Nachschau - Veranstaltung am 26.11.2014

 
 

Die Lehren aus den Weltkriegen

Dr. Martin Stupperich referierte in Bremervörde

Von Lutz Schadeck
Dr. Martin Stupperich stellte die Frage, ob Deutschland aus den beiden Weltkriegen gelernt hätte und gab Antworten. - Foto: ls

Bremervörde. „Haben wir gelernt?“ fragte Dr. Martin Stupperich aus Hannover im voll besetzten Veranstaltungsraum der EWE in Bremervörde. Dr. Stupperich war auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik e.V. (GSP) gekommen. Seine Frage bezog sich auf die beiden Weltkriege. Er beantwortete die Frage mit Rückblick auf die letzten 100 Jahre mit einem „Jein, nicht aber ein eindeutiges Ja oder Nein“. Ohnehin sei es ja die Frage, wer eigentlich etwas gelernt habe und was gelernt wurde.

Dr. Stupperich als ausgewiesener Fachmann und Geschichtsforscher analysierte zuerst Ursachen und Auswirkungen des Ersten Weltkrieges. „Der Erste Weltkrieg gab Anlass zum Lernen aus der Geschichte. Aber wie so oft, lernte die aktuelle Politik das Falsche.“ Frankreich meinte damals, dass dieser Krieg der letzte gewesen sein müsse. Anders die deutsche Seite, für die der Krieg nicht wirklich beendet war. Mit dem in Deutschland als „Versailler Diktat“ genannten Vertrag, der Deutschland zu Reparationszahlung in Höhe von 226 Milliarden Goldmark in jährlich sechs Milliarden steigende Raten bis 1963 verpflichtete, war dies ein Krieg, der auf anderer Ebene weitergeführt wurde. Notwendige Kreditaufnahmen, Besetzung des Rheinlandes durch französische Truppen heizten die Wut in Deutschland an.

Doch Dr. Stupperich wies auf folgende Tatsache hin: „Die Vergiftung der internationalen Beziehungen durch Reparationsforderungen war nun keineswegs auf eine einseitige Erfindung der Alliierten zurückzuführen, sondern Deutschland hatte seinerseits für den Fall seines Sieges nichts anderes im Sinn gehabt.“

Die Stimmung in Deutschland wurde durch die von der Obersten Heeresleitung initiierten „Dolchstoßlegende“ weiter angeheizt. Es kursierten weitere Varianten davon, so von der angeblichen jüdischen Weltverschwörung.

Letztlich wurde aus dem Ersten Weltkrieg das Falsche gelernt. Man wollte eine Revanche. Der zweite Weltkrieg war unter dieser Betrachtung die Fortsetzung eines Krieges, der nicht zu Ende gebracht wurde. Geschichtsforscher sprechen über diese Zeit auch als „Dreißigjähriger Krieg des 20. Jahrhunderts.“

Punkt sei die Akzeptanz des Nationalsozialismus in der Bevölkerung gewesen. Sie seien nicht wegen ihrer extremistischen Inhalte gewählt worden, sondern als Gegenpol der republikanischen „Verräter“. „Man wollte die Braune Bewegung als Ordnungsfaktor in einer Zeit des politischen und wirtschaftlichen Chaos.“ Verkannt wurde, dass der Versailler Vertrag und der Völkerbund dazu dienen sollte, ein neues friedliches Europa entstehen zu lassen.

Die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg verlief völlig anders als nach dem Ersten Weltkrieg. Die Deutschen waren kriegsmüde. Doch die Alliierten waren zerstritten. Der Ost-West-Gegensatz bahnte sich an. Westdeutschland sollte seinen Beitrag zur Verteidigung des Westens gegenüber der Sowjetunion leisten. Das Rechtswesen war wieder weitgehend in der Hand der ehemaligen NS-Juristen mit Unterstützung der westlichen Besatzungsmächte. Auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen stiegen ehemalige NS-Angehörige in führende Positionen auf.

Also wieder nichts gelernt? „Nein! Das Lernen begann zwar mit deutlicher Verspätung [...] aber auch in der Zeit der Schockstarre hat sich Entscheidendes verändert.“ Innenpolitisch wuchs eine neue Generation heran, die alte Denkmuster und Verhaltensweisen aufbrach. Sozialdemokratie und Gewerkschaften waren wieder geachtete Faktoren. „Dennoch dauerte es noch lange bis auch die konservativen Parteien und Liberalen, in deren Reihen sich zahlreiche ehemalige Nationalsozialisten gesammelt hatten, zu einer eindeutigen und einheitlichen Haltung fanden.“ Letztlich war ein wichtiges Lernergebnis das Projekt Europa. Es gibt keinen Alleinvertretungsanspruch einer Nation mehr.

Ausdruck der Überwindung der Deutsch-Französischen-Feindbilder ist unter anderem ein gemeinsames Geschichtsbuch. Dies verarbeitet die Zeit von 1815 bis 1945. Auch ein beachtenswertes „Comic“ auf Basis von vier realen Tagebüchern ist erschienen, das Jugendlichen die Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg näher bringt. Nochmals die Frage zum Schluss des Vortrages: Haben wir gelernt? „Ja, Krieg ist nicht mehr selbstverständliches Mittel der Politik.“ Und auch: „Das gemeinsame Europa ist ein groß angelegte Versöhnungsprojekt.“ Dr. Martin Stupperich zieht das Fazit: „Es wurde gelernt, wenn auch erst spät!“

In der anschließenden Diskussion wurde erwartungsgemäß auf die aktuellen Konflikte eingegangen. Dr. Stupperich: „Meine Aussage bezieht sich auf das EU-Europa – nicht auf Ost-Europa.“ Oberstleutnant a.D. Werner Hinrichs als Sprecher der GSP dankte dem Referenten und attestierte ihm: „Das waren zwei gut gefüllte Stunden Geschichte.“ So manchem Gast gab der Vortrag Einblicke in neuere Forschungsergebnisse und somit auch neue Erkenntnisse. Dr. Stupperich: „Ich freue mich, wenn das so rübergekommen ist.“

Nach oben Zurück