Nachschau - Veranstaltung am 01.06.2017

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Das Deutsche Heer

Aufgaben, Lösungen, Grenzen

 
Referent:

Generalleutnant a.D. Rainer Korff

Bis 2016 Kommandeur Deutsche Anteile Multinationale Korps /
Militärische Grundorganisation beim Kommando Heer
 

am Donnerstag 01. Juni 2017, 19:00 Uhr
im Haus Schütting
Am Markt 13, 28195 Bremen

 

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Bericht der Sektion Bremen

Das Deutsche Heer: Aufgaben, Lösungen und Grenzen

Von Dr. Jessica von Felbert und Rüdiger Krause
Freuten sich über eine gelungene Veranstaltung: vl. Generalleutnant a.D. Rainer Korff, stellv. Sektionsleiterin Dr. Jessica von Felbert, Sektionsleiter Rüdiger Krause. - Foto: GSP Bremen

„Die Welt ist aus den Fugen geraten“, mit diesem Gedanken des Bundespräsidenten Steinmeier zur Ukraine-Krise begann Generalleutnant a.D. Korff seine Ausführungen vor der Bremer Sektion der Gesellschaft für Sicherheitspolitik und den Angehörigen des Traditionsverbandes Steuben-Kaserne aus Achim. „….Man sei überrascht gewesen…“, so Korff, von der Unberechenbarkeit und Rücksichtlosigkeit internationaler Politik, in den USA, in der Türkei, im vorderen Orient, auf der arabischen Halbinsel und vom BREXIT, vor allem aber von dem sich in unserer unmittelbaren Nähe aufbauenden Bedrohungsszenario an den NATO-Ostgrenzen. Gleiches gelte für die Vehemenz des internationalen Terrorismus. Darauf sei man weder politisch noch gesellschaftlich und folglich schon gar nicht militärisch vorbereitet gewesen, bewertete der ehemalige Stellvertreter des Inspekteurs des Heeres die aktuelle sicherheitspolitische Entwicklung.

Korff erläuterte zunächst, dass die Bundeswehr des Kalten Krieges um das Jahr 2000 herum weder politisch vermittelbar noch sicherheitspolitisch erforderlich war. Es herrschte die Einschätzung vor, dass Interessendifferenzen in Europa zukünftig diplomatisch zu regeln seien. Die Konfliktherde lagen fernab von Deutschland, am Hindukusch und andernorts. Sie erforderten andere als die verfügbaren Kräfte. Der Ab- und Umbau der deutschen Streitkräfte sei die logische Folge dieser Lagebeurteilung gewesen. Schrittweise sei das Heer von zwölf auf drei Divisionen reduziert worden. Generalleutnant a.D. Korff zeigte auf, dass die Stabilisierungseinsätze das deutsche Heer verändert hätten, seine Struktur, Ausrüstung Ausbildung aber auch seine Selbstdarstellung und -wahrnehmung. Man habe Fähigkeitslücken in Deutschland in Kauf nehmen müssen und können, solange sie sich in den Stabilisierungseinsätzen kompensieren ließen. Nicht alle Fähigkeiten eines Waffensystems wurden in Szenarien niedriger Intensität gebraucht ggf. oder durch Alliierte eingebracht. Die konsequente Auftragserfüllung in den laufenden Operationen habe aber Rückwirkungen auf das Ausstattungssoll der Truppe in der Heimat. Diese habe sich mit Einschränkungen zurechtfinden müssen und hat dennoch beachtliches geleistet. Neben Personalgestellungen, Ausbildung, und Versorgung laufender Operationen hat die Truppe andere Verpflichtungen wie internationale und nationale Übungen und subsidiäre Einsätze stets zuverlässig bewältigt. Der Landes- und Bündnisverteidigung sei allerdings in diesem politischen und gesellschaftlichen Umfeld zu kurz gekommen.

Der ehem. stellv. Heeresinspekteur spricht im Bremer Haus Schütting. - Foto: GSP Bremen

Weder die Ausbreitung des internationalen Terrorismus noch Deutschlands fortgesetztes Engagement im vorderen Orient und in Afrika hätten die klassische militärische Frage des „.....was, wie viel, wie schnell....?“ so nachdrücklich und unvermittelt auf die politische Agenda gesetzt wie die Krim- und Ukrainekrise. Es sei daher nicht verwunderlich, dass Abgeordnete des Deutschen Bundestages die Führung des Heeres heute fragten, wie es um dessen Fähigkeit zur Bündnisverteidigung gem. NATO-Vertrag bestellt sei. Landes- und/oder Bündnisverteidigung erforderten Großverbände mit auftragsgerechten Vollausstattungen und personeller und logistischer Durchhaltefähigkeit. Sie müssen befähigt sein, hochintensive Gefechte erfolgreich zu bestehen. Das sei in jeder Hinsicht weitaus anspruchsvoller als Stabilisierungsoperationen. Dazu verlange es sehr viel Geld, Zeit und einen ausgeprägten politischen Willen diese neuen Herausforderungen anzunehmen. Vor allem aber müssten diese politischen Entscheidungen jetzt herbeigeführt werden, betonte Korff.

Zudem förderten die ökonomischen, ökologischen und politischen Krisen der globalisierten Welt den internationalen Terrorismus. Außenpolitisches Engagement einer Nation in einer Krisenregion könne diese schnell ins Visier terroristischer Kräfte bringen. Damit verschränkten sich innere und äußere Sicherheit wie die beiden Flügel eines Scharniers. Gerade hochentwickelte Industrienationen seinen äußerst verwundbar. Es sei nun an der Politik, aus dieser Erkenntnis die richtigen Schlüsse zu ziehen.

Sehr eindrücklich ging der Vortragende auf die Wahrnehmung der Bundeswehr durch die kritische deutsche Öffentlichkeit ein. General Korff stellte fest, dass die Akzeptanz der Bundeswehr bei Schnee-, Hochwasser- Feuer und Flüchtlingskatastrophen (sog. subsidiären Aufgaben) in der Bevölkerung immer sehr hoch gewesen sei. Das deutsche Heer genieße dort höchste Akzeptanz wo es stationiert sei. „Wo wir präsent sind, kennt und akzeptiert man uns,…“ Gerade dort wo das nicht so sei, herrsche eine fortwährende Diskussion über die Legitimität der Streitkräfte vor. Die Gesellschaft müsse dem Soldaten die Frage beantworten können: „Für wen mache ich das eigentlich alles?“ Für Soldaten sei die Anerkennung ihres Dienstes für unser Land eine wichtige Wertschätzung und herausragende Motivation. Bliebe sie auf der Strecke, stießen alle Arten von Einsätzen schnell an Grenzen. Politik und Gesellschaft, aber auch die Streitkräfte müssten sich dem stellen. Sinnstiftung sei essentiell, sagte Korff.

Die Grenzen militärischer Macht sieht der General im nationalen und internationalen Recht. Der Einsatz militärischer Macht nach innen wie nach außen müsse demokratisch legitimiert und auf den Erhalt oder die Wiederherstellung des Friedens gerichtet sein. Militärische Macht löse keine Probleme, aber sie könne der Politik dazu Zeit verschaffen. Immer aber müsse Politik abwägen, ob das Interesse Deutschlands so groß sei, dass man Leib und Leben des Soldaten riskieren dürfe. Zwingend für jedwede Art der Anwendung militärischer Macht sei der gut ausgebildete, hervorragend ausgerüstete und motivierte Soldat. Habe man den nicht, könne über Einsätze nicht verantwortungsbewusst entschieden werden, wie wünschenswert es auch politisch sein möge.

Generalleutnant a.D. Korff schloss seinen Vortrag mit der Hoffnung, dass es der Politik und Zivilgesellschaft in den nächsten Jahren gelingen möge, sich den vielfältigen sicherheitspolitischen Herausforderungen zu stellen. In den deutschen Streitkräften seien die Frauen und Männer, die sich dieser Aufgabe bereitwillig annähmen. Dieses setze jedoch gesellschaftliche Anerkennung, klare Vorgaben und gute Ausrüstung voraus. Dass Mut und Motivation stimmten, habe die Truppe längst gezeigt.

 
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