenden Gehorsams – in der Hoffnung, damit wenigstens eine relative Bevorzugung zu erreichen.
  3. Eine eher abwartende Kompromisslinie, also ein vorsichtiges Abtasten im Sinne strategischer Geduld – in der Hoffnung, mit unseren Argumenten irgendwann durchzudringen.

Welche Linie auch immer wir bevorzugen (vermutlich wird es die Alternative 3 sein): Entscheidend bleibt, dass wir uns in der EU nicht weiter auseinanderdividieren lassen. Der Brexit muss ein einmaliger Ausrutscher bleiben und zugleich als Lehre dienen. Das dürfte wohl seit dem Amtsantritt Donald Trumps jedermann klargeworden sein. Jetzt schlägt die Stunde Europas. Überhören wir das Signal, werden wir das früher oder später bitter bereuen. Umgekehrt ließe sich mit einer gehörigen Portion Optimismus sagen: Vielleicht ist das Trompetensignal Trumps der Weckruf, den wir in Europa auf dem Weg zu mehr Einheit und zu weniger dumpfem Populismus brauchen. So mancher wird heute vielleicht auf dem ungewöhnlichen Weg des Nachdenkens erkennen: Engagement für unsere Werte lohnt sich wieder.

PS in eigener Sache: Die kommenden Wochen und Monate versprechen sehr viel mehr Spannung, als uns vielleicht lieb ist. Die Umsetzung der neuen amerikanischen Politik auf der Grundlage einer neuen Administration (die im Einzelnen noch zu bewerten sein wird) verdient eine enge Begleitung. Wir werden mit unserem Autorenteam versuchen, dem auch hier im GSP-Blog Rechnung zu tragen und damit einige – bewusst auch provokative – Impulse zur sicherheitspolitischen Diskussion zu geben. Über jede kommentierende Beteiligung freuen wir uns sehr. Es dürfte ja kein Mangel an unterschiedlichen Meinungen herrschen. Jede ist willkommen.

Zum Autor:
Generalleutnant a.D. Kersten Lahl war von 2008 bis 2011 Präsident der Bundesakademie für Sicherheitspolitik (BAKS). Seither arbeitet er unter anderem ehrenamtlich als Vizepräsident der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP).

13 Kommentare zu “Also sprach „the real Donald Trump“

  1. Noch ein kleiner aktueller Nachtrag. Er betrifft den Umgang mit dem, was wir als Fakten bezeichnen. Natürlich kann (und muss) man mit Recht alles hinterfragen, was als sogenannte Tatsache gilt. Die menschliche Wahrnehmung und das menschliche Wissen sind nun mal begrenzt. Aber zugleich führt eine totale Verleugnung all dessen, was mit einigermaßen ausgereiftem Verstand begreifbar ist, im menschlichen und politischen Miteinander in die Sackgasse.

    Konkret: Ist es wirklich wichtig, ob nun bei Obamas oder bei Trumps Inauguration mehr Menschen anwesend waren? Eigentlich nicht. Wenn aber eine halbwegs messbare Gegenüberstellung zu einem doch recht eindeutigen Fazit führt, dann sollte man das einfach auch mal akzeptieren. Nicht so Donald Trump und sein Team. Sie verfahren – je unbequem klarer die Sachlage, umso dünnhäutiger – nach dem Motto: Naturgesetze sind ab sofort außer Kraft gesetzt. Es gilt nur noch das, was ich sage. Weil ich es sage. Punkt.

    Noch einmal: Das Beispiel, um das es hier geht, ist nicht der Rede wert. Aber umso mehr beunruhigt es. Es signalisiert, wie in den kommenden 4 Jahren Politik – Innenpolitik, aber auch Außen- und Sicherheitspolitik – gemacht zu werden droht. Wir sollten uns da keinen Illusionen hingeben und uns stattdessen warm anziehen. Ein vierjähriger Winterschlaf, den sich jetzt so mancher wünschen würde, ist schließlich auch keine Lösung.

  2. Die Relativierung von „America first!“ durch das „mia san mia“ gefällt mir. „Erst das Land und dann der Bund!“: Diese Haltung ist uns nicht nur aus dem Süden Deutschlands bekannt. Darum ist das Mantra von Präsident Trump kein Grund zur Aufregung. Schließlich ist er der demokratisch gewählte Präsident der USA und nicht der Welt oder des Westens.
    Seine rüde, wenig staatsmännische Antrittsrede ist sicher kritikwürdig in Bezug auf Stil und Form, Realitätsbezug und merkantile Einseitigkeit, aber wir müssen diese Rede ernst nehmen ebenso wie den Präsidenten selbst. Wehleidige Rückschau „wie es früher“ war oder Bekümmertheit „was wird“ sind keine Handlungsoptionen.
    Jahrzehnte haben wir uns unter dem maßgeblich von den USA garantierten Sicherheitsschirm gesonnt, der auch bei lautstarkem „Ami go home!“-Gebrüll nicht flatterte. Nicht erst Präsident Trump fordert eine faire Lastenverteilung in der NATO und und die Erfüllung der Bündnisverpflichtungen.
    Ich sehe im Amtsantriit von Donald Trump einen Weckruf für Deutschland und Europa:
    – Besinnung auf die eigene Stärke u n d die daraus resultierende Verantwortung
    – klare Interessendefinition und -artikulation in der Sache und in der verbalen Vertretung
    – Aufnahme der Kategorie „how to make a deal“ in den Instrumentenkasten der Diplomatie
    – glaubhafte Operationalisierung der gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik der EU einschließlich
    finanzieller Mittelbereitstellung
    – Normalisierung der Beziehungen zu Russland
    – mehr Soldarität in der Lösung der Flüchtlingsfrage – akut und mittel- und langfristig
    – Entwicklung von praxisnahen und für alle nachvollziehbaren Strategien gegen Populismus und Extremismus
    Ich hoffe, dass Europa und Deutschland den Weckruf nicht verschlafen und der Herausforderung „Trump“ offensiv, initiativ und kreativ begegnen. Begreifen wir den Beginn der US-Präsidentschaft als Aufforderung zur nüchternen Lagefeststellung, zur selbstkritischen Bestandsaufnahme, als Chance zur Neuorientierung und Rückbesinnung auf eigene Stärken.

  3. Zunächst habe ich ja an Pipi Langstrumpf gedacht: „Ich mal mir die Welt, wie sie mir gefällt“, aber nun zitiere ich doch lieber mit Zustimmung des Autors eine Parodie, die mein Freund Prof. Stuart Parkes, emeritierter englischer Germanist, nach der Wahl Trumps verfasst hat – in Anlehnung an Rambling Sid Rampo, eine Figur aus einer englischsprachigen Radio-Comedy :
    „What have you got in your gander bag today, Rambling Don,
    I’ve got prejudice, bigotry and stupidity.
    Well that’s not a surprise! How about a new ditty?
    I have an air called ‚The Battle Hymn of the Retarded‘
    Mine eyes have seen the glory of building of big walls.
    I am trampling down the vineyard where the human rights are stored.
    And if you do not like me,
    I will goddam nuke you all
    And the world will not march on.“

    Claus Jähner

  4. @ Servatius

    Die Sicherheitsfrage ist in der Tat eine entscheidende Schwachstelle unserer deutschen und europäischen Argumentation gegenüber den Behauptungen Trumps. Seit nun mehr als 25 Jahren haben wir da nicht nur uns gesonnt, sondern sogar selbstvergessen geschludert. Der aktuelle Weckruf wird heilsam sein – hoffentlich.

    Allerdings sollten wir unseren Beitrag auch nicht kleiner reden als er ist. Sicherheit gründet nicht nur auf militärischen Fähigkeiten. Es gehört sehr viel mehr dazu, als „nur“ der Anteil am BIP für Verteidigungszwecke. Wenn wir Deutschen mehr Verantwortung übernehmen wollen und müssen, dann gilt das nicht zuletzt etwa auch für eine internationale Wirtschafts- und Entwicklungspolitik. (Womit ich keineswegs sagen möchte, wir seien da hochgradig perfekt.) Unter dem Strich wage ich mal die These, dass wir sehr viel mehr für den Frieden in der Welt getan haben, als Präsident Trump offenbar anerkennt.

    Was das Militärische betrifft, so gibt es allerdings eine Verpflichtung, die durch nichts kompensiert werden kann: Die Fähigkeit der Bundeswehr, den kollektiven Anforderungen im Bereich Artikel 5 zu genügen. Das ist die allergrößte Baustelle derzeit. Wir müssen sie schließen, gerade auch mit Blick auf die künftige US-Politik. Mit anderen Worten: Der Mali-Einsatz z.B. ist gewiss sehr wichtig und verdienstvoll. Aber er darf in keinem Fall unsere Bündnisverpflichtung unterlaufen und den Amerikanern weiterhin das Gefühl geben, sie seien die einzigen, die Europa verteidigen. Vor dem Hintergrund viel zu knapper Ressourcen kommt es also auf eine strikte Reihenfolge der verdammt vielen Prioritäten an.

    @ Alfred

    Schön zu wissen, dass die Briten ihren schwarzen Humor noch nicht verloren haben. Außer den Brexiteers, die offenbar nur allzu gerne auf dem Trittbrett Donald Trumps mitfahren würden, gibt es auf der Insel also auch noch tiefe Nachdenklichkeit über die jüngsten Entwicklungen beiderseits des Atlantik.

  5. Es wird also doch nicht so heiß gegessen, wie gekocht wird.

    Nach der jüngsten Äußerung von Verteidigungsminister Mattis, wonach die Beziehung der USA zur NATO „unerschütterlich“ ist, sollten wir uns in Europa auf unseren NATO-Beitrag konzentrieren.
    Ein weiteres Signal für den Erhalt der Verteidigungsbereitschaft der USA ist die Entscheidung des Präsidenten, die Streitkräfte von einer Stellenkürzung auszunehmen.

    Die Aussage von Präsident Trump: „America first“ sollte uns nicht erschrecken. In richtig verstandenem Staatsinteresse ist eine solche Äußerung doch nicht zu beanstanden.
    Schließlich würde ich mich freuen, wenn unsere Bundeskanzlerin öfter sagen würde: „Deutschland zuerst“. Dies würde in der Tat auch ihrem geleisteten Amtseid entsprechen.
    Genau so wenig sollten wir uns ängstigen, wenn EU-Kommissionspräsident sich „D’abord l’Europe“ verpflichtet fühlt.

  6. Kein Ereignis des Jahres 2016 und des noch jungen Jahres 2017 hat die („westliche“) Welt so aufgeschreckt wie der Wahlkampf, das Wahlergebnis und das bisherige Auftreten Donald Trumps als 45. Präsident der USA.
    Nun befinden wir uns aber derzeit noch auf den ersten Metern der zunächst ja auf 4 Jahre angelegten Reise des neuen US-Präsidenten durch die US-amerikanische und durch die Weltpolitik. Eigentlich zu früh, um jetzt schon umfassende Urteile über ihn und seine Politik, sowie deren Auswirkungen auf die unterschiedlichen Politikfelder abgeben zu können. Dennoch lassen die bisherigen Äußerungen Donald Trumps zumindest nichts Gutes ahnen.
    Insofern stimmen ich den inhaltlichen Ausführungen der Vor-Autoren im wesentlichen zu.
    Lassen Sie mich hier nur zwei kurze inhaltliche Anmerkung zu der sich abzeichnenden Politik Trumps machen:
    Natürlich ist es gutes Recht und auch Aufgabe jeder nationalen Regierung, die Interessen Ihres Landes nicht aus dem Blick zu verlieren. Hierbei darf aber nicht gegen die internationalen Vertragsregeln verstoßen werden. Auch sollte die betriebs- und volkswirtschaftliche Grundregel, „Gute Geschäfte sind aus Dauer nur solche, die beiden Seiten nutzen“, nicht außer Acht gelassen werden, wenn man mittel- und langfristig Erfolg haben will.
    Und genau darin findet der Anspruch, „America“ – oder wer sonst auch immer! – „first“ seine Grenzen!
    Und zweitens: Der Unternehmer Trump betreibt Firmen in 18 Ländern rund um den Globus – hat ihn schon mal jemand gefragt, wie sich das mit seinen Drohungen gegenüber anderen amerikanischen Unternehmen verträgt?!

    Über die möglichen inhaltlichen Konsequenzen hinaus beunruhigen mich ganz andere Aspekte dieser Präsidentenwahl.
    Dass ein Kandidat, der sich so extrem außerhalb der Benimm-Regeln einer zivilisierten Gesellschaft verhält, indem er wiederholt die Unwahrheit sagt, Fakten ignoriert oder verdreht, politische Gegner beleidigt und diffamiert, sexistische Äußerungen gegenüber Frauen mit unverhohlenem Stolz prahlerisch gleich serienweise öffentlich von sich gibt, Andersfarbige, Behinderte und Andersgläubige verächtlich macht, Kritiker beschimpft und beleidigt, ja auch nicht wohlgesonnene Medien der Lüge bezichtigt, dass ein solcher Kandidat dennoch eine demokratische Wahl gewinnt, ist das eigentlich Bedrohliche, das über mögliche inhaltliche Veränderungen der US-Politik hinaus wirkt.
    Die eigentliche Gefahr für eine liberale und offene Demokratie – auch angesichts der Art des Zustandekommens von „Brexit“ und von rechtspopulistischen Bewegungen in Europa – liegt in dem Umstand, dass wir uns nur noch im „Postfaktischen“ oder im Bereich „alternativer Fakten“ bewegen.
    In diesen (rechtzeitigen) „Schüssen vor den Bug“ der Europäer mag vielleicht aber auch eine Chance liegen. Angesichts von 3 richtungsweisenden Wahlen in diesem Jahr in Europa mag vielleicht dem einen oder anderen bewusst werden, dass „Denkzettel verpassen“ nicht unbedingt das richtige und alleinige Motiv für eine verantwortungsvolle Wahrnehmung des Wahlrechts in einer Demokratie ist.
    Andererseits muss die EU und müssen die Staaten in der EU sich endlich mal zusammenraufen, ihre vorhandenen Schwachstellen beheben und die drängendsten Probleme lösen, um als ernstzunehmender Partner auch eines Donald Trump mit einer Stimme zu sprechen und sich nicht auseinanderdividieren zu lassen.

  7. Die ersten 10 Tage Trumps im wohl wichtigsten und zugleich verantwortungsvollsten Amt der Welt machen ziemlich sprachlos, auch hier in diesem Forum. Man weiß ja wirklich nicht mehr so recht, was man dazu sagen soll. Es ist einfach zu bizarr. Und das ist offenbar auch Teil der Strategie.

    Das derart egozentrisch angestrebte „America first“ wird jedenfalls eine bestimmte Wirkung nicht verfehlen: Das Amerikabild leidet irreparablen Schaden auch dort, wo es noch gern zum Vorbild genommen wird. (Das ist gerade bei uns in Deutschland vor dem historischen Hintergrund der vergangenen 70 Jahre ein Jammer!) Und: Abschottung auf die nun praktizierte Art und Weise wird den Terrorismus gegen den Westen allgemein und die USA im Besonderen wohl kaum bändigen – im Gegenteil. Entschuldigung, aber dümmer lassen sich Sicherheitspolitik und angeblicher Schutz der eigenen Bürger kaum gestalten.

    Mit Blick auf uns wird wohl auch immer klarer: Trump will im Ergebnis das erreichen, was früher die Sowjetunion und seit einigen Jahren Putin (zum Glück vergeblich) versucht haben, nämlich eine Spaltung Europas. Seine Zielrichtung ist allerdings nicht geopolitischer, sondern rein wirtschaftlicher Art. Im bilateralen Handel lassen sich aus seiner Sicht eben bessere Deals machen als unter dem starken Gegengewicht einer geschlossenen EU. Es stört ihn dabei nicht, dass dies für alle Beteiligten auf längere Sicht die schlechteste Lösung ist. Der schnelle Dollar und das selbstverliebte Muskelzucken sind ihm wichtig. Aber ich hoffe, wir Europäer durchschauen das Spiel und ziehen unsere Lehren daraus. Demnächst vor allem in Frankreich, wo das Schicksal Europas auf dem Spiel steht.

  8. Jeden Tag etwas Neues, fast theaterreif. Auf Twitter, dem nun höchstrangigen offiziellen Kommunikations- und Befehlskanal des White House, war vom US-Präsidenten persönlich zu erfahren: „Just cannot believe a judge would put our country in such peril. If something happens blame him and court system. People pouring in. Bad!“ Jetzt brauche ich aber echt mal eine gnädige Nachhilfe in Sachen Sicherheitspolitik.

    Was könnte er denn damit meinen? Richter und Terroristen unter einer Decke? Amerika ab sofort überschwemmt von gefährlichen Migranten? Keine Kontrollmöglichkeiten an der nun offenen Grenze mehr? Visumpflicht völlig außer Kraft? Green Card für jedermann? Alarmstufe Rot von heute auf morgen? Totales Chaos wie überall in ganz Europa? Ich gebe zu: Bin etwas verwirrt und zunehmend verunsichert.

    Obwohl ich zu verstehen versuche: Ein Anschlag jetzt – egal von wem – würde prächtig die eigene Argumentation rechtfertigen und zugleich alle Verantwortung für immer und ewig auf die weltfremde Justiz abschieben. Gar nicht so dumm eingefädelt. Und was den Rest der Welt betrifft, so kommt offenbar das uralte Sprichwort zu neuen Ehren: Ist der Ruf erst ruiniert, lebt sich’s völlig ungeniert. Aha. Vielleicht lässt sich der internationale Terror ja dank dieser toll ausgeklügelten Strategie ausrotten.

    Wer kann mir das alles erklären?

  9. Auch wenn ich Dir die Ratlosigkeit nicht abnehme, ich versuche eine Erklärung, die aber keine Beruhigung ist:
    Wir müssen aufpassen, dass wir nicht vom Sog des Trump-Hype oder der Trump-Hysterie mitgerissen werden. Die mediale Berichterstattung und Kommentierung zu Trumps Regierungshandeln geht mir in ihrer Einseitigkeit und Gehässigkeit „auf den Keks“. Mir scheint das eine kleinkarierte Rache zu sein, weil man in den eigenen Prognosen so was von daneben lag und Trump nicht verhindern konnte. Also, Ruhe bewahren! Ich habe Vertrauen in die starke US-Demokratie. Amerika ist nicht Trump und Trump ist nicht Amerika.
    Für das derzeitige, eigenwillige Regierungshandeln sehe ich als Ursachen:
    – Trump handelt wie ein Selfmade-Unternehmer und autoritärer Vorstandsvorsitzender, der seinen Aufsichtsrat
    für schwach und unbedeutend hält. Wenn er überhaupt was gelernt hat, ist das Unternehmensführung
    ohne Beratung und mit Ellenbogen.
    – Politische Stabsarbeit, Ressortverantwortung, Handeln mit Fernlicht, gesetzliche Grenzen kennt er nicht.
    Sein „America first“ lautet in Wirklichkeit (I’m) „the first American“.
    – Sein Stab und seine erst rudimentäre Regierung wissen um seinen cholerischen Alleinvertretungsanspruch und schweigen lieber denn als Antwort ein „you’re fired!“ zu riskieren.
    – Nicht unterschätzen darf man den Chefberater (oder gar graue Eminenz?) Steven Bannon. Er passt, wenn
    überhaupt, in zwei Kategorien: Ist er ein „devil in disguise“ mit kriminellem Zerstörungstrieb, ein
    narzisstischer Egomane mit paranoiden oder psychopathischen Wesenszügen, der sich als Brandstifter an den
    lodernden Flammen der Zerstörung ergötzt? Oder ist er einfach nür ein Dilettant mit begrenztem Horizont
    und marginaler politischer Erfahrung? Ersteres riecht nach Verschwörungstheorie, letzteres wäre mir lieber.
    – Und schließlich ist die für verantwortliches Regierungshandeln unabdingbare Administration noch lange
    nicht komplett. Das gilt nicht nur für eine Reihe von Ministern, sondern auch für eine Vielzahl von
    Abteilungs- und Unterabteilungsleitern.
    Ich hoffe, dass der Umgang der Medien mit Trump sich emotionslos versachlicht und seine politischen Anpsprechpartner in aller Welt sich ebenso ihm nähern. Feindseligkeit und Aggressivität reizen diesen Typen mehr als ihn auf den Pfad der Tugend zu bringen.

  10. Servatius Maeßen hat recht, wenn er feststellt, das Amerika nicht Trump und Trump nicht Amerika ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die demokratischen Wurzeln Amerikas mit der Wahl von Trump verdorrt sind und keine neuen Triebe mehr hervorbringen können.
    Einen ersten Dämpfer hat Trump mit den Gerichtsentscheidungen zur Einreise erhalten.
    Weitere Dämpfer wird er zu erwarten haben, wenn er seine Versprechungen zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit und zur Stärkung der Industrie (Kohle, Stahl und Fahrzeugbau) wahrmachen muss und nicht kann.
    Wann bei narzisstisch veranlagten Personen der gesunde Menschenverstand einsetzt, vermag ich nicht zu prognostizieren. Aber als Krankheit ist Narzissmus vielleicht therapierbar.
    Bleibt die Frage: Wer könnte der Therapeut sein ?

  11. Was mich schon nach dem Brexit-Votum und nach der Wahl Trumps verwundert hat, war die Kopflosigkeit, mit der die Medien und die politischen Entscheidungsträger auf das Ergebnis reagiert haben. In beiden Fällen handelte es sich um ein Kopf-an-Kopf-Rennen. Regierte hier ein Wunschdenken oder waren die relevanten Teile in der Statistikvorlesung verschlafen worden? Eine hauchdünne Mehrheit schon im lange im Vorfeld bedeutete nicht ein ‚Remain‘ oder Hillary Clinton als Präsidentin. Im Nachhinein ist man zwar immer schlauer, ich hätte mir allerdings gewünscht, dass die Szenarien ‚Leave‘ und ‚POTUS Trump‘ ausführlicher durchgespielt worden wären (Trumps Narzissmus und Cäsarenwahn waren erkennbar).
    Trump selbst kommt mir im Moment vor wie der Bully im Viertel, den alle fürchten und von dem niemand weiß, wen er als nächstes verprügeln wird. Ein morgentlicher Blick auf Twitter kann schon mal den Tag verderben. Angst ist hier der schlechteste Ratgeber, weil sie bestehende Allianzen brüchig macht und neue Allianzen entweder nicht entstehen lässt und wenn dann in einer Form, die nicht weniger besorgniserregend ist. Was wir Trump am wenigsten unterstellen dürfen, ist, dass er nicht rational und strategisch handelt. Ja, Herr Lahl, auf wirtschaftlicher Ebene wären die USA in bilateralen Abkommen der stärkere Part, der entsprechend auch die Bedingungen diktieren kann. Eine starke EU ist hier die einzig mögliche Antwort. Wohin die Reise geopolitisch gehen wird, liegt noch im Nebel und lichtet sich demnächst wahrscheinlich in 140-Zeichen-Tweets. Themen gibt es ja viele: Ukraine, Baltikum, China, Iran, Nordkorea. Ungeachtet der ‚Likes‘ auf Trumps Auslegung des politischen Geschehens (diese liegen oft im dreistelligen Tausenderbereich) glaube auch ich fest an die demokratischen und liberalen Kräfte in den USA. Ich stimme Baden-Observer zu, dass Trump „weitere Dämpfer zu erwarten hat“, wenn er Bergbau und Industrie nicht wiederbeleben kann. Aber, enttäuschte Wähler können unangenehme Zeitgenossen sein und wenden sich selten der Demokratie zu.
    Was mir weiterhin Sorge macht, ist der Gewöhnungs- und auch der Ermüdungseffekt, die Trump früher oder später auslösen wird und dass wir dann Wesentliches vielleicht nicht mehr wahrnehmen.

  12. Jetzt kommen wir zu einem wichtigen Punkt in der Causa Trump. Wie gehen wir – medial und diskursiv – damit am besten um? Überziehen wir möglicherweise mit unserer Kritik, aus „kleinkarierter Rache“ (Servatius Maeßen) oder aus Gründen einer gewissen Ohnmacht oder aus purem Ärger wegen unseres eigenen prognostischen Versagens? Und wie lässt sich das vermeiden, was Dagmar Schmidt mit nachvollziehbarer Sorge als Gewöhnungs- und auch Ermüdungsprozess beschreibt? Oder können wir gar die Rolle des Therapeuten einnehmen, nach dem Baden-Observer fragt?

    Die Psychostrategie von Trump und seinem engsten Beraterkreis glauben wir ja inzwischen durchschaut zu haben: Provozieren und schockieren zur entwaffnenden Überrumpelung der politischen Gegner, und zugleich gnadenlose Stärke zeigen, um Unentschlossene auf die eigene Seite zu ziehen. Das Fatale dabei ist: Je stärker die Gegenproteste, umso besser geht die Strategie offenbar auf. Vor allem dann, wenn der Widerstand auch nicht ganz frei ist von argumentativen Schwächen. Wir kennen das ja inzwischen auch von neoradikalen und rechtspopulistischen Bewegungen in Europa und leider auch in Deutschland. Mediale Aufmerksamkeit – egal ob positiv oder negativ – bringt weitere Gefolgschaft.

    Wie lösen wir das Dilemma zwischen Pragmatismus und Ehrlichkeit, zwischen Vernunft und Gefühl, zwischen Distanz und Verantwortung? Es ist manchmal schwierig. Ich persönlich glaube aber nicht, dass betretenes Wegschauen auf Dauer hilft. Auch wenn es vorübergehend nachteilig erscheinen mag: In einer freien Welt haben die Medien und auch wir selbst sehr wohl die Verpflichtung, die Dinge beim Namen zu nennen und aktiv für unsere Überzeugungen einzutreten. Ignorieren und allzu taktierendes Abwarten halte ich für falsch. Voraussetzung ist allerdings, dass wir in unserer Kritik das richtige Maß halten und vor allem das tun, was Dagmar Schmidt implizit fordert: Das Wesentliche nicht aus den Augen verlieren. Und das betrifft letztlich unsere anerkannten Werte, auf denen der inner- und zwischenstaatliche Umgang miteinander gründet. Dort dürfen wir weder einer überzogenen Hysterie (das sehe ich genauso wie Servatius) noch einer lähmenden Gleichgültigkeit verfallen.

  13. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat, wie ich meinte, in weiser und weiter Voraussicht in dreizehn Sprachen plus Deutsch ein Büchlein herausgegeben, durch das Zuwanderer mit unserer Gesellschaft vertraut gemacht werden sollen: Ankommen – Eine Orientierungshilfe für das Leben in Deutschland. An erster Stelle werden die englischsprachigen Geflüchteten bedient. Im ersten Kapitel „Öffentliches Leben“ erhalten sie an zuvörderst den Hinweis: „Urinating in the public can be an offense.“ Ich dachte, da haben die Verfasser an die Ströme von Brexugees gedacht, die in absehbarer Zukunft nach Deutschland hereinfluten. Aber mein Freund Prof. Stuart Parkes macht mich darauf aufmerksam, dass die Autoren ja die amerikanische Schreibweise „offense“ und nicht englisch „offence“ gewählt haben. Also sind ja wohl die Heerscharen von Trumpugees gemeint, die demnächst über den Atlantik zu uns kommen. Und da stellt sich doch die Frage, ob es politisch korrekt ist, wenn eine offizielle Institution der Bundesrepublik Deutschland sich in Bezug auf den amerikanischen Präsidenten derart positioniert…
    Helau!

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