Nachschau - Veranstaltungen am 16. und 17.05.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Das Ende der Tragödie von Aleppo.
Wie geht es weiter im Nahen Osten?

 
Referent:

Dr. Kinan Jaeger

Politologe, Islamwissenschaftler und
Lehrbeauftragter an der Universität Bonn
 

Öffentlicher Vortrag

am Dienstag, 16. Mai 2017, 19.00 Uhr

im EWE - Kundencenter Bremervörde
Marktstr. 20 - rückwärtiger Eingang

 
 

Schülerveranstaltung

am Mittwoch, 17. Mai 2017, 19.00 Uhr

im Gymnasium Bremervörde

 

*****

 
vom 22.05.2017

„Wie ein wirres Wollknäuel“

Bremervörde. Bereits seit 2011 dauert der Krieg in Syrien an. Was mit der Forderung der Opposition an Machthaber Baschar al-Assad nach mehr Demokratie begann, ist längst zu einem Stellvertreterkrieg mit unterschiedlichen Interessengruppen geworden: der Präsident mit den Verbündeten aus Russland und der Hisbollah-Miliz des Iran, das internationale Bündnis unter USA-Führung, die sunnitische Terrorgruppe „Islamischer Staat“. Unter dem Titel „Das Ende der Tragödie von Aleppo. Wie geht es weiter im Nahen Osten?“ hat sich am vergangenen Dienstag im EWE-Kundencenter in Bremervörde der Politologe und Universitäts-Dozent Dr. Kinan Jaeger aus Bonn mit dem Thema befasst.

Dr. Jaeger referierte auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), Sektion Elbe-Weser, über die Hintergründe des Krieges in Syrien und mögliche Lösungswege zu dessen Beendigung. Selber Mitte der 1960er Jahre als Sohn syrisch-deutscher Eltern in Damaskus geboren, ist Jaeger heute Angehöriger von etwas, das man als Patchwork-Familie bezeichnen könnte, die in seinem Fall sowohl in Deutschland als auch in Syrien beheimatet ist.

Der Islam-Wissenschaftler erlebt daher auf selbstverständliche Weise sowohl eine westliche als auch eine orientalische Kultur, jede mit ihren Besonderheiten. Als sich zu Beginn seines Vortrages herausstellte, dass auch junge Gäste aus Syrien, nämlich aus Damaskus und eben auch Aleppo, unter den rund 50 Zuhörern befanden, entstand schnell eine Verbindung zwischen dem Referenten und seinem Publikum. Dr. Jaeger versprach, mit seinem Vortrag zur Diskussion anregen zu wollen und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: „nötigenfalls auch durch einige provokante Äußerungen!“.

Zu Beginn stellte er fest, dass Aleppo aktuell wegen anderer Konflikte, beispielsweise um Nord-Korea, aus dem Fokus des medialen Interesses geraten sei. Dennoch gingen dort die blutigen Kämpfe weiter. Für denjenigen, der sich informieren wolle, bestehe dazu mannigfaltige Gelegenheit. „Russia TV bietet seine Nachrichten auch auf Deutsch an“, lud Dr. Jaeger die Zuhörer ein, auch einmal eine andere Sichtweise auf die Dinge einzunehmen. Das könne für ein Verständnis der Motive der Konfliktparteien trotzt aller Skepsis durchaus hilfreich sein.

Dabei warnte Dr. Jaeger jedoch davor, sich zu leichtfertig von unkommentierten Bildern oder plakativer Stimmungsmache gefangen nehmen zu lassen. Es seien viele – durchaus legitime – Interessen im Spiel. Dies unterstrich der Uni-Dozent mit einer Grafik, die die politischen Beziehungen im Mittleren Osten veranschaulichte: Syrien, Türkei, USA, Russland, Libanon, Hisbollah, Kurden in der Türkei, Kurden in Syrien – die Liste ist lang, und man fühle sich an ein Wohlknäuel erinnert, das zu lösen jeden vor eine übermenschliche Herausforderung stelle.

„Im weiteren Sinne resultiert der syrische Bürgerkrieg aus nicht gelösten Problemen des Ersten Weltkrieges“, pflichtete Dr. Jaeger einer entsprechenden Frage aus dem Plenum bei. Noch vor sieben Jahren sei Syrien ein Land gewesen, in dem sozialer und religiöser Frieden herrschte, unter dessen Oberfläche es jedoch brodelte. Und so hätten die anfangs harmlosen Demonstrationen für mehr Mitspracherechte, beflügelt durch den Arabischen Frühling in den Maghreb-Staaten, zu dem eskalieren können, dessen wir heute Zeuge werden.

„Warum Aleppo, warum versagt die UNO?“, fragte Dr. Jager in die Runde und lieferte dazu gleich die Antwort: Diese Stadt sei die zentrale Wirtschaftsmetropole in Syrien. Wer diese beherrsche, habe einen signifikanten strategischen Vorteil im Kampf um Syrien, und Syrien wiederum bedeute Kontrolle über Pipeline-Systeme und Zugang zum Mittelmeer. Darin lägen vor allem die Interessen Russlands, neben der Absicht, weiter einen politischen Verbündeten in der Region zu halten.

„Russland kämpft für das Regime Assad, nicht für die Person!“, betonte Dr. Jaeger und wandte anschließend den Blick in eine andere Richtung: China. Das „Reich der Mitte“ bringe sich nach Firmenzukäufen nun mit der Seidenstraßen-Initiative als Partner für potentielle Nachfolgestaaten eines zerfallenen Syriens in Stellung. Etwas, das Russland unbedingt verhindern wolle, um seine Bedeutung als Energielieferant nicht zu verlieren.

Auf der anderen Seite sei die Rolle der USA zweifelhafter denn je. Die Absicht Obamas, das Engagement der Vereinigten Staaten in Syrien zu reduzieren, führe zu noch größerer Unsicherheit. Gleichzeitig würden sich Russland, die Türkei und der Iran unter Ausschluss des Westens als treibende Kräfte mit der Absicht empfehlen, durch befriedete Zonen eine politische Lösung zu finden. Als wäre diese nicht schon schwer genug zu erreichen, bedrohe auch noch der Terror des so genannten Islamischen Staates das Leben der Menschen und die Hoffnung auf Frieden.

Der Erfolg des IS bei der Rekrutierung neuer Krieger, so Dr. Jaeger, liege darin begründet, dass er den Menschen das biete, was sich jeder wünsche: eine Zukunft. So habe er lange Zeit einen dreimal so hohen Sold bezahlt wie Assads Armee. Gerade für benachteiligte Minderheiten sei dies verlockend interessant gewesen. Dr. Jager: „Die Alternative besteht darin, die Heimat fluchtartig zu verlassen, meist mit der Zuversicht, nach einem Jahr wieder nach Hause zurückkehren zu können.“ Ein Vertrauen, das allzu tragisch enttäuscht worden sei und in Massenlagern geendet habe, deren Infrastruktur jeder Beschreibung spotte.

Mit der Frage „Was ist zu tun?“ leitete Dr. Jaeger eine Blaupause für einen Wiederaufbau ein, der nur von der eigenen Bevölkerung geleistet werden könne. Davon sei diese aber noch weit entfernt und bedürfe daher jeder Unterstützung. „Ein Euro in Deutschland, für die Bewältigung der Flüchtlingsströme eingesetzt, ist 20 Euro in den Herkunftsländern wert“, machte der Politiloge die ökonomischen Relationen deutlich.

„Wir in Europa“ hätten ein großes Interesse an Frieden unserer Nachbarn im Mittelmeerraum. „Notwendig sind Verbesserungen der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebensverhältnisse in der Region“, umriss der Referent den Rahmen für eine Beendigung des Konflikts. Die Chancen dazu seien durchaus gegeben. Mit der Einsicht „die syrische Gesellschaft ist jung, flexibel und wandlungsfähig!“, warb Dr. Jaeger unter anderem für den Plan „Cash for work“ des Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung, Dr. Gerd Müller.

Die „Offiziellen“ freuten sich, dass auch Flüchtlinge aus Syrien der Einladung zum Vortragsabend folgten: Ahmad Aboujib (von links), Werner Hinrichs (GSP), Hevine Jolaq, Kasem Alzuabi, Referent Dr. Kinan Jaeger und Axel Loos (GSP). - Foto: GSP

Diese Idee sieht vor, Flüchtlinge in Deutschland beruflich zu qualifizieren, um anschließend in ihrem Heimatland Aufbauarbeit leisten zu können. Arbeit zu haben bedeute nicht nur Broterwerb: „Wer Arbeit hat, kann auch eine Familie gründen, und die Familie hat einen lebenswichtigen Stellenwert in der arabischen Gesellschaft“, ließ Dr. Jaeger die Zuhörer an der eigenen Geschichte teilhaben. Als Felder böten sich Energiegewinnung aus der Sonne und vor allem der Tourismus an. Erfahrungen hätten gezeigt, dass die Regionen, die von ausländischen Besuchern lebten, kaum Sympathien für die Propaganda des IS zeigten. Daran knüpfe Bildung als weiteres zentrales Feld des Wiederaufbaus an.

„Tatsache ist, die islamische Welt ist aufgewühlt!“, fasste Dr. Jaeger das Seelenleben einer gesamten Gesellschaft zusammen. Von einem einst führenden Weltreich sei nach heutigen westlichen Maßstäben nicht viel übrig geblieben. Da böten sich der „Griff in die Verschwörungskiste“ (Dr. Jaeger) und das Beklagen vorenthaltener Entfaltungsmöglichkeiten als Ablenkung von eigenen Versäumnissen an. Bildung entfalte in diesem Zusammenhang eine aufklärende und quasi immunisierende Wirkung.

Dr. Jaeger machte bei seiner Vorstellung einer Befriedung Syriens und eines wirtschaftlichen Wiederaufbaus aber deutlich, dass eine Erfolgsaussicht am ehesten dann bestehe, wenn man Abschied von der Idee einer möglichst schnellen Demokratisierung nehme. „Man muss auch mit Diktatoren sprechen, wenn man vor Ort wirklich etwas für die Menschen erreichen will!“, ist seine Überzeugung. Und wenn Westeuropa auch in Zukunft „Frieden in Wohlstand“ genießen wolle, müsse es seine Aufmerksamkeit noch mehr auch auf Afrika lenken.

Am Mittwoch referierte Dr. Kinan Jaeger zum gleichen Thema vor den Politikklassen der Oberstufe der Berufsbildende Schulen Bremervörde. Über 100 Schüler erlebten einen motivierten Referenten, der mit seinem spannenden Vortrag mit hochinteressanten Informationen ein äußerst aufmerksames Schülerpublikum erreichen konnte.

 
Nach oben Zurück