Nachschau - Veranstaltung am 11.09.2017

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Begegnungen im Pazifik

Chinesische und internationale Interessen im südchinesischen Meer

 
Referentin:

Frau Dr. Sarah Kirchberger

Leiterin Abteilung Strategische Entwicklung in Asien-Pazifik
am Institut für Sicherheitspolitik der Universität Kiel (ISPK)
Foto: Ruhr-Uni Bochum
 

am Montag, 11. September 2017, 19:00 Uhr
im Haus Schütting
Am Markt 13, 28195 Bremen

 

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vom 13.09.2017

Alle gegen China

Im Südchinesischen Meer wächst die Angst vor der Großmacht –
Asien-Expertin Sarah Kirchberger hält ein Bündnis mit Russland für denkbar

Von Helge Hommers
Dr. Sarah Kirchberger trägt bei der GSP Bremen vor. - Foto: Kai Fianke

Bremen. Mit der Eskalation der Nordkorea-Krise rückt ein Konflikt in den Hintergrund, der sich für Sarah Kirchberger zu einem „echten Spannungsfall“ entwickeln könnte: die Territorialfrage um die Inselgruppen im Südchinesischen Meer. Dort war es nach dem jüngsten Vorkommnis – ein US-Zerstörer fuhr im Juli nahe an einem von China beanspruchten Riff vorbei – zu einem verbalen Machtkampf zwischen China und den USA gekommen.

Über dieses Thema hielt Kirchberger, Leiterin der Abteilung Strategische Entwicklung in Asien-Pazifik an der Universität Kiel, auf Einladung der Bremer Gesellschaft für Sicherheitspolitik am Montagabend einen Vortrag im Schütting.

Historisch bedeutsam sind vor allem die Hunderten von Inseln im Südchinesischen Meer, das zu einer der größten Handelsrouten Südostasiens zählt. Besitzansprüche der acht Anrainerstaaten auf die größtenteils unbesiedelten Inseln gab es lange Zeit keine. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg reklamierte China etwa 80 Prozent des Südchinesischen Meeres für sich. Begründet wurde dies unter Verweis auf Landkarten aus den 1930er- und 1940er-Jahren, nach denen die Inseln bereits damals in Besitz genommen wurden. „Ein rechtlich völlig haltloser Anspruch“, sagt Kirchberger.

Auch die „Neun-Striche-Linie“ von 1947, mit der China in den vergangenen Jahren seinen Anspruch zementierte, habe keine historische Grundlage. Das entschied auch der Ständige Schiedshof in Den Haag im vergangenen Jahr, nachdem ein fischreiches Riff vor den Philippinen in die Kontrolle der chinesischen Marine übergangen war. Das Urteil wurde aber von chinesischer Seite ignoriert. Anders verhalte es sich bei Gebietsansprüchen anderer Staaten, wie etwa in der Arktis. „Dort pocht China auf die Einhaltung internationaler Regeln.“

Chinas Auftreten wird in der Region schon seit den frühesten Anspruchserhebungen als Bedrohung gewertet. Vor allem nachdem 2008 bekannt wurde, dass China die Insel Hainan zu einem Marinestützpunkte für seine Atom-U-Boote ausbaut. Es kam zu einem Rüstungswettstreit. Selbst wirtschaftlich schwache Länder wie Bangladesch erwogen nun die Beschaffung von U-Booten. Mitverantwortlich ist Chinas Status als ehemalige Hegemonialmacht. Bis ins 19. Jahrhundert waren Chinas Nachbarstaaten zwar offiziell unabhängig, aber auch tributpflichtig. „Daran erinnert man sich in der Gegend“, sagt Kirchberger. Bilaterale Bündnisse mit den USA – dem einzigen Gegenspieler Chinas – waren die logische Folge.

Auch im Westen ist ihrer Ansicht nach eine deutliche Zunahme der Angst vor China zu beobachten. Dabei sei jedoch zu unterscheiden zwischen ökonomischer Furcht, die sie etwa in deutschen Medien erkennt, und der vor Militärschlägen, die sie seit etwa 20 Jahren in amerikanischen Medien registriert. Diese Art der Berichterstattung werde auch in China bemerkt, sagt Kirchberger und warnt: „Solche Wahrnehmungsmuster beeinflussen sich gegenseitig.“ Sie appelliert daher, dass die westliche Seite die chinesischen Beweggründe für die Aufrüstung und das aggressive Vorgehen im Südchinesischen Meer verstehen lerne. „Die chinesische Regierung will um jeden Preis ihr System hochhalten“, sagt sie. Die Furcht, ein ähnliches Schicksal wie die Sowjetunion zu erleiden, sei seit jeher groß, und die Führungskader sind dementsprechend nervös.

„Sabotageakte oder Nadelstiche“

Ein Indiz dafür ist für Kirchberger, dass China mehr Geld für die innere Sicherheit – und somit für die Unterdrückung von Dissidenten – ausgebe als für das Militär. Die Frage sei nur, wie weit das Regime zu gehen bereit ist. Die Phase, sich nach außen keine Feinde zu schaffen, um sich wirtschaftlich in Ruhe gut aufzustellen, sei jedenfalls vorbei – auch aus Angst vor einer Umklammerung der USA und seiner Verbündeten. Der militärische Nutzen der Inseln sei jedoch dahingestellt, sagt Kirchberger. „Es geht vielmehr darum, Hainan abzusichern.“

Dass Teile der amerikanischen Seestreitkräfte wegen des Nordkorea-Konflikts das Südchinesische Meer verlassen könnten, liegt für Kirchberger ganz in Chinas Interesse: „Falls dies der Fall wäre, dann wird es China leichter fallen, hier seine Ansprüche langfristig durchsetzen.“ Die momentane Patt-Situation in Nordkorea sei also ganz in Chinas Sinne. An eine militärische Eskalation des Konflikts glaubt sie auch daher nicht – auch wenn „die neue amerikanische Administration nur schwer zu durchschauen“ sei. Sie zählt auf den „Überlebensinstinkt“ des nordkoreanischen Regimes.

Auch China wird ihrer Erwartung nach seine Interessen im Südchinesischen Meer nicht kriegerisch durchsetzen, sondern eher durch „Sabotageakte oder Nadelstiche“, sagt Kirchberger. Wie etwa dem Einsatz von angeblichen Fischern, die – von China ausgerüstet – als maritime Milizen Inseln besetzen. Eine hybride Kriegsführung, die Parallelen zur russischen Strategie der Kriegsführung im Ukraine-Konflikt aufweise.

Überhaupt hält Kirchberger ein militärisches Bündnis zwischen China und Russland für denkbar. „Eine Möglichkeit, mit der sich der Westen auseinandersetzen sollte“, sagt die Wissenschaftlerin. Ein Hinweis hierfür sei, dass es neuerdings auf chinesischen Webseiten nicht mehr möglich ist, den russischen Präsidenten Wladimir Putin zu kritisieren – bisher waren davor nur chinesische Führer geschützt.

 
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