Nachschau - Veranstaltung am 09.11.2017

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Im malischen Treibsand -
deutsches Engagement in der Wüste

 
Referent:

Dr. Julia Egleder

Redakteurin der sicherheitspolitischen Zeitschrift LOYAL
 

am Donnerstag, 09. November 2017, 19.30 Uhr
in „Hackfelds Dorfkrug“
Harpstedter Straße 1, 27243 Groß Ippener

 

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Bericht der Sektion Delmenhorst

Im malischen Treibsand - deutsches Engagement in der Wüste

Vortrag über die MINUSMA-Mission in Mali

Von Rolf Dieter Wienand

Eingeleitet mit einem knapp 15minütigen Beitrag des ARD-Fernsehens, der Sektion freundlicherweise gegen Entgelt zur Nutzung überlassen, über deutsche Soldaten im MINUSMA-Einsatz in Mali, referierte Frau Dr. Julia Egleder, Redakteurin der sicherheitspolitischen Zeitschrift LOYAL, am 09.11.17 zu diesem Thema vor der Sektion und deren Gästen, eingeladen von der Sektion und dem Standortältesten Delmenhorst, wie immer unterstützt vom Reservistenverband. Kurzfristig stand der ansonsten genutzte Saal nicht zur Verfügung – das Ausweichquartier lag etwas außerhalb. Dennoch kamen 51 Zuhörer, die einen bebilderten und detailreichen Vortrag hörten, vertieft durch persönliches Erleben der Referentin, und in der abschließenden engagierten, durchaus kontroversen, Fragerunde weiteres Wissen sammelten.

Das im Westen Afrikas und zum großen Teil in der Sahara gelegene Mali ist dreimal so groß wie Deutschland, hat etwa 15 Millionen Einwohner, von denen rund 300.000 nomadische Tuareg sind, die auch in den Nachbarstaaten Algerien und Niger leben. Der nördliche, größere Teil des Landes ist Wüste, der südliche mit der Hauptstadt Bamako wird vom Niger durchflossen, der auch für gewaltige Überschwemmungen sorgt, die die Ernte in den wenigen urbaren Teilen des Landes vernichten können. Mali gehört zu den ärmsten Ländern der Welt und hat keinen direkten Zugang zum Meer.

1960 wurde das Land unabhängig und galt zunächst als Muster für Demokratie in Afrika. Jedoch fühlten sich die in der Wüste heimischen Tuareg abgekoppelt. Aufstände schon 1963, danach 1990 und 2006 zur Erlangung größerer Autonomie wurden niedergeschlagen, ohne das Grundsatzproblem zu lösen. Im Zuge des Erstarkens allerlei islamistischer Terrorgruppen rund um den Zerfall Libyens, verstärkt durch IS-Erfolge im Nahen Osten, verbündeten sich die Tuareg mit diesen Gruppen und brachten zusammen mit unter anderem Al Qaida den Norden des Landes in 2012 unter ihre Kontrolle, begünstigt durch einen Militärputsch gegen die Regierung in Bamako. Die Islamisten errichteten ihr Terrorregime und zerstörten auch große Teile von islamischen Heiligtümern in der zum Weltkulturerbe gehörenden Wüstenstadt Timbuktu. Die Tuareg riefen im April 2012 einen eigenen Staat „Azawad“ aus, in dem die Islamisten einen sicheren Hafen für ihre weitere Ausbreitung gefunden hätten.

Tuareg Rebell in Nordmali – Foto: Idrissa Fall, gemeinfrei

Frankreich als ehemalige Kolonialmacht griff ab Januar 2013 militärisch ein und gewann weite Teile Nordmalis zurück. Deutschland unterstützte Frankreich auf dessen Bitte mit Logistik, auch aus der Luft, und trat dem UNO-Mandat MINUSMA vom April 2013 bei, das 13.000 Soldaten aus 53 Staaten umfasst, die zur Sicherheit im Lande beitragen und weitere Kampfhandlungen verhindern sollen, und Polizisten aus 22 Ländern, die Ausbildungshilfe leisten. Ein EU-Mandat mit deutscher Beteiligung von ca. 150 Soldaten in der Nähe der Hauptstadt sorgt für Ausbildungsunterstützung der malischen Armee. Ein großer Teil der Ressourcen muss jedoch für den Eigenschutz, die eigene Versorgung und die Sicherung von immer wieder angegriffenen Transporten verwendet werden, weil staatliche Strukturen aller Art fehlen. Korruption und das Zusammenbrechen des Tourismus als Folge der islamistischen Machtübernahme verhindern einen raschen Aufbau des Landes.

Den Anti-Terrorkampf führt Frankreich außerhalb MINUSMA weiter

Deutschland stellt derzeit ca. 950 Soldaten, deren Hauptaufträge Aufklärung (UAV Luna und Heron, Patrouillen, Spähtrupps), Ausbildung der malischen Armee und logistische Unterstützung, vor allem Sanitätsdienst mit acht Hubschraubern, sind. Die Masse der Truppe ist in der Wüstenstadt Gao in einem UNO-Camp stationiert, allerdings deutlich von den anderen Kontingenten getrennt, anfangs zusammen mit Niederländern, ab 2018 in einem eigenen Teil. Der Kontakt mit den anderen Nationen und der Bevölkerung ist gering. Die deutschen Soldaten sollen sich ggf. selbst verteidigen und auch die Bevölkerung schützen, haben aber keine Kampftruppe dabei. Bangladeschis, Chinesen oder Soldaten aus Burkina Faso sind für den Kampf zuständig.

Ein 2015 geschlossener Friedensvertrag der Regierung in Bamako mit den Tuareg steht auf dem Papier und wirkt sich nicht aus. Eine Folge daraus schafft allerdings zusätzliches Aufruhrpotenzial: Aufständische erhalten die Möglichkeit, in die Armee aufgenommen zu werden und so ein Auskommen zu finden. Diese Möglichkeit bleibt in der Praxis denen verwehrt, die sich eher friedlich verhalten haben und nicht Teil einer Miliz oder sonstigen kämpfenden Gruppe waren.

Die besondere Herausforderung neben dem Wüstenklima, der Gefahr durch giftiges Getier und fehlende Infrastruktur, besonders in der Wüste, ist die unklare Lage, denn verschiedene Gruppierungen mit unterschiedlichen Zielen sind im Einsatzraum, auch in Gao selbst, nach wie vor mit Terror gegen die Bevölkerung und die UNO-Truppen aktiv. Die UNO hat bis heute mehr als 120 Soldaten verloren und nennt den Einsatz den derzeit weltweit gefährlichsten. Milizen unterschiedlichster Couleur nutzen den Raum, den staatliche Kräfte nicht abdecken können, für ihre Vorhaben, besonders aber für die Beteiligung an Einnahmen aus Menschen- und Drogenschmuggel Richtung Europa.

Friedenseinsatz in Mali. – Foto: Bundeswehr/Marc Tessensohn

Das Auswärtige Amt unterstützt das „Versöhnungsministerium“, das Entwicklungsministerium trägt bei zur Dezentralisierung von Macht und zur Verbesserung der Lebensbedingungen – dies braucht aber einen langen Atem, einen möglicherweise ganz langen.

Ziel des deutschen Engagements im Rahmen der UNO und der EU ist, eine wichtige afrikanische Transitregion für Migranten befrieden zu helfen und so den Staat Mali zu stabilisieren. Das Mandat für dieses Engagement hat der Bundestag kürzlich verlängert.

Langer kräftiger Beifall der Zuhörer war das Feedback für die Referentin.

 
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