Die „Failed States“ im Vergleich

Sicherheitspolitikexperte Hansen referierte zu Somalia und Nigeria

Von Aranka Szabó
Stefan Hansen informierte über die Staaten Somalia und Nigeria sowie die Piraterie vor Ort. - Foto: asz

Bremervörde. „Somalia und Nigeria – zwischen schwacher Staatlichkeit, Islamismus und Piraterie“ - zu diesem Thema referierte der Kieler Sicherheitspolitikexperte Stefan Hansen auf der letzten Vortragsveranstaltung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) und dem Deutschen Reservistenverband. Auf dem ersten Blick scheinen die afrikanischen Staaten Somalia und Nigeria in ihrer politischen, ethnischen und sozialen Struktur sowie ihrer geografischen Lage direkt am Meer ähnlich zu sein. Stefan Hansen vom Institut für Sicherheitspolitik zeigte im EWE-Kundencenter jedoch gravierende Unterschiede auf.

Rund zehn Millionen Einwohner leben in Somalia, das auf dem zweiten Platz der fragilen Staaten liegt. Heute ist es faktisch in drei Gebiete unterteilt. Annähernd 100 Prozent der Bevölkerung sind sunnitische Muslime, die in Clanstrukturen lebt. Die Phase der Demokratie in den 60er Jahren währte nur kurz. Anfang der 80er Jahren formierten sich Rebellengruppen, die untereinander verfeindet waren. Ihr Ziel, den Putschisten Siad Barre zu stürzen, gelang 1991. Zu dieser Zeit starben rund 300.000 Menschen durch Dürre und Krieg. Die Vereinten Nationen starteten eine Friedensmission.

Erfolglos zogen sie 1995 wieder ab. Führungslos zerfiel das Land weiter und wurde zum Rückzugsraum islamistischer Terroristen und organisierter Kriminalität. Die Nationalregierung hat nur geringen Einfluss. Dafür agieren islamistische Gruppierungen, wie Al-Shabaab, Warlords und Clanchefs. Drei Millionen Menschen sind notleidend.

Auch westliche Staaten beeinflussen das Land. Es gab Waffenlieferungen, unter anderem aus den USA. Ausländische Fischereiflotten befischen intensiv das somalische Gewässer. Dort wird auch Giftmüll, wahrscheinlich von der italienischen Mafia, verklappt. Die Piraterie mit ihrer Hochphase 2009 und 2010 ist oder war ein einträgliches Geschäft für Warlords. Seitdem alliierte Marinen ihre Gangart verschärft haben, ist die Piraterie 2012 um 64 Prozent im Vergleich zu 2011 zurück-gegangen.

Anders die Situation Nigeria: Über 180 Millionen Einwohner hat das Land an der Westküste. Die Bevölkerung besteht zu jeweils rund 50 Prozent aus Muslimen und Christen. Hinzu kommen Naturgläubige. Der föderalistische Staat hat 36 Bundesstaaten. Das politische System ist nach US-amerikanischem Vorbild entwickelt worden. Ebenso wie Somalia ist Nigeria seit 1960 unabhängig.

Bis 1999 gab es drei gescheiterte Republiken. Seitdem erfolgt ein Prozess der Demokratisierung, allerdings unter Gesetzen der Scharia im Norden, und ständigen internen Kämpfen. Trotzdem bezeichnete ihn Hansen als „potenten Staat“. Seit den 80er Jahren gibt es Aufstände von Muslimen gegen die Regierung, Konflikte zwischen Muslimen und Christen sowie innerhalb rivalisierenden muslimischen Gruppen.

Seit 2009 verübt die islamistische Boko Haram Anschläge. Sie ist enger Verbündeter von Al-Kaida, das wie ein Franchise-Unternehmen aufgebaut ist. Seit 2010 erhält die islamistische Terrorgruppe, deren Opfer zu 80 Prozent Muslime sind, auch moderne Kriegstechnik von Al-Kaida. Die „Tendenz ist dramatisch“. In den nächsten Wochen soll, wenn sie nicht wieder verschoben wird, eine Präsidentschaftswahl stattfinden. Entsprechend einer Vereinbarung müsste ein muslimischer Präsident an die Macht kommen.

Trotz aller Schwierigkeiten hat das Land eine Wirtschaftswachstumsrate von 5,4 Prozent (2013). Der sechstgrößte Ölexporteur ist allerdings wirtschaftlich von seinem Öl- und Gasverkäufen abhängig. Die größten Profiteure daraus sind ausländische Firmen. Die Umweltverschmutzung ist extrem hoch.

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