Nachschau - Veranstaltung am 11.11.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Leben in zwei Staatssystemen –
25 Jahre Wiedervereinigung

Mein Weg von der Nationalen Volksarmee zur Bundeswehr

Referent:

Oberst Lothar Schunk

Lehrgruppenkommandeur der Logistischen Schule
der Bundeswehr
 

am Mittwoch, 11. November 2015, 19.00 Uhr

im EWE – Kundencenter Bremervörde
Marktstr. 20, - rückwärtiger Eingang –, Bremervörde

 

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vom 14.11.2015

„28 Minuten bis der Feind kommt”

Gesellschaft für Sicherheitspolitik: Zeitzeuge erzählt aus seinem Leben in zwei Staatssystemen

— „In der NVA zählte nur Leistung“

Von Carmen Monsees

Bremervörde. Die Gesellschaft für Sicherheitspolitik und der Verband der Reservisten haben kürzlich zur letzten Veranstaltung des Jahres ins EWE-Kundencenter eingeladen. Oberst Lothar Schunk, Lehrgruppenkommandeur der Logistischen Schule der Bundeswehr in Garlstedt, schilderte seinen Weg von der Nationalen Volksarmee zur Bundeswehr. Sein Fazit: „Die unterschiedliche Sichtweise der Ost- und Westbürger auf die DDR ist das Problem, warum wir noch keine Einheit sind. Wir müssen viel mehr miteinander reden!“

Mit dem Beitritt der Nationalen Volksarmee (NVA) zur Bundeswehr am 3. Oktober 1990 war die NVA Geschichte. Die Bundeswehr übernahm größtenteils sowohl Personal als auch Material der aufgelösten Armee. Es sei die Vereinigung zweier Armeen gewesen, die vom Grundsatz her – nach Auftrag und Ausbildung – nicht gegensätzlicher hätten sein können, bekräftigte Oberst Lothar Schunk im sehr gut besuchten EWE-Veranstaltungsraum. Drei Jahrzehnte hätten sich die beiden deutschen Armeen feindselig gegenüber gestanden und seien bereit gewesen, im Ernstfall aufeinander zu schießen.

Rund 90 000 NVA-Soldaten und 47 000 zivile Mitarbeiter traten im Zuge der Wiedervereinigung unter die Befehlsgewalt des Bundesministeriums der Verteidigung. Unter ihnen Major Lothar Schunk, seiner Zeit als Lehrgruppenleiter Taktik an der Offiziersschule des Heeres in Löbau. 13 Jahre habe er in der NVA gedient. Schunk sagte von sich, er sei stolz auf sein Leutnantspatent gewesen, und doch habe er sich gegen die Laufbahn des Politoffiziers entschieden. In einem Praktikum sei ihm klar geworden, dass sich der dortige Drill, die Schikanen und Demütigungen mit seinem Verständnis vom Umgang mit Menschen nicht vereinbaren ließen.

Für Lothar Schunk als Befehlshaber eines ABC-Abwehrzuges, der spezialisiert war auf atomare, biologische und chemische Kampfmittel, und seine Truppe habe es geheißen, 24 Stunden Einsatzbereitschaft, 365 Tage im Jahr. Stets darauf gedrillt, die Zeit vom Pfiff bis zum feldmarschmäßigen Ausrücken in Weltrekordzeit zu bewältigen. 28 Minuten sei die errechnete angenommene Flugzeit feindlicher Raketen gewesen. Schunk weiß heute, „Dazu hätte der Westen Tage gebraucht“.

Maxime sei gewesen, „der jederzeit drohenden Aggression aus dem Westen, entschlossen zu begegnen“.Der Kampfauftrag habe gelautet: „Im unerschütterlichen Zusammenwirken mit der Sowjetarmee und anderen sozialistischen Bruderarmeen die erforderlichen äußeren Bedingungen für den Aufbau des Sozialismus und Kommunismus zu sichern, die Staatsgrenze das Territorium und den Luftraum zu schützen.“ In der NVA habe nur gezählt, wer Leistung brachte. „Wer gut war, wurde von Vorgesetzten in Ruhe gelassen“, sagte der Referent.

Im Jahr 1985 führte Schunks berufliche Laufbahn in die Sowjetunion. In Sachen Anerkennung sei dort für ihn nicht viel zu holen gewesen. Der Inhalt seiner Diplomarbeit – Schunk war Experte für atomare, biologische und chemische Kampfmittel – wurde als „streng geheim” eingestuft und unter Verschluss gehalten. Dennoch habe er in der Sowjetunion das in seinen Augen spannendste Jahr des Jahrhunderts erlebt. Eine Verdreifachung der militärischen Exporte sei bis zum Jahre 1990 vorgesehen gewesen – was durch die Wahl Michail Gorbatschows zum Generalsekretär der KPdSU nicht mehr zum Tragen gekommen sei. In dieser Zeit der Entspannungspolitik habe die Rüstungsindustrie der DDR ihren größten Abnehmer, die Sowjetunion verloren. Überhaupt: „Gorbatschow war der Mann der Stunde.“

Nach Schunks Bewertung ist die Auflösung der NVA „sauber und ordentlich über die Bühne gegangen“. Die Bundeswehr habe alsbald Interesse an ihm gezeigt, was bedeutete: ,,Ich musste den Eid auf den neuen Staat schwören“. Ob dieser Schwur einem Verrat nahe kam, habe er sich gefragt. Schließlich habe er einem Staat die Treue gelobt, den er in jahrelangem Drill zu fürchten und zu hassen gelernt habe. Als Verräter sehe er sich dennoch nicht, denn er sei zuvor von seinem Eid entbunden worden. Er habe viel Glück gehabt, sagte Schunk. Ein Kommentar der Frankfurter Allgemeinen Zeitung habe es auf den Punkt gebracht. Dort hieß es: In der Armee des vereinigten Deutschlands hätten NVA-Offiziere, fast alle Mitglieder der Kommunistischen Partei, keinen Platz. Niemand in der Bundesrepublik werde solchen Offizieren die Erziehung und Führung von Wehrpflichtigen anvertrauen wollen.

Für ihn persönlich habe die Wende den Abschied von Traditionen und Lebensweisen gebracht. „Uns wurde eingetrichtert: ,Der Westen wartet nur, bis du eingeschlafen bist.‘ So habe ich mich immer als Verteidiger meiner Heimat gefühlt.“ Viel später sei ihm klar geworden, wie gut das System und die Manipulation der Bürger funktioniert hätten.

 
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