Nachschau - Veranstaltungen am 26. und 27.01.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Ist Deutschland mit der Integration
von Zuwanderern überfordert?
Herausforderungen und Perspektiven

 
Referent:

PD Dr. Stefan Luft

Politologe
 

Öffentlicher Vortrag

 

am Donnerstag, 26. Januar 2017, 19:00 Uhr

im EWE – Kundencenter Bremervörde
Marktstr. 20, - rückwärtiger Eingang –, Bremervörde

 
 

Schülerveranstaltung
für Schüler der Oberstufe des Gymnasiums Bremervörde

 

am Freitag, 27. Januar 2017

am Gymnasium Bremervörde
Tetjus-Tügel-Straße 9, 27432 Bremervörde

 

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vom 01.02.2017

Integration von Flüchtlingen beginnt erst jetzt

VON ARANKA SZABÓ

Bremervörde. „Ist Deutschland mit der Integration von Zuwanderern überfordert?“ Nicht nur auf diese Frage ging der Politikwissenschaftler und Historiker Dr. Stefan Luft in seinem Vortrag bei der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) ein. Ein wichtiger Faktor, ob die Integration von Flüchtlingen gelingen wird, sei unsere Bereitschaft, diese in unserer Gesellschaft aufzunehmen.

Es war ein umfassender Überblick über die Flüchtlingsthematik, den Dr. Stefan Luft, Privatdozent an der Universität Bremen, auf dem ersten Vortragsabend der Gesellschaft für Sicherheitspolitik lieferte. Im vollen Saal des EWE-Kundenzentrums ging es um die Fragen, Immigration, Migration, Lehren aus der Flüchtlingskrise und hauptsächlich um Integration.

Zuwanderung, so Luft, das sei mehr als Flüchtlinge und schon gar nicht ein neues Phänomen in Deutschland. Gastarbeiter, die ab 1955 gezielt angeworben wurden, gehören genauso dazu, wie Flüchtlinge aus der ersten großen Welle Mitte der 90er Jahre und in den letzten Jahren. Die meisten Zuwanderer im Jahr 2015 sind, in absteigender Reihenfolge, aus Syrien, Rumänien, Polen, Afghanistan und Bulgarien gekommen. „Erstaunlich“, fand der Bremer, dass die EU auf die hohe Anzahl von Flüchtlingen im vorletzten Jahr, „nicht vorbereitet war.“ Warnsignale und Leuchtfeuer habe es genügend gegeben. Schließlich gebe es die Massenzustrom- Richtlinie aus dem Jahr 2000 und seit dem Jahr 2010 sei ein Wanderungsdruck zu spüren gewesen.

Die Grenzen hätte Deutschland im Sommer 2015 in Anbetracht der Situation in Budapest und in der Erwartung geöffnet, dass die EU-Partner mitziehen würden. Doch „lässt sich Solidarität nicht erzwingen.“ Das mache die Flüchtlingskrise zu einer der größten, auch ethischen, Herausforderungen der EU.

Zum Thema Integration sagte der Politikwissenschaftler, dass die kommenden Jahre nicht weniger anstrengend werden würden als die letzten zwei Jahre. Von Flüchtlingen, die nicht nach der „Nützlichkeitserwägung“ ausgesucht werden dürfen, werde erwartet, dass sie sich integrieren. Doch seien es eben keine Arbeitsmigranten, die vor ihrer Einreise schon durch einen Arbeitsvertrag „systemintegriert“ seien. Der Integrationsprozess beginne erst hier in Deutschland: Spracherwerb, Sozialsystem, Arbeit, Wohnraum, Bildung und Ausbildung.

Zugleich seien die Flüchtlinge seelisch schwer belastet: Die Wartezeit auf den Ausgang des Asylverfahrens bedeute oft, zum Nichtstun verurteilt zu sein. Die Unsicherheit über den Ausgang des Verfahrens, über das Schicksal von Familienangehörigen, die im Herkunftsland zurückgeblieben sind oder zu denen der Kontakt auf der Reise verloren ging. „Integration verstehe ich als fortschreitender sozialer Prozess der Eingliederung in die Aufnahmegesellschaft, der sich über Generationen erstreckt“, sagte Luft. Die Integrationsgeschwindigkeit hänge von den Lebensumständen und anderen Einflussfaktoren ab, die nicht alle gleichermaßen politisch gesteuert werden könnten. Insbesondere „ethnische Grenzziehungen“ durch Einheimische dürften nicht dazu führen, das Zuwanderer systematisch aus Bereichen und Institutionen wie dem Arbeitsmarkt oder dem Wohnungsmarkt fernzuhalten. „Wenn ich das Gefühl habe, dass meine Sprache verachtet, meine Religion verspottet, meine Kultur herabgewürdigt wird, dann reagiere ich damit, dass ich die Attribute meiner Andersheit demonstrativ zur Schau trage“, zitierte Luft den Buchautor Amin Maalouf und zog ein Fazit: „Wer Deutschland als Land der Chancen erfährt, der wird sich - mit großer Wahrscheinlichkeit - auch mit ihm identifizieren. Das gilt für Zuwanderer ebenso wie für Einheimische.“

Die Frage, ob Deutschland mit der Integration von Zuwanderern überfordert sei, könne erst in einigen Jahren beantwortet werden können, unter anderem „wenn wir wissen, wie sich die aktuellen Migrationsprozesse weiterentwickeln, welche Dynamik sie durch Kettenwanderung und Familiennachzug entwickeln, wenn wir wissen, welches Konfliktpotenzial mit dieser Form der Zuwanderung einhergegangen, wenn wir wissen, wie schnell und in welchem Ausmaß Spracherwerb und Qualifikation voranschreiten, wenn wir wissen, wie dann die Integration in Wohnungs- und Arbeitsmarkt gelungen ist, wenn wir wissen, wie sich die Politik in Deutschland, in der EU entwickelt, wenn wir wissen, wie sich die weltweiten Konflikte weiterentwickeln.“

Für Luft begann der persönliche Integrationsprozess von Flüchtlingen mit einer gebratenen Gans und sieben eingeladenen Flüchtlingen an Weihnachten. „Die Rückeinladung ist schon gekommen.“

 
Bericht der Sektion zur Veranstaltung mit Dr. Stefan Luft ...
Lesen Sie auch den Bericht der Bremervörder Zeitung ...
 
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