Nachschau - Veranstaltung am 13.04.2016

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Die Türkei im Brennpunkt

 
Referent:

Dr. Heinrich Heiter

Dipl.-Politologe, ehem. Leiter der Politischen Bildungsstätte Helmstedt
 

am Mittwoch, 13. April 2016, 19.00 Uhr

im EWE – Kundencenter Bremervörde
Marktstr. 20, - rückwärtiger Eingang –, Bremervörde

 

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vom 15.04.2016

„Auf die Türkei angewiesen“

Vortrag von Diplom-Politologe Dr. Heinrich Heiter über die „Türkei im Brennpunkt“ vieler Krisenherde

Von Theo Bick

Bremervörde. Das Flüchtlingsabkommen mit der Europäischen Union, die geographische Nähe zu den Konfliktherden in Syrien und im Irak und nun noch die zur „Staatsaffäre“ hochstilisierte Posse um Jan Böhmermann und den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan: Anhand dieser Konstellation garantiert ein Vortrag mit dem Titel „Die Türkei im Brennpunkt“ eine große Zuhörerschaft geradezu. Dementsprechend war der Veranstaltungsraum im Bremervörder Kundencenter der EWE am Mittwochabend bis auf den letzten Platz gefüllt, als der Diplom-Politologe Dr. Heinrich Heiter am Mittwoch auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) Sektion Elbe-Weser und des Verbandes der Reservisten an das Mikrofon trat.

Als „echten Fachmann“ stellte der über das große Interesse erfreute GSP Sektionsleiter Werner Hinrichs den Referenten (siehe Infokasten) vor. Der aus Helmstedt stammende Heiter sprach nach seinem ersten Besuch vor drei Jahren bereits zum zweiten Mal in Bremervörde.

In getrennte Themenblöcke gegliedert behandelte Heiter in seinem Vortrag die türkische Innenpolitik sowie das Verhältnis zur EU, zum IS sowie zu den Kurden. Einen die einzelnen Blöcke verbindenden „roten Faden“ ließ Heiter bei seinen sehr detaillierten Ausführungen jedoch weitestgehend vermissen und damit manchen Zuhörer offenkundig etwas enttäuscht zurück. Auch die Tatsache, dass Heiter den geplanten Themenblock über das türkische Verhältnis zu Russland aus Zeitgründen nicht mehr vortrug, darf als Beleg dafür gewertet werden, dass sich der Politologe zwischenzeitlich bei den an und für sich spannenden Aspekten zu sehr in den Details verzettelte.

Nicht durchweg negativ

Das Interesse der Zuhörer an seinem Vortrag wertete Heiter dahingehend, dass sich diese vorab bereits gewisse Vorkenntnisse und Einstellungen bezüglich des Themas Türkei angeeignet haben müssten. „Ich will Ihnen nicht die Positionen nehmen, aber vielleicht dazu anregen, diese zu hinterfragen“, sagte Heiter. Die Bereitschaft, Informationen zu hinterfragen und eigene Positionen aus einer anderen Perspektive zu betrachten, legte der Referent seinen Zuhörern besonders ans Herz.

Denn, so Heiter, er sei nicht gekommen, um eine einheitliche, durchgängige Kritik an der Türkei zu präsentieren. Es gäbe zwar einiges zu kritisieren, betonte Heiter. Dennoch seien einige Aspekte und Taten der türkischen Regierung durchaus in einem anderen, zum Teil positiven Licht zu sehen. So habe das Land etwa eine gewaltige Zahl an Flüchtlingen aufgenommen. Und auch das Bild vom Konflikt mit den Kurden zeichnete Heiter nicht in Schwarz und Weiß.

Scharfe Kritik übte Heiter hingegen an den Maßnahmen gegen die Pressefreiheit sowie am Präsidenten Erdogan. Diesem schwebe mit der angestrebten Verfassungsänderung künftig vermutlich die „Putin-Rolle“ vor, sagte der Helmstedter.

Türkei hat Schlüsselrolle inne

Besonders interessiert war das Publikum allerdings an der Beziehung der Türkei zu Deutschland und dem Rest der EU. Gerade in der Flüchtlingspolitik habe die Türkei eine zentrale Rolle inne, und nutze diese auch, so der Experte. „Wir sind auf diese Türkei angewiesen“, stellte Heiter klar. Für die Realpolitik bedeute das eine „Gratwanderung zwischen Erpressbarkeit und dem Festhalten an Prinzipien und Werten, die wir nicht aufgeben können“, sagte Heiter, der auch auf das Flüchtlingsabkommen einging.

Stoppe die Türkei Überfahrten in die EU nachhaltig, greife ein „Freiwilliges Humanitäres Aufnahmesystem“ für Flüchtlinge seitens der EU, erläuterte der Referent.

„Die Europäer werden Hunderttausende ausfliegen müssen. Wo haben Sie das in dieser Ausführlichkeit gelesen?“, fragte Heiter, der seine Antwort („nirgendwo!“) gleich mitlieferte. Das sei auch kein Wunder, schließlich könne aktuell ohnehin niemand beantworten, „wie das gehen soll“, so der Referent, der die Bereitschaft der meisten EU-Staaten zur freiwilligen Flüchtlingsaufnahme bezweifelte.

Thematisiert wurde auch die „türkische Urangst“ (Heiter) vor einem autonomen, kurdischen Staatsgebiet. Die Türkei habe im IS schlicht ein Instrument gesehen, dass sich mit den Kurden auseinandersetzt, „Nichts konnte der Türkei lieber sein“, so die These Heiters über die Affinität der Türkei zum IS. „Eine weitgehende Zusammenarbeit hat es definitiv gegeben“, so die Einschätzung des Referenten.

Dem rund 100-minütigen Vortrag schloss sich eine ausführliche Diskussionsrunde an.

 
Lesen Sie auch den Bericht des Bremervörder Anzeigers vom 20.04.2016 ...
 
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