Nachschau - Veranstaltung am 27.10.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Die Rolle des militärischen Führers
in außergewöhnlichen Lagen

 
Referent:

Oberst i.G. Axel Schneider

Zentrum für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr (ZVBw), Geilenkirchen
 

am Dienstag, 27. Oktober 2015, 19.00 Uhr

 
Foto: Bundeswehr
 

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Bericht der Sektion Bonn

Neun Tage Geiselhaft…

Von Servatius Maeßen
Oberst i.G. Axel Schneider, ZVBw. - Foto: Markus Gerundt

Wir erinnern uns: Kurz nach Ostern 2014 verbreitete sich eine Meldung in Windeseile über die Nachrichtenticker aller Medien „OSZE-Beobachterteam in der Ost-Ukraine als Geiseln genommen!“. Die ansonsten an sicherheitspolitischen Sachverhalten eher desinteressierten Medien waren endgültig elektrisiert, als sich herausstellte, dass der Leiter des Teams ein deutscher Heeresoberst war und drei weitere Teammitglieder deutsche Staatsbürger waren.

Was war geschehen? Nach der Annexion der Krim durch Russland und zu Beginn des Bürgerkriegs in der Ost-Ukraine zwischen der ukrainischen Armee und Separatistengruppen, verstärkt durch russische Soldaten „außer Dienst…“, auch bekannt als „grüne Männchen“, bat die Regierung der Ukraine die OSZE um Entsendung einer Beobachtermission. Ein Routinevorgang im Rahmen des OSZE-Vertrags, und Deutschland war turnusgemäß an der Reihe, den Leiter zu stellen. So wurde ein achtköpfiges Team aus Angehörigen von fünf Nationen zusammengestellt: vier Deutsche, je ein Däne, Pole, Schwede und Tscheche. Den Regeln der OSZE entsprechend wurde das Team nach Eintreffen vor Ort durch die Gastgebernation Ukraine mit fünf Offizieren unter Leitung eines Oberst verstärkt.

Während einer Fahrt durch das Krisengebiet machte das Team (unbewaffnet und in Zivil) zur Lageorientierung Halt auf einem Parkplatz. Dort geschah es: Eine Horde „wilder Gesellen“ nahm das Team gefangen und führte eine brutale „Eingangsuntersuchung“ mit körperlicher Gewalt durch. Anschließend erfolgte die Übergabe an ein Kommando von militärischen Profis. Nach Separierung des ukrainischen Oberst begann nun für 12 Teammitglieder eine Geiselhaft, die 9 Tage dauern sollte.

...vor vollem Haus. - Foto: Markus Gerundt

Der damalige Leiter der OSZE-Delegation war Oberst i.G. Axel Schneider vom Zentrum für Verifikationsaufgaben der Bundeswehr (ZVBw). Die Ereignisse, Erlebnisse und Erfahrungen hat er in einem Vortrag mit dem Thema „Die Rolle des militärischen Führers in außergewöhnlichen Lagen“ verarbeitet, mit dem er Gastreferent bei der Sektion Bonn war.

Im vollbesetzten Pressesaal des Bundespresseamtes, Außenstelle Bonn, gab Oberst i.G Schneider zunächst einen chronologischen Abriss der Ereignisse bis zur Geiselnahme. Danach schilderte er die verschiedenen Belastungs- und Stresssituationen für ihn und sein Team, in denen er als militärischer Führer in besonderer Weise gefragt war.

„Man wird zwar in der Einsatzausbildung auf die Situation und das Verhalten bei Geiselnahme vorbereitet, wenn’s dann aber tatsächlich passiert, fühlt man sich für den Augenblick gänzlich unvorbereitet, ist geschockt und sucht verzweifelt noch spontanen Lösungen,“ so der Referent. Man müsse sehr schnell einsehen, dass die Handlungsinitiative ausschließlich beim Geiselnehmer liege. Die vorbehaltlose Verantwortung für das ganze Team, unabhängig von Nationalität, Status oder Rang, ist die erste Maxime. Dabei ist es von Bedeutung, dass seitens des Teams die schwere Last der Verantwortung mit getragen wird. Von großem Vorteil war, dass der dänische Kamerad in verschiedenen Kursen in unterschiedlichen Streitkräften das Verhalten in Geiselhaft und den Umgang mit Geiselnehmern geübt hatte. Und auch der deutsche Dolmetscher, perfekt in Englisch und Russisch, erwies sich als Glücksfall, weil er kraft Persönlichkeit und stimmlicher Kompetenz vertrauensbildend auf die Geiselnehmer wirkte.

Zunächst macht man sich Selbstvorwürfe. Hätte ich diese Lage verhindern können? Trage ich die Schuld an dieser Misere? Dann folgt sehr schnell die Frage „Wie halte ich mein Team zusammen?“ Die Antwort ist schwierig angesichts offensichtlicher Todesangst bei einem Teil des Teams. Eine große Herausforderung auch wegen menschenunwürdiger hygienischer Verhältnisse oder bei Entzugserscheinungen von Nikotinabhängigen.

Die wesentliche Forderung an Führer und Team ist: Haltung bewahren! Das beinhaltet innere und äußere Disziplin, aktives Bekenntnis zu den Grundtugenden Kameradschaft und Tapferkeit, Toleranz, Zuversicht. Die Haltung ist die rationale Basis, um intuitiv handeln zu können Wichtig zum Bestehen einer solchen Lage: Körperliche Fitness! Schlafentzug, lange Verhöre, einseitige Verpflegung, sehr spartanische Unterbringung, psychischer Druck lassen sich umso besser bewältigen, je größer die körperliche Fitness ist. Sie strahlt auf die mentale Fitness aus und stärkt das Selbstbewusstsein und die Zuversicht. „Ich habe die 9 Tage Geiselhaft durchgehalten, weil ich körperlich fit war“, so Schneiders Einschätzung.

Ohne Alternative ist: Vorbild sein in Zuversicht und positivem Denken! Damit sichert man die eigene Durchhaltefähigkeit und die Motivation des Teams. Das macht sich bezahlt bei besonderer psychischer Belastung wie Bedrohung mit durchgeladener Waffe.

Ein strukturierter Tagesablauf, durchdachte Rituale, aufbauende Gespräche, Austausch persönlicher Erfahrungen sind überlebenswichtig, weil sie ein gewisses Maß an Normalität in eine ungewisse Lage bringen.

Weitere Erkenntnisse: Man weiß um das „Stockholm-Syndrom“ (Sympathisieren mit den Geiselnehmern in der Hoffnung auf Vorteile), trotzdem taucht es auf. In der Not und Ausweglosigkeit findet man zurück zum Glauben und lernt (wieder) zu beten. Fluchtgedanken wurden verworfen, weil man wusste, dass Verhandlungen zur Beendigung der Geiselhaft liefen. Die Familien unterliegen einem besonderen psychischen Stress, weil aus der Anonymität des Alltags herausgerissen, von Medien bedrängt, von der Ungewissheit gequält. Wenig hilfreich ist, wenn Medien wie z.B. eine auflagenstarke, preiswerte, dünne deutsche Tageszeitung die gewaltsame Befreiung fordert. Anschließend wurden die Bewachungsmaßnahmen intensiviert und das Misstrauen stieg. Dem Referenten ist bis heute nicht klar, welche Absicht mit der Geiselnahme verbunden war und welche Ziele die Geiselnehmer verfolgten. Anzunehmen ist, dass die Beendigung der Haft nach 9 Tagen, die gefühlt rasend schnell abliefen, auf ein russisches Machtwort zurück zu führen war.

Botschafter a.D. Heldt unter den beeindruckten Zuhörern. - Foto: Markus Gerundt

Zum Abschluss und als Botschaft gab Oberst i.G Schneider den Zuhörerinnen und Zuhörern mit auf den Weg:

Das Rüstzeug, das die Führerausbildung der Bundeswehr vermittelt, ist für das Bestehen außergewöhnlicher Lagen sehr gut.

Unser Land kümmert sich um seine Soldaten und deren Familien. Posttraumatische Belastungsstörungen werden ernst genommen und sind kein Makel. .

Die Erfahrungen aus derartigen Lagen werden aufbereitet und fließen ein in Ausbildung, Konzepte und Pläne.

Vielen Dank! - Foto: Markus Gerundt

Nach dem Vortrag zunächst beeindruckende Stille. Der Referent hatte es verstanden, sachlich, eindringlich, authentisch und glaubwürdig seine Persönlichkeit, seine Erlebnisse und Erfahrungen in die Köpfe und Herzen des Plenums zu transportieren.

Zur Abrundung des Abends stellte sich Oberst i.G. Schneider freimütig und kompetent Fragen persönlicher Art und nach Charakter, Zielsetzung und Durchführung derartiger Missionen. Großer Applaus und nachdenkliche Gesichter beim Abschied waren die Bestätigung: Ein eindrucksvoller Abend dank eines eindrucksvollen Referenten! .

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