Nachschau - Veranstaltung am 22.11.2017

 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

China -
eine fragile Großmacht

 
Referent:

Prof. Dr. Sven Bernhard Gareis

German Deputy Dean, George C. Marshall
European Center for Security Studies, Garmisch-Partenkirchen
Foto: Sven Gareis - Eigenes Bild
 

am Mittwoch, 22. November 2017, 19.30 Uhr
in der „Oase Haus Adelheide“ (Soldatenheim)
(vor Feldwebel-Lilienthal-Kaserne)
Abernettistraße 43, Delmenhorst

 

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Bericht der Sektion Delmenhorst

China – eine fragile Großmacht

Erkenntnisreicher Vortrag über das Reich der Mitte

Von Rolf Dieter Wienand
 
Symbol des neuen Aufstiegs Chinas: Die Skyline von Shanghai. - Foto: J. Patrick Fischer, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Es ist offensichtlich, dass der Weg Chinas nur in eine Richtung verläuft: zur Supermacht mit globalen Ansprüchen und Möglichkeiten. Und doch steht im Thema das Wort „fragil“.

Diesen scheinbaren Widerspruch aufzulösen war Anliegen des im Delmenhorster Kreisblatt als „Tagestipp“ angekündigten Vortrages von Prof Dr. Sven Bernhard Gareis, ausgewiesener Chinaexperte, der am 22.11.17 auf Einladung der Sektion, wie immer in Kooperation mit dem Standortältesten der Bundeswehr und dem Reservistenverband, 71 Zuhörer mit seinen detailreichen und aus eigenem Erleben bebilderten Aussagen fesselte und einige Fakten in Erinnerung rief. So ist die kommunistische Volksrepublik China mit ihren rund 1,4 Milliarden Einwohnern (rund 17-mal mehr als Deutschland und mit genauso vielen kommunistischen Kadern wie Deutschland Einwohner hat) die zweitgrößte Volkswirtschaft der Erde, vor Japan, ist Nuklear- und Weltraummacht, hat einen Ständigen Sitz im UNO-Sicherheitsrat mit Vetorecht und verfügt über die welthöchsten Devisenreserven in Höhe von 3,3 Billionen US-Dollar. Die „Volksbefreiungsarmee“ umfasst 2,3 Millionen Soldaten.

China nimmt wachsenden Einfluss in der Welt über seine Wirtschaft, besonders in Afrika, nutzt offensive Ressourcen- und Energiediplomatie weltweit, investiert z.B. in Afrika 60 Milliarden US-Dollar binnen zwei Jahren in Infrastruktur, kauft sich ein in lukrative Wirtschaftsunternehmen weltweit, verstärkt seine maritime Präsenz ganz erheblich, reformiert seine Streitkräfte umfassend nach westlichem Muster, führt ehrgeizige zivile und militärische Weltraumprogramme durch und exportiert seine politischen Ideen als Gegenentwurf zum „Westen“ zunehmend erfolgreich in alle Welt, die sich ein Beispiel an China nehmen kann, denn die USA sind schwach und die EU nicht weniger. 357 Konfuzius-Institute in 96 Ländern tragen dazu ebenso bei wie die „Panda-Diplomatie“, das „Forum Chinesisch-Afrikanische Kooperation“ und Kulturelles wie beispielsweise chinesische Filme auf der Berlinale. In Dschibuti unterhält China, wie etliche andere Nationen auch, einen Militärstützpunkt im Ausland und ist bemüht, weitere im Ausland zu bauen.

Die Allchinesische Föderation für Industrie und Handel (ACFIC) eröffnete ihren 12. nationalen Kongress in Chinas Hauptstadt Beijing, 24. November 2017. - Quelle: Xinhua/Li Tao

Die Asiatische Infrastruktur Investment Bank unter wesentlichem chinesischen Einfluss hat als Gegengewicht zur westlich orientierten Weltbank ihre Arbeit aufgenommen; ein Mitglied ist Deutschland, das nichts verpassen will.

China sieht sich als Hegemon in der Region und darüber hinaus, mit klaren Forderungen an seine Nachbarn, aber auch mit massivem Geldeinsatz zum beiderseitigen Nutzen. So ist die „Seidenstraßeninitiative“ als Jahrhundertprojekt zur Erschließung von Märkten angelegt. Einer der Endpunkte ist Duisburg, größter Binnenhafen Europas. Im Westen weitgehend unbeachtet geblieben ist, dass innerhalb von nur 40 Jahren der Anteil der Landbevölkerung von 90% auf 50% gefallen und die Stadtbevölkerung von 10% auf 50% gestiegen ist. Die dahinter stehende Aufbauleistung ist gigantisch mit Blick auf die Bevölkerungszahl, die sich dahinter verbirgt. Über die Entwurzelung von Millionen wird nichts berichtet.

Ein Bonmot zum langfristigen Denken in China: Der frühere Ministerpräsident Zhou Enlai (der in Frankreich und Deutschland studiert hatte) soll einmal gefragt worden sein, wie er die Französische Revolution bewerte. Er soll geantwortet haben, die läge doch noch keine 200 Jahre zurück, da sei noch keine abschließende Bewertung möglich.

Der „chinesische Traum“ lautet, die Nation werde erneuert, es gebe Wohlstand und Freiheit von Hunger, die Nation sei stark und reich und das Militär mächtig. Bis 2049, dem 100. Geburtstag der Volksrepublik, soll der Traum Wirklichkeit werden. „Chinas Traum ist mein Traum“ ist permanente Werbung auf allen Kanälen im immer noch „Reich der Mitte“ in einer globalisierten Welt.

Bis hierher deutet noch nichts auf „fragil“ hin. Welcher Art sind also die Herausforderungen, die zu meistern wären, um das Wort zu vermeiden?

Chinas Energiehunger wächst - Jinling Öl Raffinerie, Qixia, Nanjing. - Foto: Vmenkov, Lizenz: CC BY-SA 3.0

Chinas Wirtschaft ist, wie die Deutschlands auch, extrem abhängig von freien und sicheren Seewegen, die in ihrer gewaltigen Ausdehnung mit eigenen Mitteln nicht zu sichern sind. Abhängigkeiten sind die Folge. Zudem hat das Wachstum in der Vergangenheit zu verheerenden Umweltproblemen geführt, als Beispiel sind die Pekinger Smogbilder ja sehr oft in den Nachrichten. Dringend bedarf die Wirtschaft und insbesondere die Energiepolitik eines Umbaus zu nachhaltigeren Verfahren. Dies ist in Führung und Bevölkerung begriffen und in Angriff genommen. Es braucht aber Jahre, in denen die Bevölkerung ebenso wie der Energiehunger weiter wächst und so die Ergebnisse verlangsamt.

Die lange propagierte Ein-Kind-Politik war aufzugeben. Selbst bei ganz geringem Prozentwachstum der Bevölkerung sind die absoluten Zahlen riesig. Nahrung, Arbeit, Auskommen, Altersversorgung müssen mitwachsen, und dafür ist das Wirtschaftswachstum, obwohl beeindruckend, immer noch zu gering.. Es gibt zwar keine Opposition im demokratischen Sinne, wohl aber wachsenden Unmut und die wachsende Befürchtung, das System alleine könne die Bedürfnisse der wacher werdenden Bevölkerung nicht befriedigen, vor allem nicht im immer noch riesigen Gefälle im Wohlstand von Stadt zu Land, von Ost zu West. 200 Millionen Wanderarbeiter in schon dritter Generation sind sichtbares Zeichen von Ungleichheit.

Parteichef und Staatspräsident Xi Jinping 2013 - Foto: Michel Temer, Lizenz: CC BY 2.0

Immer noch ist Korruption ein echtes Problem. Sie wird stärker als früher bekämpft und versetzt so manchen Kader in Angst, vor allem weil ideologische Rückbesinnung und Repression zunehmen. Ein Menschenrechtsdialog Deutschlands und der EU ist zwar eingerichtet, die sich Engagierenden sitzen aber im Gefängnis. In den großen Städten kann man seine Einkäufe mit Smartphone bezahlen, aber zugleich ist das Internet umfassend kontrolliert, und seine Nutzer sind bis ins kleinste überwacht. Auch Ausländer sind betroffen, auch von selbstherrlicher Bürokratie, was die Euphorie, sich in China wirtschaftlich zu engagieren, nicht gerade fördert.

China besteht aus 56 Nationalitäten, von denen die Uighuren und Tibeter bei uns die bekanntesten sind. Diese Minderheiten sind auch bei uns öfters in den Nachrichten, auch im Zusammenhang mit Terroranschlägen, und stören den Wunsch der Führung nach Harmonie.

Es bleibt dabei: alles ist dem Machterhalt der Partei untergeordnet, und der ist Hauptaufgabe der Führung. Voraussetzung ist wirtschaftlicher Erfolg. In der Tat weist Chinas Wirtschaft permanent hohes Wachstum auf.

Neu seit einigen Wochen ist, dass der wiedergewählte Präsident Xi Jinping alleine an der Spitze aller Partei- und Staatseinrichtungen steht und als „Vordenker“ mit seinen „Gedanken“ gleichsam Bestandteil der Verfassung ist. Diese Machtfülle bei einem Menschen hat es seit 40 Jahren nicht gegeben.

Das Fazit des Referenten: Nach innen muss sich das Land sowohl politisch als auch wirtschaftlich reformieren, nach außen hängt es ab von Gegebenheiten, die es nicht vollständig selbst bestimmen kann. Ein günstiges Umfeld zu erhalten muss daher oberste Prämisse chinesischer Politik sein. Die Konfrontation mit den USA und mit Nachbarn im Blick z.B. auf die Inseln im Südchinesischen Meer ändert daran nichts.

In der Fragerunde ging Prof Gareis auf Nordkorea und Taiwan ein und klärte das eine und andere Missverständnis.

Lang anhaltender Beifall beendete eine lehreiche Veranstaltung.

 
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