Nachschau - Veranstaltung am 25.11.2017

 
 
 
 
 

3. Bremer Symposium zur Sicherheit

mit dem Thema
 

Afrika - Migration oder Aufbruch?

Bestandsaufnahme und aktuelle Lage des Kontinents

 
 
 

am Samstag, 25. November 2017, 09.30 – 16.00 Uhr
im Haus Schütting
Am Markt 13, 28195 Bremen

 

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Bericht des Landesbereichs II

Afrika – der „Chancenkontinent“

3. Bremer Symposium zur Sicherheit widmete sich dem Thema „Afrika – Migration oder Aufbruch?“

Von Aranka Szabó
3. Bremer Symposium zur Sicherheit am 25.11.2017
Panel zum Thema "Afrikapolitik heute und morgen: Was ist zu tun?" - Foto: Aranka Szabó

Bremen. Afrika ist ein Kontinent der Extreme. Über 1,1 Milliarden Menschen leben auf dem zweitgrößten Kontinent. Über 2.000 Sprachen werden in den 54 Staaten gesprochen. Der „K-Kontinent“ steht für Kriege, Krisen, Korruption und Kriminalität und für autokratische Staaten. 24 der 30 ärmsten Staaten liegen auf diesem Kontinent. Die überwiegende Bevölkerung ist unter 25 Jahre alt. Doch Afrika ist mehr, nämlich aufstrebend. Das zeigte sich auf dem 3. Bremer Symposium zur Sicherheit zum Thema „Afrika – Migration oder Aufbruch?“ veranstaltet am 25. November von der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) in Kooperation mit verschiedenen Partnern, unter anderem der Konrad- Adenauer-Stiftung (KAS). Julia Weigelt, Fachjournalistin für Sicherheitspolitik moderierte die Veranstaltung, an der 150 Gäste teilnahmen.

Dustin Dehéz, Managing Partner bei Manatee Global Advisors, gab als erster Referent einen Überblick über die aktuelle Situation in Afrika und räumte dabei mit einigen Vorurteilen auf.

Nicht Hunger oder Krankheiten sei die häufigste Todesursache auf dem Kontinent, sondern die Luftverschmutzung. Insbesondere in Städten mit 20 bis 30 Millionen Einwohnern, käme das zum Tragen. Die größten Entwicklungshindernisse seien der regelmäßige Stromausfall und die schlechte Infrastruktur. „Die Energiegewinnung stammt aus den 60er Jahren“, wo unter anderem noch auf Wasserkraft gesetzt wurde.

„Afrika befindet sich in einem fundamentalen Wandel“, meinte er dennoch. Mit rund 2,5 Milliarden Menschen in 2050 werde die geopolitische Bedeutung Afrikas steigen. Begründet werde das auch durch das enorme Wirtschaftswachstum einiger Staaten von über 10 Prozent, wie etwa in der Elfenbeinküste. Wirtschaftsentwicklung verhindere nicht Migration, denn erst wirtschaftliche Möglichkeiten machten Migration möglich. „Migration wird der Normalfall“, so Dehéz, wobei die meisten Flüchtlingen Binnenflüchtlinge blieben.

Die geographische Lage spiele beim Wirtschaftswachstum eine große Rolle. „Vor allen Staaten ohne Küstenzugang haben Schwierigkeiten an der Globalisierung teilzunehmen.“

Nicht nur Dehéz sprach sich dagegen aus, autokratische Staaten zu unterstützen. Nur auf dem ersten Blick wirkten sie stabiler. Außerdem fehlten diesen Staaten Reformfähigkeit. „Ablasshandel ist die falsche Gleichung“, schlussfolgerte er.

Fregattenkapitän Wolf Kinzel, Stiftung Wissenschaft und Politik, zeigte aus sicherheitspolitischer und persönlicher Sicht die Herausforderungen auf: Klimawandel, Migration und Terrorismus. „Die großen Probleme greifen ineinander.“ Sie einzeln zu stückeln, sei wenig erfolgreich. Das sollte beim Marschallplan mit Afrika berücksichtigt werden. Die demografische Entwicklung, Korruption, die wirtschaftliche Lage, Binnenmigration und Ländergrenzen, die nicht den Realitäten vor Ort entsprächen, seien weitere Gründe für Migration. „Eine Mauer durch Afrika“, zur Verhinderung von Migration, „würde wenig erfolgreich sein“, so Kinzel. Arbeitsmarktschaffung gleich Prävention, machte die Gleichung beim Thema Terrorismus auf. In der Perspektivlosigkeit läge die größte Radikalisierungsgefahr.

„Afrika ist ein Chancenkontinent!“, ist Felix Kufferath-Sieberin vom Afrika-Verein der deutschen Wirtschaft überzeugt. Afrikanische Staaten gehörten zu den „Top 10“ der Reformländer. Rund 1.000 deutsche Unternehmen sind auf dem afrikanischen Kontinent aktiv. Rund 200.000 Arbeitsplätze seien dadurch entstanden. Die Direktinvestitionen Deutschlands lagen 2015 bei 13 Milliarden USD 2015. Im weltweiten Vergleich ist das unterdurchschnittlich. Dennoch: „Interesse ist da“, sagte er. Es sei jedoch für die Unternehmen ein fremdes Terrain und Fördergelder fehlten. Auch seien die Hermes-Bürgschaften noch ausbaufähig. Kufferath-Sieberin warb für eine stärkere Zusammenarbeit der Entwicklungszusammenarbeit mit der Privatwirtschaft und für ein moralisches Agieren von Unternehmen. Das EU-Wirtschaftsabkommen Economic Partnership Agreement (EPA) sollte nachverhandelt werden, um Nachteile afrikanischer Staaten auszugleichen.

Ähnlich argumentierte Gudrun Kopp, Mitglied des Politischen Vorstandes des European Network of Political Foundations in Brüssel. Sie fasste ihr Anliegen in folgenden Punkten zusammen: kein Land könne von außen entwickelt werden, „echte Partner fragt man“ nach seinen Zielen, nicht viel Geld, sondern die Nachhaltigkeit der eingesetzten Gelder entscheide über den Erfolg und man solle aufhören zu wissen, was der Partner brauche.

„Stille Helfer der Entwicklungsarbeit“ seien Migranten. Sie rechnete vor: weltweit transferierten Migranten über 500 Milliarden USD an ihre Familien in Entwicklungs- und Schwellenländern. 1.100 Milliarden USD investiert weltweit die Privatwirtschaft. Davon die Hälfte in Entwicklungs- und Schwellenländern. Die staatliche Entwicklungshilfe mache da mit 130 Milliarden USD nur einen kleinen Bereich aus.

Die wirksamsten Wachstumstreiber seien (Privat)-Investitionen, Digitalisierung, Handel, Technologie-Transfer, Bildung, Ausbildung, Wissenschaft und Forschung. Trotzdem gelte die Ökonomisierung der Entwicklungszusammenarbeit immer noch „als böse“.

Es müsse Transparenz bei den Zahlungsflüssen geschaffen werden. Die Milliardengewinne aus der Rohstoffförderung landen zu häufig in Regierungskassen anstatt in die Infrastruktur zu fließen. Entsprechend hinterfragte auch sie kritisch die Zusammenarbeit mit autokratischen Staaten.

Der Kontinent sei jung und digitalisiert: 225 Millionen junge Menschen wollten Perspektiven. 700 Millionen Handys, 150 Millionen Internetanschlüsse und 223 Millionen mobile Bankkonten gibt es. Insbesondere die Förderung von Frauen hob Kopp hervor. Sie seien zuverlässig, ehrgeizig und bildungsinteressiert.

Den Marschallplan mit Afrika lobte sie als „hervorragendes Instrument“ zur wirtschaftlichen Zusammenarbeit. Jedoch fehle es an einer Ressortabstimmung, einer kohärenten Politik und einer fehlenden Abstimmung mit afrikanischen Staaten.

Nicht zielführend sei hingegen die EU-Subventionspolitik im europäischen Agrarbereich, die zu hohen Exporten nach Afrika führe und dortige Bauern arbeitslos mache.

Die Keynote der Veranstaltung sprach der äthiopisch-deutsche Unternehmensberater Dr. Asfa-Wossen Asserate. „Afrika ist sehr reich“, sagte er. Reich an Rohstoffen, Energiereserven und jungen Arbeitskräften. Die Volkswirtschaften vieler Staaten machten eine „erstaunlich positive Entwicklung“. Insgesamt betrage das Wirtschaftswachstum auf dem Kontinent 5 %. Über 5.000 Firmen alleine aus China seien auf dem Kontinent tätig. Durch das unterseeische Kabel zu Europa und Asien schreite die digitale Entwicklung voran. In vielen Bereichen sei Afrika aber immer noch das Schlusslicht: zwei von drei Menschen hungerten, in der Rechtssicherheit und fehlenden Transparenz. Dennoch: „Es ist nicht mehr ein hoffnungsloser Erdteil.“

Die hohe Migration nach Europa sei durch wirtschaftliche Notwendigkeit der Betroffenen begründet. Abhilfe könnte die Einführung eines Rentensystems sein, das auch in Deutschland zu deutlich abnehmenden Geburtenraten führte. Derzeit versuche nur Botswana, solches einzuführen.

Fluchtursache sei auch „die skandalöse Handels- und Agrarpolitik der EU“. Ein in Westafrika produziertes Hähnchen koste dort 1,80 Euro pro Kilo, aus Europa eingeführtes Fleisch nur 90 Cent. Auch subventioniertes Tomatenmark oder Milchpulver trieben afrikanische Bauern in die pleite, machten diese zu Migranten und letztendlich zu billigen Arbeitskräften in Europa, wie die „Ghettoganesen“ in Italien.

Auch wenn Entwicklungshilfe viele Menschen vor einem Hungertod bewahrt habe, hält er sie für „komplett verfehlt“: Die Abhängigkeit von Hilfszahlungen verringere nicht nur die Eigeninitiative von Regierungen. „Barmherzige Samariter halten die korrupten alten Männer an der Macht.“

Der Marschallplan dürfe nicht mit Autokraten abgeschlossen werden. Das „führt nur zu neuen Palästen in London oder der Schweiz.“ Außerdem sollte die „EU muss Schluss machen mit der Appeasement-Politik mit Autokraten.“ Es müsse auf die Einhaltung der UN-Charta gepocht und zur Bedingung für eine Unterstützung gemacht werden. Sein Fazit: „Gute Wirtschaftsbeziehungen auf Augenhöhe sind die beste Entwicklungshilfe.“

 

Fotoshow von der Veranstaltung

 
  • Begrüßung durch Ulrike Merten, Präsidentin der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. - Foto: Aranka Szabó

  • Rund 160 Gäste verfolgten die Veranstaltung - Foto: Aranka Szabó

  • Dustin Dehéz sprach zum Thema "Afrika - Demographie, Klimawandel, Migration" - Foto: Aranka Szabó

  • Wolf Kinzel (SWP) referierte über "Afrika - Herausforderungen für die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik?" - Foto: Aranka Szabó

  • Felix Kufferath-Sieberin betrachtete die Entwicklungs- und Wirtschaftspolitik - Foto: Aranka Szabó

  • Gudrun Kopp sprach über Perspektiven für Afrika - Foto: Aranka Szabó

  • Keynotespeaker Dr. Prinz Asfa-Wossen Asserate - Foto: Aranka Szabó

  • Panel zum Thema "Afrikapolitik heute und morgen: Was ist zu tun?" - Foto: Aranka Szabó

  • Diskussion im Plenum mit Moderatorin Julia Weigelt - Foto: Aranka Szabó

  • Nachgefragt - Foto: Aranka Szabó

  • Die Protagonisten v.l. GSP-Präsidentin Ulrike Merten, Prinz Asfa-Wossen Asserate, GSP-Landesvorstzender Werner Hinrichs (hinten), Gudrun Kopp, Dustin Dehéz (hinten), Julia Weigelt, Wolf Kinzel, Felix Kufferath-Sieberin - Foto: Aranka Szabó

 
Titelfoto: Go with the clouds - © francovolpato – fotolia.com
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