Nachschau - Veranstaltung am 19.01.2016

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Schiiten, Sunniten, Alaviten -

die Konfliktparteien im
gegenwärtigen Krisenherd des Nahen Ostens

Referent:

Dr. Michael Többens M.A.

Religionswissenschaftler
 

am Dienstag, 19. Januar 2016, 19:00 Uhr

im EWE – Kundencenter
Marktstr. 20, Bremervörde
(rückwärtiger Eingang)

 

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vom 23.01.2016

Einblick in Konfliktparteien im Nahen Osten

EWE-Raum überfüllt: Religionswissenschaftler Dr. Michael Többens referiert auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik und Reservisten in Bremervörde

Von Stefan Algermissen
Dr. Michael Többens - Foto: Algermissen

Bremervörde. Bis auf den letzten Platz gefüllt war am Dienstag der Veranstaltungsraum im EWE-Kundencenter in Bremervörde. Die Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP), Sektion Bremervörde, und der Verband der Reservisten der Bundeswehr (VdRBw) im Kreis Rotenburg hatten zu einem hochaktuellen Vortrag geladen. Religionswissenschaftler Dr. Michael Többens ging unter dem Titel „Schiiten, Sunniten, Alawiten – die Konfliktparteien im gegenwärtigen Krisenherd des Nahen Ostens“ auch dem Ursprung des aktuellen Flüchtlingsstromes auf den Grund

„So etwas haben wir noch nicht erlebt“, räumte Werner Hinrichs von der Bremervörder GSP-Sektion ein. Mehr als 20 Interessierte wollten den Vortrag zwar hören, durften es jedoch nicht. Aus Sicherheitsgründen hatten die Veranstalter bei 100 Gästen einen Schlussstrich ziehen müssen und die Türen verschlossen. „Mehr Zuhörer lassen die Räumlichkeiten nicht zu“, bedauerte der ehemalige Oberstleutnant der Luftwaffe, der sich damit gleichzeitig sicher sein konnte, mit der Themenauswahl voll in Schwarze getroffen zu haben.

Mit Referent Dr. phil. Michael Többens konnte Hinrichs einen ehemaligen Kameraden vorstellen. Der 64-jährige Religionswissenschaftler diente bis 2005 als Berufssoldat bei der Bundeswehr. Der gebürtige Münsteraner war Pilot beim Heer, ehe er nach der Rückkehr ins Zivilleben im Jahr 2006 ein Studium der Religionswissenschaften an der Uni Hannover begann. 2014 beendete er seine Promotion mit einer Doktorarbeit zum Thema „Schleichende Islamisierung – Religionsfreiheit versus Religionsausübungsfreiheit in Europa“.

Többens stellte gleich zu Beginn klar, dass es DEN Islam ebenso wenig gäbe wie DAS Christentum. „In der christlichen Kirche gibt es Katholiken und Protestanten. Im Islam Sunniten, Schiiten oder beispielsweise Alawiten. Vergleichbar ist das aber nicht!“ Zur Erklärung blickte der Religionswissenschaftler auf die Zeit zurück, als Mohammed, der Religionsstifter des Islam, im Jahr 632 in Medina verstarb. Mohammed, der im Islam als Gottgesandter und Prophet gilt, dem mit dem Koran das Wort Gottes (Allahs) offenbart wurde, habe keinen Nachfolger bestimmt.

Aus der nach Mohammeds Tod unmittelbar ausbrechenden Auseinandersetzung über die Nachfolgefrage habe sich die geschichtlich und theologisch folgenschwere Spaltung der islamischen Gemeinschaft in mehrere Gruppierungen ergeben, unter denen als bedeutendste jene hervorgingen, die später als Sunniten und Schiiten bezeichnet wurden.

Mit dem Begriff Schiiten, erläuterte Többens, seien die Anhänger Alis gemeint, des Neffen und Schwiegersohns Mohammeds, die als Nachfolger eine Person aus der Familie gefordert hätten und daher „Shi’at ’Ali“ („Partei“ des ’Ali“) genannt wurden. Die sunnitische Mehrheit habe verlangt, dass eine Wahl unter den Prophetengefährten stattfinden solle. Die Schiiten hätten, und würden es noch heute tun, den Sunniten eine Fälschung des Korans vorgeworfen. Denn Mohammed, so die Überzeugung der Schiiten, habe in ihm festgehalten, dass sein Nachfolger aus seiner Familie stammen solle und mit Ali auch schon einen Nachfolger benannt. Diesen Abschnitt hätten die Sunniten aus dem Koran „getilgt“.

Die Schiiten seien in dieser Auseinandersetzung, die, wie Dr. Többens betonte, „kein religionspolitischer, sonderen ein reiner Machtkonflikt“ sei, kräfte- und zahlenmäßig weit unterlegen gewesen – und sie seien es noch heute. Gemeinsam seien allen Glaubensrichtungen die fünf „Säulen des Islam“: Glaubensbekenntnis (Schahada), Gebet (Salad), Almosensteuer (Zakat), Fasten im Ramadhan und das Pilgern nach Mekka.

Der Referent ging in der Folge auf die Abfolge der ersten Kalifen nach Mohammeds Tod ein: „’Ali konnte seinen Anspruch auf das Kalifat gegen die sunnitische Mehrheit zunächst nicht durchsetzen. Stattdessen wurde Mohemmeds enger Vertrauter und Heerführer Abu Bakr zum ersten Kalifen gewählt. Nach dessen natürlichem Tod im Jahr 634 folgten ’Umar (634-644) und ’Uthman (644-656), die ebenfalls zur sunnitischen Anhängerschaft gehörten.“

Erst 656 habe ’Ali als vierter Kalif für wenige Jahre die Macht erringen können. Nach dessen Ermordung sei die Führerschaft über die islamische Welt erneut an die Sunniten gefallen, die sie für viele Jahrhunderte lang erblich machten. Noch heute, schlug Többens den Bogen in die Gegenwart, bestehe der Konflikt zwischen Sunniten und Schiiten. Die Sunniten stellten heute mit gut 80 Prozent weltweit die Mehrheit der Muslime, die Schiiten eine Minderheit von knapp 20 Prozent.

Obwohl der Irak eine schiitische Bevölkerungsmehrheit hat, führte Többens aus, habe Saddam Hussein, selbst Sunnit, diese über Jahre brutal unterdrückt. Seit dem Zweiten Golfkrieg wollten die Schiiten das Gleiche mit den Sunniten machen. Das derzeit im Nahen Osten herrschende Chaos, deutete Többens an, sei auch durch Husseins Entmachtung durch die USA entstanden. Seit dem Umsturz 2003 fühlten sich die Sunniten an den Rand gedrängt. „Es war ein Fehler der USA, mit Jay Garner ausgerechnet einen General als ersten Übergangsverwalter einzusetzen. Als unter dessen Nachfolger Paul Bremer die irakische Armee und Husseins Baath-Partei aufgelöst wurden, gab es plötzlich 40 000 Arbeitslose.“ Eine „soziale Destabilisierung“ sei die Folge gewesen, so Többens. Außer im Irak lebten Schiiten heute vor allem in Syrien, dem Iran, dem Libanon, der Türkei, Afghanistan, Saudi-Arabien, den Golfländern, Indien und Pakistan.

Mit Blick auf den derzeitigen Bürgerkrieg in Syrien merkte Többens an, dass Staatschef Baschar al-Assad der Minderheit der zum schiitischen Spektrum des Islam zählenden Alawiten angehöre, die zahlenmäßig nur zehn Prozent der Syrer ausmachten. Die Alawiten seien zwar ursprünglich sehr arm gewesen, aber, so Többens: „In Syrien herrschte die Wehrpflicht, und von der konnte man sich freikaufen. Das konnten jedoch nur die reichen Schichten. Als Folge dienten in der Armee vor allem Alawiten. Und weil der Weg an die Macht in Syrien ausschließlich über die Armee führt, landeten die Alawiten dort, wo sie heute sind.“

Nun tobe in Syrien ein Konflikt zwischen Aufständischen, zersplittert in Freie Syrische Armee, die auf Waffenlieferungen, vor allem über die Türkei, zählen kann, zwischen dem Islamischem Staat (IS), der ebenfalls das Assad-Regime bekämpft, und den Assad-treuen Kräften, die von Hisbollah-Milizionären unterstützt werden.

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