Nachschau - Veranstaltung am 18.02.2016

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Kann man den Medien noch vertrauen?
Ein Plädoyer für Qualitätsjournalismus

Referentin:

Gemma Pörzgen

Journalistin
 

Öffentliche Veranstaltung

 

am Donnerstag, 18. Februar 2016, 19:00 Uhr

im EWE – Kundencenter
Marktstr. 20, Bremervörde
(rückwärtiger Eingang)

 

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Schülerveranstaltung

 

am Freitag, 19. Februar 2016

im Gymnasium Bremervörde
Tetjus-Tügel-Straße 9, 27432 Bremervörde

 

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vom 24.02.2016

Trend: Meinungs- und Qualitätsjournalismus

Gemma Pörzgen fragt: Wie glaubwürdig sind die Medien?

Von Aranka Szabó

Bremervörde. „Kann man den Medien noch vertrauen?“ Die Journalistin Gemma Pörzgen gab auf diese Frage eine differenzierte Antwort beim Vortragsabend der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) und des Deutschen Reservistenverbandes im EWE-Kundencenter.

Auf der Vortragsveranstaltung der GSP verteidigte die Journalistin und Südostexpertin Gemma Pörzgen die Berichterstattung deutscher Medien. „Anders als in den meisten Ländern dieser Welt, verfügen wir über freie, unabhängige Medien und Journalisten“, und erklärte: „Ich glaube an unseren Beruf und reagiere auf Diffamierungen mit Unverständnis.“ Trotzdem machte sie auch einige Kritikpunkte an den deutschen Medien aus.

Pörzgen zitierte den Medienexperten Stefan Niggemeier, der schrieb, dass aus Politikverdrossenheit bei vielen Menschen Politikverachtung und aus Journalistenverdrossenheit Journalistenverachtung geworden sei. Der aus der Nazi-Zeit stammende Begriff „Lügenpresse“, verdeutlichte das. 44 Prozent von 1.000 Befragten zweifelten an einer unabhängigen Presse.

Die Journalistin versuchte, Antworten auf dieses Phänomen zu finden. Mit der Berichterstattung über die Ukraine- Krise stieg Zahl der Leserbriefe und Proteste an, erinnerte sie sich. Besonders in den sozialen Medien. „Heute wissen wir, dass dafür teilweise in den sozialen Medien bezahlte Trolle verantwortlich waren, deren Aufgabe darin lag, Debatten zuzuspitzen und ordentlich anzuheizen.“ Trolle oder „Störer“ könnten auch Mitbürger sein, die ihren negativen Gefühlen freien Lauf ließen. Doch Recherchen von russischen Kollegen bewiesen, dass es, am Beispiel der Ukraine, russische „Trollfabriken“ gab, deren Aufgabe es war, in ausländischen Medien die angeblich anti-russische Berichterstattung zu kritisieren.

Aber auch die Medien selbst seien nicht ganz unschuldig an dieser Entwicklung. Als sich etwa beim Germanwings-Absturz die Medien unter anderem mit Sondersendungen, Live-Schaltungen und Talk-Shows überschlugen, obwohl es noch kaum gesicherte Informationen gab. Pörzgen, die auch Vorstandsmitglied von Reporter ohne Grenzen ist, zitierte den Kollegen Peter Lange (Deutschlandradio), der von einem „Irrweg der digitalen Mediengesellschaft“ sprach.

Wie auch der ARD-Journalist Jochen Graebert (siehe Anzeigerbericht) vor einigen Wochen, kritisierte auch Pörzgen das zunehmende Fokussieren der Medien auf ein Großthema (Ukrainekrise, Griechenlandkrise, Finanzkrise und Flüchtlingskrise) als ob es nicht auch andere weltpolitische Ereignisse zur gleichen Zeit gäbe. „Aus meiner Sicht“, so die Journalistin, „sorgt das beim Mediennutzer verstärkt für Unsicherheit und Irritation.“ Dieser „Overkill“ verdränge andere Ereignisse, die dann auf einmal, wenn sie an Bedeutung zunehmen, wie aus dem Nichts kämen.

Außerdem setze sich ein Mainstream bei der Berichterstattung durch, bei dem manche Themen tabuisiert und auf politische Korrektheit wert gelegt werde. Wie etwa bei Berichten über gut integrierte Migranten, ohne dabei auch Negativ-Beispiele zu nennen. Die Medien machten mit bei der Polarisierung der Politik. Dabei seien Journalisten nicht nur „Wächter der Sprache“, sondern trügen eine große Verantwortung als „Moderatoren öffentlicher Debatten“. Als Beispiel nannte sie die einseitige Darstellung über die Haltung osteuropäischer Staaten zu Flüchtlingsfrage.

„Meinungsjournalismus“ sei auch deshalb Mode, weil in den Redaktionen Geld gespart werde, Journalisten häufig nicht mehr ihren Schreibtisch verlassen würden und Recherche ausschließlich über das Internet stattfinde, statt sich vor Ort ein eigenes Bild über die Lage zu machen. „Dabei sollte gerade für die Auslandsberichterstattung gelten, dass man nicht alles durch die nationale Bille sieht, sondern unterschiedliche Sichtweisen und Gefühlslagen erläutern.“ Aber das Geld für Auslandsreisen sei knapp geworden und deshalb „Copy+paste“ an der Tagesordnung. Dadurch stünden auch immer die Krise in einem Land im Vordergrund und nicht mehr das Leben der Menschen. „Auslandsberichterstattung verkommt zur Krisenberichterstattung“, kritisierte sie.

Das beträfe nicht nur das Ausland, sondern auch die Berichterstattung in Deutschland selbst. Landeskorrespondenten statt Journalisten mit lokalen Kenntnissen berichteten heute - verursacht durch Einsparungen bei den Mitarbeiterzahlen. Der Wert von Informationen habe sich außerdem von der Qualität hin zum Unterhaltungswert verschoben. Hinzu käme das große Sterben der Tageszeitungen in Deutschland, wo zunehmend die lokale Konkurrenz fehle, teils sogar der Mantelteil nicht mehr vor Ort produziert, sondern angeliefert werde. Das Internet sorge für sinkende Abonnentenzahlen und Anzeigenkunden. Journalisten müssten häufiger crossmedial arbeiten, für das Internet und die Printausgabe schreiben. Auch das ginge zulasten der Qualität. Dabei könnten sie eine große Rolle als Lotsen spielen, in den immer größeren werdenden Verflechtungen in der globalen Welt.

Positiv bewertete die Journalistin den Trend, dass sich Journalisten zunehmend für eine bessere Fehlerkultur in den Medien stark machten und Fehler auch korrigieren.

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