Nachschau - Veranstaltungen am 16. und 17.05.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Das Ende der Tragödie von Aleppo.
Wie geht es weiter im Nahen Osten?

 
Referent:

Dr. Kinan Jaeger

Politologe, Islamwissenschaftler und
Lehrbeauftragter an der Universität Bonn
 

Öffentlicher Vortrag

am Dienstag, 16. Mai 2017, 19.00 Uhr

im EWE - Kundencenter Bremervörde
Marktstr. 20 - rückwärtiger Eingang

 
 

Schülerveranstaltung

am Mittwoch, 17. Mai 2017, 19.00 Uhr

im Gymnasium Bremervörde

 

*****

 
Bericht der Sektion Elbe-Weser

Das Ende der Tragödie von Aleppo

Öffentlicher Vortrag und Schülerveranstaltung zur Lage in Nahost

Von Axel Loos
Die „Offiziellen“ freuten sich, dass auch Flüchtlinge aus Syrien der Einladung zum Vortragsabend folgten: Ahmad Aboujib (von links), Werner Hinrichs (GSP), Hevine Jolaq, Kasem Alzuabi, Referent Dr. Kinan Jaeger und Axel Loos (GSP). - Foto: GSP

Am Dienstag, den 16. Mai 2017, referierte auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik der Politologe, Islamwissenschaftler und Lehrbeauftragte an der Universität Bonn Dr. Kinan Jaeger über die Hintergründe des Krieges in Syrien und mögliche Lösungswege zu dessen Beendigung. In Damaskus Mitte der sechziger Jahre als Sohn syrisch-deutscher Eltern geboren, ist Jaeger heute Angehöriger von etwas, das man als Patchwork-Familie bezeichnen könnte, die in seinem Fall sowohl in Deutschland als auch in Syrien beheimatet ist. Er erlebt daher auf selbstverständliche Weise sowohl eine westliche als auch eine orientalische Kultur, jede mit ihren Besonderheiten. Als sich zu Beginn seines Vortrages zeigte, dass auch junge Gäste aus Syrien, nämlich aus Damaskus und eben auch Aleppo, unter den ca. fünfzig Zuhörern befanden, entstand schnell eine Verbindung zwischen dem Referenten und dem Publikum.

Dr. Jaeger versprach, mit seinem Vortrag zur Diskussion anregen zu wollen und fügte mit einem Augenzwinkern hinzu: „nötigenfalls auch durch einige provokante Äußerungen!“. Zu Beginn stellte er fest, dass Aleppo aktuell wegen anderer Konflikte, beispielsweise um Nord-Korea, aus dem Fokus des medialen Interesses geraten sei. Dennoch gingen dort die blutigen Kämpfe weiter. Für denjenigen, der sich informieren wolle, bestehe dazu mannigfaltige Gelegenheit. „Russia TV bietet seine Nachrichten auch auf Deutsch an“ lud Dr. Jaeger die Zuhörer ein, auch einmal eine andere Sichtweise auf die Dinge zu nehmen, was für ein Verständnis der Motive der Konfliktparteien trotzt aller Skepsis durchaus hilfreich sein könne. Dabei warnte Dr. Jaeger davor, sich zu leichtfertig von unkommentierten Bildern oder plakativer Stimmungsmache gefangen nehmen zu lassen. Es seien viele – durchaus legitime – Interessen im Spiel. Dies wurde gerade dann deutlich, als Dr. Jaeger eine Grafik vorstellte, die die politischen Beziehungen im Mittleren Osten veranschaulichte: Syrien, Türkei, USA, Rußland, Libanon, Hisbollah, Kurden in der Türkei, Kurden in Syrien... die Liste ist lang, und man fühlte sich an ein Wohlknäuel erinnert, das zu lösen jeden vor eine übermenschliche Herausforderung stellt. „Im weiteren Sinne resultiert der syrische Bürgerkrieg aus nicht gelösten Problemen des Ersten Weltkrieges“ pflichtete Dr. Jaeger einer entsprechenden Frage aus dem Plenum bei. Noch vor sieben Jahren war Syrien ein Land, in dem sozialer und religiöser Frieden herrschte, unter dessen Oberfläche es jedoch brodelte. Und so konnten die anfangs harmlosen Demonstrationen für mehr Mitspracherechte, beflügelt durch den Arabischen Frühling in den Maghreb-Staaten, zu dem eskalieren, dessen wir heute Zeuge werden. „Warum Aleppo, warum versagt die UNO?“ fragt Dr. Jager in die Runde und lieferte dazu auch gleich die Antwort: diese Stadt sei die zentrale Wirtschaftsmetropole in Syrien. Wer diese beherrsche, hat einen signifikanten strategischen Vorteil im Kampf um Syrien, und Syrien wiederum bedeutet Kontrolle über Pipeline-Systeme und Zugang zum Mittelmeer. Hier liegen vor allem die Interessen Russlands, neben der Absicht, weiter einen politischen Verbündeten in der Region zu halten. „Russland kämpft für das Regime Assad, nicht für die Person!“ klärte Dr. Jaeger auf und wandte dann den Blick in eine andere Richtung: China. Dieses bringe sich nach Firmenzukäufen nun mit der Seidenstraßen-Initiative - wir erinnern uns an den jüngsten Vortrag von Dr. Schiek zu Zentralasien – als Partner für potentielle Nachfolgestaaten eines zerfallenen Syriens in Stellung. Etwas, das Rußland unbedingt verhindern wolle, um seine Bedeutung als Energielieferant nicht zu verlieren. Auf der anderen Seite sei die Rolle der USA zweifelhafter denn je. Die Absicht Obamas, das Engagement der Vereinigten Staaten in Syrien zu reduzieren, führe zu noch größerer Unsicherheit. Gleichzeitig empfehlen sich Rußland, Türkei und der Iran unter Ausschluss des Westens mit der Absicht, befriedete Zonen einrichten zu wollen, als treibende Kräfte für eine politische Lösung. Als wäre diese nicht schon schwer genug zu erreichen, bedroht auch noch der Terror des sogenannten Islamischen Staates das Leben der Menschen und die Hoffnung auf Frieden. Der Erfolg des IS bei der Rekrutierung neuer Krieger liege einfach darin begründet, dass er den Menschen das bietet, was sich jeder wünscht: eine Zukunft. So bezahlte er lange Zeit einen dreimal so hohen Sold wie Assads Armee. Gerade für benachteiligte Minderheiten war dies verlockend interessant. Die Alternative bestehe darin, die Heimat fluchtartig zu verlassen, meist mit der Zuversicht, nach einem Jahr wieder nach Hause zurückkehren zu können. Ein Vertrauen, das allzu tragisch enttäuscht wurde und in Massenlagern endete, deren Infrastruktur jeder Beschreibung spottet.

Referent Dr. Kinan Jaeger im Gespräch mit den syrischen Vortragsgästen - Foto: GSP

Mit der Frage „Was ist zu tun?“ leitete Dr. Jaeger eine Blaupause für einen Wiederaufbau ein, der nur von der eigenen Bevölkerung geleistet werden kann. Davon sei sie aber noch weit entfernt und bedarf daher jeder Unterstützung. „Ein Euro in Deutschland für die Bewältigung der Flüchtlingsströme eingesetzt ist 20 Euro in den Herkunftsländern wert“ machte Dr. Jaeger die ökonomischen Relationen deutlich. Wir in Europa haben ein großes Interesse an Frieden unserer Nachbarn im Mittelmeerraum. „Notwendig sind Verbesserungen der politischen, wirtschaftlichen und sozialen Lebensverhältnisse in der Region“ umriss der Referent den Rahmen für eine Beendigung des Konflikts. Die Chancen dazu sind gegeben. Mit der Einsicht „die syrische Gesellschaft ist jung, flexibel und wandlungsfähig!“ warb Dr. Jaeger unter anderem für den Plan „Cash for work“ des Bundesministers für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Dr. Gerd Müller. Diese Idee sieht vor, Flüchtlinge in Deutschland beruflich zu qualifizieren, um anschließend in ihrem Heimatland Aufbauarbeit leisten zu können. Arbeit zu haben bedeutet, nicht nur Broterwerb: „wer Arbeit hat, kann auch eine Familie gründen, und die Familie hat einen lebenswichtigen Stellenwert in der arabischen Gesellschaft“ lässt Dr. Jaeger die Zuhörer an der eigenen Geschichte teilhaben. Als Felder böten sich Energiegewinnung aus der Sonne und vor allem der Tourismus an. Erfahrungen zeigen, dass die Regionen, die von ausländischen Besuchern leben, kaum Sympathien für die Propaganda des IS zeigen. Daran knüpft Bildung als weiteres zentrales Feld des Wiederaufbaus an. „Tatsache ist, die islamische Welt ist aufgewühlt!“ fasst Dr. Jaeger das Seelenleben einer gesamten Gesellschaft zusammen. Von einem einst führenden Weltreich sei nach heutigen, westlichen Maßstäben nicht viel übrig geblieben. Da bietet sich der „Griff in die Verschwörungskiste“ (Dr. Jaeger) und dem Beklagen vorenthaltener Entfaltungsmöglichkeiten als Ablenkung von eigenen Versäumnissen an. Bildung entfalte hier eine aufklärende und quasi immunisierende Wirkung.

Dr. Kinan Jaeger vor rund 100 Schülern der Berufsbildenden Schulen Bremervörde. - Foto: GSP

Dr. Jaeger machte bei seiner Vorstellung einer Befriedung Syriens und eines wirtschaftlichen Wiederaufbaus aber deutlich, dass eine Erfolgsaussicht am ehesten dann bestehe, wenn man Abschied von der Idee einer möglichst schnellen Demokratisierung nehme. „Man muss auch mit Diktatoren sprechen, wenn man vor Ort wirklich etwas für die Menschen erreichen will!“ brachte es der Referent auf den Punkt und lenkte die Aufmerksamkeit der Zuhörer auf einen anderen Kontinent, der ebenfalls dringend unserer Beachtung bedarf, wollen wir auch in Zukunft Frieden in Wohlstand: Afrika. Am Folgetag referierte Dr. Jaeger zum gleichen Thema vor den Politikklassen der Oberstufe der Berufsbildende Schulen Bremervörde. Über 100 Schüler erlebten einen motivierten Referenten, der mit seinem spannenden Vortrag mit hochinteressanten Informationen ein äußerst aufmerksames Schülerpublikum erreichen konnte.

 
Nach oben Zurück