Nachschau - Veranstaltung am 15.10.2014

 

Ein unfreiwilliges Leben in der DDR

Stasi-Agentensohn Thomas Raufeisen erzählte Gymnasiasten seine Lebensgeschichte

Von Aranka Szabó
Thomas Raufeisen erzählte vor Schülern des Beruflichen Gymnasiums Bremervörde seine Lebensgeschichte- Foto: asz

Bremervörde. Es ist eine unglaubliche, aber wahre Geschichte, die der Berliner Thomas Raufeisen rund 80 Zuhörern im EWE Kundencenter und tags darauf Schülern der 12. Klasse im Beruflichen Gymnasium Bremervörde erzählte. Auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik kam Thomas Raufeisen in die Ostestadt.

Thomas Raufeisen ist Besucherreferent in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Diese kennt er aus seiner Jugend, wo er als Sohn eines Stasi-Spions inhaftiert war. Seine unglaubliche Geschichte erzählte er in Bremervörde zuerst im EWE-Kundencenter und las dabei auch Passagen aus seinem Buch „Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei“. Zwei der Zuhörer outeten im sich anschließenden Gespräch, ebenfalls ehemalige Häftlinge der DDR gewesen zu sein. Sie wurden wegen dem Verteilen von Flugblättern und versuchter Republikflucht zu mehrjährigen Haftstrafen verurteilt. Im Anschluss an den Vortrag verbrachten die drei Männer, die sich zuvor noch nie begegnet waren, den Abend zusammen und tauschten sich über ihre Erfahrungen aus.

Am nächsten Vormittag besuchte Raufeisen das Berufliche Gymnasium in Bremervörde und erzählte dort seine Geschichte. Bei den Schülern, die heute im gleichen Alter sind wie Raufeisen damals, als seine ungewöhnliche und tragische Geschichte begann, löste die Erzählung Betroffenheit aus.

Bei den Schülern lösten Raufeisens Erzählungungen Betroffenheit aus - Foto: asz

Bis zu seinem 16. Lebensjahr lief das Leben für Thomas Raufeisen normal. Der Hannoveraner Gymnasiast plante, nach seinem Abitur zu studieren. Mit seinen Eltern, der Vater war Geograph, und seinem 18-jährigen Bruder führte er ein ganz normales Leben. Die DDR kannte er von Besuchen bei seinen Großeltern, Tanten und Onkeln.

Am 22. Januar 1979 änderte sich schlagartig alles. Es fing mit dem Schulbesuch als ganz normaler Tag für den 16-jährigen an. Doch wunderte er sich, dass sein Vater mittags zu Hause war. „Großvater geht es nicht gut“, sagte dieser. „Wir müssen da hin.“ Normalerweise dauerten die Formalitäten zur Einreise hinter den „schwarzen Vorhang“ sechs bis acht Wochen. Sein Vater Armin wollte die Einreise von Westberlin aus „schneller regeln“. Die ganze Familie fuhr im neuen Audi 100 los. - Berlin erreichten sie nicht.

Kurz davor fuhr sein Vater an der Transitstrecke auf die Raststätte Michelsdorf. Dort traf er sich mit unbekannten Männern. „Wir sollen ihnen folgen“, sagte Armin zu seiner Familie Minuten später. Thomas Raufeisens Mutter war das unheimlich. „Das kommt mir komisch vor. Fahr nach Berlin“, sagte sie. Doch ging das nicht. „Die haben unsere Pässe.“ Die Mutter wusste seit einigen Jahren, dass ihr Mann DDR-Spion war. Als Spion aufzuhören, ließ die Stasi nicht zu.

Die Fahrt endete in einer Villa, wo sie übernachten sollten. Am nächsten Morgen erklärte der Vater: „Ich muss Euch die Wahrheit sagen. Ich habe für die DDR gearbeitet.“ Da er kurz vor seiner Enttarnung stand, sah er nur die Flucht in die DDR als einzige Lösung. „Das Wort Stasi-Spitzel nahm mein Vater nicht in den Mund“, erinnert sich Thomas über den Morgen. „Willy“, ein Stasi-Mitarbeiter, machte ihm deutlich: „Hannover wirst du niemals mehr wiedersehen, es sei denn, es ist sozialistisch“. - „Mein Leben, meine Ziele, meine Heimat waren zerbrochen“, wurde Thomas klar. Und auch: das Vertrauen zum Vater.

Die Eltern unterschrieben unwissentlich einen Antrag auf Einbürgerung in die DDR. Damit wurde auch Thomas automatisch zum DDR-Bürger, nicht wissend, dass die DDR-Gesetze es vorschrieben, dass er dem hätte zustimmen müssen. Sein Vater, der mittlerweile erkannt hatte, was er da unterschrieben hat, warnte den älteren Bruder: „Unterschreibe nichts!“ - Dadurch konnte der ältere Bruder im Dezember wieder in die Bundesrepublik zurück.

Trotz Vorzugsbehandlung mit Besuch des besten Gymnasiums der DDR in Berlin, lebte sich Thomas nicht ein. „Ich wurde als Außenseiter behandelt und wusste auch nicht, wem ich Vertrauen kann.“ Diskussionen gab es im Unterricht nicht. Die morgendliche Begrüßung des Lehrers verlief militärisch. Im Sportunterricht wurde nicht mit Kugel gestoßen, sondern mit Handgranaten geworfen. Raufeisen brach die Schule ab und bekam seine Wunsch-Lehrstelle zum KFZ-Mechaniker. In der Zwischenzeit waren die Möbel aus Hannover eingetroffen. Die Stasi brauchte einige Zeit, um eine Wohnung zu finden, in die sie alle reinpassten. Fündig wurden sie in einem Hochhaus, nahe der Mauer. Vom Balkon aus konnte Thomas hinüber nach Kreuzberg, in die Freiheit, sehen. „Das war Folter.“

Thomas Raufeisen ist heute Besucherreferent in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen - Foto: asz

„Mein Vater merkte nach einem halben Jahr, was für ein Mist er gebaut hatte“, erzählte Raufeisen den aufmerksam zuhörenden Bremervörder Schülern, und wurde „zum Gegner der Staatsmacht“. Über den Bruder im Westen versuchte die Familie, Kontakte zur deutschen Botschaft in Ungarn zu bekommen. Vergeblich. Der Vater nahm Verbindungen zur CIA auf, doch kamen sie nicht zum letzten Treffen vor der geplanten Flucht. - Die Stasi bekam die Bemühungen der Familie mit.

Am 12. September 1981 wurden seine Eltern, die gerade eine Fluchtmöglichkeit an der Ostsee prüften, festgenommen, und parallel dazu Thomas in der elterlichen Wohnung verhaftet.

13 Stunden dauerte das erste Verhör von Thomas, noch am selben Abend. Die Familie wurde getrennt in die Untersuchungshaftanstalt der Stasi und heutige Gedenkstätte in Berlin-Hohenschönhausen gebracht. „Alles brach für mich zusammen“, so Thomas. Viermal sah er in den kommenden 14 Monaten für je 30 Minuten seine Eltern.

Das Urteil, laut der Stasi-Akte, war schon Monate vor der Gerichtsverhandlung vom damaligen Stasi-Chef Erich Mielke unterschrieben worden.

Thomas wurde zu drei Jahren Gefängnis wegen landesverräterischer Agententätigkeit und ungesetzlichen Grenzüberübertritts verurteilt. Dazu reichten der Kontakt zum Bruder und der Besuch der westdeutschen Botschaft in Ungarn. Seine Mutter wurde zusätzlich wegen Spionage verurteilt. Sie erhielt 7 Jahre, sein Vater lebenslänglich. Alle kamen in das berüchtigte Gefängnis Bautzen II.

Thomas saß seine Strafe ab und durfte danach in den Westen ausreisen. Seine Mutter musste nach den sieben Jahren noch bis 1989 in der DDR ausharren. Sein Vater starb während einer Gallenblasenoperation im Gefängniskrankenhaus. Angeblich an einer Lungenembolie.

Thomas Raufeisen arbeitet heute als Besucherreferent in der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen. Er hat seine Geschichte in dem Buch „Der Tag, an dem uns Vater erzählte, dass er ein DDR-Spion sei“ aufgeschrieben.

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