Nachschau - Veranstaltung am 11.01.2017

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Nach der Schlacht um Mossul –
Ist der IS nun geschlagen?

 
Referent:

Marco Seliger

Chefreadakteur loyal – Magazin des Reservistenverbands
 

am Mittwoch, 11. Januar 2017, 20.00 Uhr
in der „Oase Haus Adelheide“ (Soldatenheim)
(vor Feldwebel-Lilienthal-Kaserne)
Abernettistraße 43, Delmenhorst

 

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Bericht der Sektion Delmenhorst

Nach der Schlacht um Mossul – ist der IS nun geschlagen?

Von Rolf Dieter Wienand

Die Antwort ist eindeutig: NEIN, aber warum? Die Gründe und Hintergründe aufzuzeigen war das Anliegen von Marco Seliger, Chefredakteur des sicherheitspolitischen Magazins „loyal“, der am 11.01. vor der Delmenhorster Sektion der GSP und ihren Gästen vortrug. Eingeladen hatte die Sektion, wie immer in Zusammenarbeit mit dem Standortältesten der Bundeswehr, unterstützt vom Verband der Reservisten der Bundeswehr, und wieder als „Tagestipp“ in der örtlichen Zeitung angekündigt. 75 Zuhörer ließen sich von den aus eigener Anschauung aus mehreren Reisen in den Irak und Gesprächen mit Bevölkerung und Führern gewonnenen Einsichten des Referenten, der als Deutscher ausdrücklich bevorzugt behandelt und mit Informationen versorgt wurde, in den Bann ziehen. Dass viele kleine Jungen im Nordirak Milan heißen, ist Zeichen der Wertschätzung, denn die von Deutschland an die Kurden im Nordirak gelieferte Abwehrrakete Milan ist Garant für den Erfolg gegen Selbstmordsprengkommandos und erbeuteten schweren amerikanischen Waffen des IS. Auch die sonstigen Ausrüstungslieferungen und Ausbildungshilfe für die Peschmerga genannten kurdischen Kämpfer werden als unverzichtbar angesehen.

Die Berichterstattung über Mosul ist spärlich geworden, weil Siegesmeldungen der irakischen Armee ausbleiben. Gekämpft wird mit unerbittlicher Grausamkeit und Zerstörungswut, einschließlich Giftgaseinsatz auf Seiten IS. Die Millionenstadt Mosul ist buchstäblich völlig untertunnelt, auch mit Hilfe von modernstem Bohrgerät, dazu großflächig vermint und mit Sprengfallen versehen. Gleiches gilt für die Vororte. „Befreite“ Orte sind Trümmerlandschaften, wie Seliger mit Fotos belegte. Es kostet viel Blut und Zeit, voranzukommen, und die Spezialtruppen des Irak sind bereits stark dezimiert, denn die Rückeroberung von Falludscha, Tikrit und Ramadi kostete hohe Verluste. Ohne die Hilfe von Milizen, die allerdings ein Eigenleben führen, ist Erfolg fern.

Der Referent zeigte auf, wie es zum Fall Mosuls kam, wie der IS sich rasend schnell ausbreiten, und wie er erst durch massive Luftunterstützung der von den USA geführten Koalition für die Widerstand leistenden Kurden und auch vom Iran verstärkten Milizen gestoppt und schließlich zurückgedrängt werden konnte. Ein entscheidender Grund für den Erfolg des IS war das von der schiitisch geführten irakischen Regierung gebrochene Versprechen, nach Ende der Aufstände und nach dem folgenden Abzug der Amerikaner die sunnitischen Milizen in die reguläre Armee einzugliedern und stattdessen deren Entwaffnung voranzutreiben.

Die aus Saddams Zeiten stammenden militärischen Kader dieser Milizen sind heute Rückgrat des IS, dessen Ideologie der Schreckensherrschaft und vor allem dessen überaus professionelle Nutzung der Medien, zugeschnitten auf Adressatenkreise in der Region und weltweit, herausgestellt wurde - einschließlich der Verbreitung von stundenlangen Videos über Massenhinrichtungen durch Köpfen.

Mit zusätzlichem Blick auf die Lage in Syrien erläuterte Seliger die Gemengelage der unterschiedlichsten Interessen, Gruppierungen, rasch wechselnder Allianzen auch mit dem IS, ausländischer Akteure wie Saudi Arabien, Irak, Türkei und Russland. Er vergaß nicht aufzuzeigen, wie EU und USA praktisch außen vor sind, obwohl auch dort engagiert. Hinzu kommt der religiöse Aspekt der Auseinandersetzungen. Seliger warnte aber davor, die Ereignisse als Religionskrieg zwischen islamischen Glaubensrichtungen zu vereinfachen, vielmehr erinnerte er an den Dreißigjährigen Krieg in Europa, in dem massive Machtinteressen Nährboden waren. Die stellvertretend ausgefochtenen Interessengegensätze zwischen Saudi Arabien und Iran, dazu der unbedingte Wille der Türkei, einen wie immer gearteten staatlichen Zusammenschluss der Kurden in den drei Staaten zu verhindern, dazu die Absicht Russlands, sich dauerhaft Stützpunkte und Einfluss zu sichern, machen die Lagebeurteilung so schwierig und eine Friedenslösung in der Region auf lange Sicht unmöglich – auch der IS ist eben nicht geschlagen.

Als eigene Einschätzung trug Seliger vor, dass die Absicht „des Westens“, Syrien und Irak als Einheitsstaaten zu erhalten, sich nicht halten lasse. Vielmehr sei von langen Kämpfen um die Macht, im Ergebnis mit Aufteilung der jetzigen Staaten, auszugehen, und als nächster Konflikt seien innerkurdische Auseinandersetzungen zu erwarten, denn auch deren Interessen seien nicht deckungsgleich. Dieses düstere Fazit stimmte die Zuhörerschaft sichtlich sehr betroffen.

In der Fragerunde überzeugte der Referent mit klaren Antworten und erhielt kräftigen Applaus als Dank.

 
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