Nachschau - Veranstaltung am 11.11.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Leben in zwei Staatssystemen –
25 Jahre Wiedervereinigung

Mein Weg von der Nationalen Volksarmee zur Bundeswehr

Referent:

Oberst Lothar Schunk

Lehrgruppenkommandeur der Logistischen Schule
der Bundeswehr
 

am Mittwoch, 11. November 2015, 19.00 Uhr

im EWE – Kundencenter Bremervörde
Marktstr. 20, - rückwärtiger Eingang –, Bremervörde

 

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vom 15.11.2015

„Ich musste alles neu lernen“

Oberst Lothar Schunk - Soldat in der DDR und BRD

VON ARANKA SZABÓ

Bremervörde. Die Gesellschaft für Sicherheitspolitik und der Deutsche Reservistenverband hatten in ihrer Vortragsreihe Obst Lothar Schunk zu Gast. Er ist einer der wenigen, die in zwei Staatsarmeen dienten. In der NVA in der DDR und in der Bundeswehr. Er erzählte von der Wiedervereinigung und der damit verbundenen Wende in seinem Leben.

„Sie haben auf den Moment gewartet, wo ich einschlafe“, so beschrieb Oberst Lothar Schunk in seinem Vortrag „Leben in zwei Staatssystemen - 25 Jahre Wiedervereinigung. Mein Weg von der Nationalen Volksarmee (NVA) zur Bundeswehr“ das Bild der NVA-Soldaten zum westlichen Bündnis. Jederzeit rechneten sie mit einem Angriff des Westens auf den Ostblock. 85 Prozent der Soldaten waren in ständiger Einsatzbereitschaft.

In seinem Vortrag bei der Gesellschaft für Sicherheitspolitik im EWE-Center erzählte der aus Sachsen stammende Schunk aus seinem Leben. Seiner Entscheidung, zur NVA zu gehen, seiner Ausbildung zum „Kommandeur von Kernstrahlungs- und chemische Aufklärungs- und Detonometrieeinheiten“, seiner weiteren Ausbildung in Moskau von 1985 bis 1989, wo er seine Frau kennenlernte und seinem Glück, das er gehabt habe. Etwa, als er bei einem Praktikum zum angehenden Politoffizier „das größte Schwein dieser Welt“ an seine Seite bekam und sich daraufhin dagegen wehrte, zum Politoffizier ausgebildet zu werden. „Da bin ich heute noch stolz drauf“, sagte er. Anders hätte er keine Chance gehabt, von der Bundeswehr übernommen zu werden.

Für ihn ist der ehemalige russische Generalsekretär Michail Gorbatschow die Schlüsselfigur, die später eine Wiedervereinigung möglich machte. „1985 war das spannendste Jahr in diesem Jahrhundert“, meinte Schunk. Gorbatschow warb für „Perestroika“ und „Glasnost“ und brach mit dem Stalinismus. Drei Jahre später hob er die „Breschnew-Doktrin“ auf, die die Souveränität der einzelnen Warschauer Pakt-Staaten einschränkte.

In der DDR hörte man von alledem eher nichts. „Alle Kader in der DDR waren Stalinisten“, so Schunk. Die Medien berichteten nicht mehr von den sonst wichtigen Parteitagen in Russland. Die Themen Glasnost und Perestroika waren in der DDR verboten.

„Bundeskanzler Helmut Kohl hat ein Zeitfenster von nur sechs Monaten für die Wiedervereinigung genutzt. Ich bin überzeugt, dass es später nicht mehr möglich gewesen wäre“, so Schunk. Gorbatschow und seine Politik standen 1990 längst auf einen absteigenden Ast.

Mit dem Beitritt der DDR zur Bundesrepublik, stellte sich für Schunk die Frage, ob er in der BRD dienen könne. Da für ihn der Mensch im Vordergrund stehe, habe er für sich die „richtige Entscheidung getroffen“. Einen Verrat an seinem in der DDR geleisteten Eid, dem ihm manche vorgeworfen haben, sieht er nicht. „Ich wurde von meinem Eid entbunden.“

Die Zeit der Wende war für ihn „jeden Tag ein Schockerlebnis“. Bei seinem ersten Besuch im KaDeWe in Berlin bekam er ein Grundgesetz geschenkt und las darin, dass Deutschland einen Angriffskrieg zu führen, verboten ist. „Das mussten doch meine Vorgesetzten gewusst haben?! Wir wurden so manipuliert“, stellte er im Nachhinein fest.

In Folge der Wiedervereinigung „musste ich alles neu lernen.“ Die Sprache, Gesetze, Sichtweisen und die Bürokratie. „Und für BRD-Bürger hat sich nichts geändert.“ Deshalb meint er auch, dass es „keine echte Wiedervereinigung gibt“.

Über den derzeitigen Unmut besonders der Sachsener, sagt er „wir müssen verdammt aufpassen“. In Sachsen würde sich unter Jugendlichen ein idealisiertes Bild der DDR verbreiten, wo alles besser gewesen sei. Sein Eindruck ist, dass ein verzerrtes Bild in den Schulen vermittelt wird. „Blühende Landschaften gibt es auch im Osten“, kritisierte er den Pessimismus von Pegida, von dessen Bewegung er sich deutlich distanziert.

 
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