Nachschau - Veranstaltungen am 26. und 27.01.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Ist Deutschland mit der Integration
von Zuwanderern überfordert?
Herausforderungen und Perspektiven

 
Referent:

PD Dr. Stefan Luft

Politologe
 

Öffentlicher Vortrag

 

am Donnerstag, 26. Januar 2017, 19:00 Uhr

im EWE – Kundencenter Bremervörde
Marktstr. 20, - rückwärtiger Eingang –, Bremervörde

 
 

Schülerveranstaltung
für Schüler der Oberstufe des Gymnasiums Bremervörde

 

am Freitag, 27. Januar 2017

am Gymnasium Bremervörde
Tetjus-Tügel-Straße 9, 27432 Bremervörde

 

*****

 
Bericht der Sektion Elbe – Weser

Ist Deutschland mit der Integration von Zuwanderern überfordert?

Öffentlicher Vortrag und Schülerveranstaltung im Gymnasium Bremervörde

Von Axel Loos
Großes Zuhörerinteresse im EWE-Kundencenter - Foto: Aranka Szabó

Das Interesse an dem Thema war groß, und so fanden ungefähr achtzig Zuhörerinnen und Zuhörer - unter ihnen einige mit offensichtlichem „Migrationshintergrund" - den Weg in das EWE-Kundencenter, um eine Antwort auf diese Frage zu finden. Eingeladen hatte die Gesellschaft für Sicherheitspolitik einen kompetenten Referenten, Herrn PD Dr. Stefan Luft, Politologe an der Universität Bremen. Nach einer kurzen Vorstellung seiner Person ging Dr. Luft auch gleich ins Detail. Seinen mit Informationen gespickten Vortrag begann er zunächst mit Begriffsbestimmungen, Kategorisierungen und weltweiten Zahlen von Flüchtlingsbewegungen, um erst einmal zu beschreiben, „worüber wir hier eigentlich reden". Dabei wurde klar, dass die meisten Flüchtlinge in ihrem eigenen Land bleiben oder sich auf die jeweiligen Anrainerstaaten verteilen und die wenigsten in weiter entfernte Länder streben. Dabei ist unter den Aufnahmeländern der Libanon mit 183 Flüchtlingen pro Tausend Einwohnern dasjenige mit der größten Quote. Zum Vergleich: Deutschland hat bis dato 22 Flüchtlinge pro Tausend Einwohnern aufgenommen.

Daneben erläuterte Dr. Luft den Begriff des „Migrationshintergrundes", der der Komplexität der damit verbundenen gesellschaftlichen Aufgabe Rechnung tragen soll. Des Weiteren zeichnete Dr. Luft eine kurze Geschichte der Migration in Deutschland, die er mit Zahlen und Wanderungssaldi untermauerte. Von der Vielfältigkeit der dahinter stehenden menschlichen Schicksale zeugen Begriffe wie „Gastarbeiter", „Heimatvertriebene" oder „Spätaussiedler'.

Im zweiten Teil seines Vortrages ging Dr. Luft auf die Flüchtlingskrise des Jahres 2015 ein, die gekennzeichnet war durch politische Alleingänge, die der Referent sehr kritisch betrachtet, und Fehleinschätzungen, sowie durch eine unterlassene Vorbereitung. Möglichkeiten dazu hätte es durchaus gegeben, nämlich in Gestalt der europäischen „Massenstromrichtlinie", eine situationsveranlaßte Regelung, die im Nachgang zum jugoslawischen Bürgerkrieg zur kollektiven Aufnahme vieler Bürgerkriegsflüchtlinge in einem unbürokratischen Verfahren im Jahr 2000 in Brüssel vom EU- Ministerrat geschaffen wurde.

Mehrmals machte Dr. Luft die Zuhörer darauf aufmerksam, dass man sich in einem Dilemma befinde. Beispielsweise habe die „Willkommenskultur' weltweit für ein positives Signal gesorgt, gleichzeitig erhöhte sie aber auch die Zahl der Flüchtlinge, die Deutschland als Zielland auswählten.

Dr. Stefan Luft (sitzend) und GSP-Sektionsleiter Werner Hinrichs diskutierten mit Schülern des Gymnasiums Bremervörde über die Themen Migration und Integration. - Foto: Bick

Die Forderung, dass alle Länder der europäischen Union den gleichen Anteil aufnehmen, hält Dr. Luft im Hinblick auf die postsozialistischen Transformationsländer für zu kurz gegriffen. Deren Gesellschaften stünden unter erheblichem Stress und seien noch völlig mit dem Übergang vom Sozialismus in eine moderne, marktwirtschaftlich orientierte Demokratie beschäftigt.

Drittens, wie gelingt Integration? Deutschland darf seine Anstrengungen nicht reduzieren - die Flüchtlinge aber auch nicht. Von Bedeutung sind berufliche Qualifikationen und Sprachkenntnisse. Das Argument unbesetzter Arbeitsplätze, für die die Wirtschaft neue Leute sucht, lässt Dr. Luft nicht gelten. Leider treten Flüchtlinge meist mit sozial schwachen Menschen der ansässigen Gesellschaft in Konkurrenz: um Arbeitsplätze, Wohnraum und Transferleistungen. Hierin liegt erhebliches Konfliktpotential. Ist Deutschland mit der Aufgabe überfordert? Dr. Luft macht keinen Hehl daraus, dass er diese Frage zum gegenwärtigen Zeitpunkt nicht beantworten kann. Man kann dies erst dann beurteilen, wenn wir die Ergebnisse sehen: treten innerhalb der Gesellschaft Konflikte auf? Wie sehen die Erfolge des Spracherwerbs bei den Flüchtlingen aus und wie verändert sich in Folge die politische Landschaft? Dr. Luft beklagte wiederholt, wie die Bundesregierung selbst auferlegte Regeln missachtete und wie das Asylverfahren in der Praxis ad absurdum geführt wurde. Die Duldung sei beispielsweise von einer Vorstufe zur gesetzeskonformen Ausweisung zu einem alternativen Vehikel für einen Daueraufenthalt umfunktioniert worden.

Nach einer Pause hatte das Publikum die Möglichkeit, Fragen zu stellen, was es auch reichlich tat. Diese drehten sich um die Sorge um unseren Wohlstand, die Bedeutung von Waffenlieferungen in Krisenregionen oder der Notwendigkeit mit neuen Gesetzen auf die Herausforderungen zu reagieren. Dr. Luft antwortete hier sehr launig und aus dem Nähkästchen plaudernd, was den gesamten Vortrag angenehm abrundete.

 
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