Nachschau - Veranstaltung am 20.01.2015

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Von ISIS zu IS –

Bedrohung für Syrien und Irak (und uns?)

Referent:

Dr. Heinrich Heiter

ehem. Leiter der Heimvolkshochschule in Helmstedt
 

am Dienstag, 20. Januar 2015, 19:30 Uhr
in der „Oase Haus Adelheide“
(Soldatenheim)
Abernettistraße 43, Delmenhorst

 

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Vortrag zum IS-Terror in Delmenhorst

„Wir dürfen die Augen nicht verschließen“

Von Frederik Grabbe

Delmenhorst. Krieg ist nie einfach. Und schon gar nicht im Nahen Osten. Auf eindrückliche Weise hat Dr. Heinrich Heiter für die Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) in der Oase Haus Adelheide am Dienstagabend die Ursprünge und Zusammenhänge des Konfliktes ausgelöst vom Islamischen Staat (IS) vermittelt.

Der radikalislamische IS und sein Verhältnis zu anderen islamistischen Terrororganisationen wie der Al-Nusra oder der AQAP, die Finanzierung des salafistisch-dshihadistischen Gebildes und dessen Anwerbung von Streitkräften aus Reihen der Muslime in aller Welt: Keine leichte Kost für einen Dienstagabend.Trotz der Komplexität des Themas liehen rund 170 Zuhörer dem Referenten ihr Ohr.

Entstanden aus einer Widerstandgruppe gegen die Invasion der USA in den Irak 2003, rief der IS (bis dahin ISIS) Ende August 2014 offiziell den Islamischen Staat aus, führte der Referent aus. Dieses „Kalifat“ erstreckt sich heute länderübergreifen über den Norden Syriens und über weite Teile des Iraks. Vor allem sei der IS in den vergangenen Monaten durch „ein abscheuliches, widerwärtiges Maß an öffentlichen Hinrichtungen“ in westliche Medien gelangt, sprach Heiter grausame Videos von Enthauptungen Gefangener an. So abstrus es klingt: Die Grausamkeiten, von denen auch westliche Gefangene betroffen waren, fungierten als Werbung. Diese ausgeklügelte „Medienarbeit“ sollte radikalisierte, muslimische Kämpfer anlocken. Die Strategie, so widerlich sie ist, funktionierte. Allein 3000 Tunesier sollen sich unter anderem in den Dienst des IS gestellt haben, dessen Streitmacht auf rund 50000 Kämpfer geschätzt wird. Darunter: 550 Deutsche. „Es ist auch Teil unserer Geschichte. Wir können davor nicht unserer Augen verschließen“, mahnte Heiter, der gleichzeitig vor einem übergroßen Maß an Kontrolle und Überwachung hierzulande warnte.

Besonderes Interesse der Zuhörerschaft galt der Finanzierung des IS: Lösegeldforderungen aus Entführungen, Erpressung von Schutzgeldern, der Verkauf von Erdöl – um nur einige Quellen zu nennen – stellten beispielsweise für einen Zuhörer lediglich „Kleckerkram“ dar. Tatsächlich gebe es Hinweise auf Geldquellen aus Saudi Arabien, Katar oder Kuwait, so Heiter. Nicht die Regierungen, sondern sunnitische Stiftungen sollen Geld an den IS übertragen haben. Die Gründe hierzu sind rein spekulativ.

Worin sich die Qualität der Grausamkeit des IS von der anderer islamistischer Terrororganisationen unterscheide, sei das Feindbild. Verbinde zumindest „der Hass auf den Westen“, schrecke der IS nicht davor zurück, etwa gemäßigte Sunniten als Gruppe innerhalb des Islam anzugreifen, wohingegen die Al Quaida „nur“ Ungläubige als Feinde ausmache.

Die Rivalitäten untereinander sind ein Kapitel für sich. Nichts desto trotz äußerte Heiter unter Berufung auf Journalistenrecherchen die Befürchtung: Spektakuläre Anschläge im Westen, wie den auf Charlie Hebdo in Paris, dienten dazu, die eigene Vorherschaft als islamistische Terrororganisation zu untermauern.

Trotz all des Leids, das durch den IS in Syrien und dem Irak verursacht wird, könnte letztendlich aus dem Konflikt eine Gruppe hervorgehen, die das Machtgefüge in der Region neu austariert: Die Kurden. In der Krisenregion ist die Volksgruppe gleich in mehreren Staaten als Minderheit vertreten. Im Irak ist Irakisch-Kurdistan als Teilautonomie anerkannt. Die Peschmerga, die Armee der Kurden, wurden nicht zuletzt mit Bundeswehr-Waffen ausgerüstet und erhalten im Kampf gegen den IS Hilfe unter anderem von den USA; schon heute zapfen US-Konzerne im großen Stil Erdöl aus den Kurdengebieten im Nordirak ab, was sich positiv auf die Sicherheit und die Lebensqualität vor Ort auswirkt. „Wie ist die künftige Rolle der Kurden? Dringen sie auf die Gründung eines kurdischen Staates? Gegen wen richten sich später die deutschen Waffen?“ Heiters Vortrag ließ am Ende viele Fragen offen. Eines dürfte jedoch für die Zukunft der Region sicher sein. Einfach wird es nicht.

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