Nachschau - Veranstaltung am 11.10.2017

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Libanon -

1.5 Millionen Flüchtlinge bei 5 Millionen Einwohnern
- Wie geht das?

 
Referent:

Oberst a.D. Jan Kleffel

Bremen
 

am Mittwoch, 11. Oktober 2017, 19.30 Uhr
in der „Oase Haus Adelheide“ (Soldatenheim)
(vor Feldwebel-Lilienthal-Kaserne)
Abernettistraße 43, Delmenhorst

 

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Bericht der Sektion Delmenhorst

Flüchtlingskatastrophe: Zerreißprobe für den Libanon

Auf 5 Mio. Einwohner kommen 1,5 Mio. Flüchtlinge

Von Rolf Dieter Wienand
Flüchtlingslager im Bekaa-Tal - Quelle: DFID - UK Department for International Development, Lizenz: CC-BY 2.0

Im Delmenhorster Kreisblatt als Tagestipp angekündigt und von 60 Teilnehmern gehört, war der Libanon Thema des Vortrags von Oberst a.D. Kleffel, der seine sehr aktuellen Informationen, auch als Augenzeuge, unter die Frage „1,5 Mio. Flüchtlinge bei 5 Mio. Einwohnern – wie geht das?“ stellte. Eingeladen hatte die Delmenhorster Sektion der GSP, wie immer in Zusammenarbeit mit dem Standortältesten und unterstützt durch den örtlichen Reservistenverband.

Ein Überblick über die Geschichte des Landes, seine mehrtausendjährige Kultur und diverse Zahlenvergleiche mit Deutschland stimmten ein auf teils verblüffende Aussagen, die nicht alle Tage in den Medien zu finden sind, wie überhaupt der Libanon nicht im Mittelpunkt des medialen Interesses steht. Etwa so groß wie Schleswig-Holstein und landschaftlich dreigeteilt in Küstenregion, Gebirge und das berühmte Bekaa-Tal, hat das Land im Süden Israel als Nachbarn und eine lange Grenze zu Syrien, das früher den Libanon als seinen Hinterhof ansah und auch so behandelte. Die Hisbollah, schiitische Gruppierung mit Hauptfeind Israel, vom Iran faktisch ausgehalten, führt ein Eigenleben und „verwaltet“ in der Hauptstadt Beirut ganze Stadtviertel. Sie ist auf Seiten Assads in Syrien im Kampfeinsatz und daher zurzeit nur wenig gegen Israel aktiv. Wenn immer von libanesischem Boden Angriffe gegen Israel vorgetragen werden, ist die Hisbollah Akteur, nicht aber die Libanesen selbst. UNIFIL, die Mission der VN mit Beteiligung der deutschen Marine und bei uns als nur Marineeinsatz wahrgenommen, ist mit 10.000 Soldaten als Puffer eingerichtet; im zugehörigen Hauptquartier sind sieben deutsche Soldaten eingesetzt.

Der Libanon hat Besonderheiten, die im arabischen Raum sonst nicht zu finden sind. So stehen christliche Kirchen direkt neben Moscheen, so ist die Sitzverteilung im Parlament fest zugeteilt: die Hälfte der 128 Sitze geht an Christen unterschiedlicher Couleur, auch jeweils festgelegt, die andere an Moslems, wobei Sunniten und Schiiten je 27 erhalten. So kommt es zu den abenteuerlichsten Koalitionen, aufgefangen durch weitere Festlegungen: Präsident ist immer ein christlicher Maronit, und wenn die Maroniten sich nicht einigen, bleibt der Posten eben mal jahrelang vakant; Parlamentspräsident ist immer ein Schiit, faktisch Hisbollah, Regierungschef ist immer ein Sunnit, und der Oberbefehlshaber der Armee ist immer ein Christ – Spielwiesen für die Clans sind also bereitet. Im Februar 2005 fiel der Regierungschef, sunnitischer Multimilliardär, einem Attentat zum Opfer. Der immer noch verehrte Rafiq al Hariri hatte das Land nach einem mörderischen Bruderkrieg wieder aufgebaut. Nach langem Hin und Her setzten die VN einen Sonderermittler ein, einen deutschen Staatsanwalt, dessen Untersuchungsergebnis eindeutig war: Hisbollah ist verantwortlich. Die libanesische Lösung war auch eindeutig: der Staatsanwalt wird entlassen, die Schuldigen bleiben unbehelligt. Dennoch, das einst als Schweiz des Nahen Ostens bezeichnete Land steht trotz bestehender deutscher Reisewarnung im Vergleich zu den Nachbarn relativ gut da.

Notiz am Rande: ein libanesischer Fuhrunternehmer mit weit reichenden Verbindungen, der auch die deutschen Schiffe versorgt, ist 30 Jahre lang in Delmenhorst Taxi gefahren, bevor er zurück in den Libanon ging!

11 Mio. Libanesen leben im Ausland und sind weltweit sehr gut vernetzt, nicht immer gesetzeskonform, und meist gut situiert. Das Durchschnittseinkommen im Libanon liegt bei ca. 40.000 Euro pro Jahr, das gilt natürlich nicht für die beiden großen „Gästegruppen“ im Land. Zum einen sind das die 1,5 Mio. Flüchtlinge meist syrischer Herkunft, die in Lagern im Bekaa-Tal untergebracht sind und international notdürftig versorgt werden, auch und besonders mit deutscher logistischer und technischer Hilfe: die Familien erhalten laufend wieder aufgeladene elektronische Gutscheine, mit deren Hilfe sie bei den Libanesen einkaufen können. So sind ca. 650 Mio. USD in die libanesische Wirtschaft geflossen. Ob und wie groß der Rückkehrwille nach Syrien vorhanden ist, bleibt offen. Bezeichnend aber ist, dass die Deutsche Botschaft in Beirut mehr als 100 Angestellte ausschließlich für die Bearbeitung von Visum- Anträgen beschäftigt.

Die andere große Gruppe sind die palästinensischen Flüchtlinge, die beginnend nach dem israelischen Sieg gegen den arabischen Angriff von 1948 ins Land gekommen sind und in einem Dutzend selbstverwalteter Lager im Küstensaum ohne wirkliche Bürgerrechte und Perspektive leben und nach fast 70 Jahren immer noch darauf warten, zurückzukehren. Registriert sind mit Stand 2010 ca. 425.000 Menschen, die am internationalen Tropf hängen.

Der Referent wurde durch kräftigen Applaus für seinen lebhaften Vortrag belohnt.

 
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