Nachschau - Veranstaltung am 27.04.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Die nächste Konfliktregion? -
Wirtschaftskrise, Reformstau und Großmächtepolitik in Zentralasien

 
Referent:

Dr. Sebastian Schiek

Wissenschaftlicher Mitarbeiter der Stiftung Wissenschaft und Politik "SWP",
Forschungsgruppe Osteuropa und Eurasien
 

am Donnerstag, 27. April 2017, 19.00 Uhr

im EWE - Kundencenter Bremervörde
Marktstr. 20 - rückwärtiger Eingang

 
Foto: SWP
 

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Bericht der Sektion Elbe-Weser

Die nächste Konfliktregion?

GSP-Vortrag über die instabile Region Zentralasien

Von Axel Loos
v.l.: Axel Loos, stv. Sektionsleiter; Referent Dr. Sebastian Schiek, Sektionsleiter und Landesvorsitzender Werner Hinrichs. - Foto: GSP

Bremervörde. Trotz der geographischen Bezeichnung befindet sich die Region Zentralasiens nicht im Fokus der täglichen Nachrichten. Sollte sie es aber vielleicht? Um diese Frage zu beantworten, waren ca. vierzig Zuhörer am Donnerstag, dem 27. April, in das Kundenzentrum der EWE gekommen, doch diese fanden sich seitens des Referenten, Herrn Dr. Sebastian Schiek von der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), ihrerseits mit der Erkundigung nach ihrem Kenntnisstand über „die fünf ‚Stans‘“, nämlich Kasachstan, Usbekistan, Kirgistan, Tadschikistan und Turkmenistan, herausgefordert. Das, zusammen mit der charmanten Feststellung, dass die Region, um die es an diesem Abend ging, eine gewisse Ähnlichkeit mit der hiesigen habe – dünn besiedelt aber reizvoll – bildete den Auftakt in eine gelungene April-Veranstaltung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik der Sektion Elbe-Weser.

Dr. Schiek, der über die notwendigen Sprachkenntnisse verfügt und sich regelmäßig einen Monat im Jahr in der Region aufhält, wies darauf hin, dass sich das Konfliktpotential aus zwei unterschiedlichen Quellen speisen könnte, nämlich einerseits aus unkontrollierbaren innenpolitischen Dynamiken, andererseits aus der Kollision entgegengesetzter Interessen der Großmächte. Hierbei scheint Zentralasien tatsächlich ein Komplex zu sein, über den man im Westen noch zu wenig weiß, um zu einer realistischen Lageeinschätzung zu kommen. Zwar stellt sich die Region Zentralasiens momentan noch als einen stabilen Teil dieser Welt dar. Von ausgeprägten demokratischen Strukturen kann aber nicht die Rede sein. Vielmehr herrschen autoritäre Regime vor, so dass hier möglicherweise gewaltsame Auseinandersetzungen ihren Ursprung finden. Augenblicklich gibt es dafür noch keine Anzeichen, und in der Vergangenheit war das Protestpotential bis auf wenige Ausnahmen in der Bevölkerung nur mäßig ausgeprägt. Dies liegt unter anderem daran, dass die jeweiligen Regierungen ihren Machtanspruch nicht durch repressive Maßnahmen durchzusetzen, sondern durch die Verteilung der Gewinne aus der Ausbeutung natürlicher Ressourcen, Öl und Gas, finanzieren. Mit dem Verfall des Ölpreises ist diese Form des Machterhalts bei einem ohnehin nur moderaten Wirtschaftswachstum allerdings gefährdet, denn es drohen Verteilungskämpfe. Politische Reformen könnten einer aufkommenden Opposition vorbeugen, aber auch ein, aus Sicht der aktuellen Machthaber, ungewolltes und vor allem unkontrollierbares Eigenleben entwickeln. Mit politischen Protesten können die Regierungen Zentralasi¬ens allerdings nicht umgehen. Es fehlen schlicht die Institutionen, die eine friedliche Streitkultur fördern. Zwar gibt es in den meisten Ländern eine mehr oder weniger moderne Verfassung – auf dem Papier.

Und dann sind da noch die Großmächte Russland und China. Auf der anderen Seite scheint Amerika heute mehr denn je keine Vorstellung davon zu haben, wie es sich in Zentralasien engagieren soll, genießt dort aber wie Europa ein hohes Ansehen. Bis dato herrscht zwischen Moskau und Peking eine funktionierende Arbeitsteilung: Russland als Schutzmacht und China als Investor. Und hier bahnt sich langsam eine Rollenverschiebung an. Russland ist mit seiner Vorstellung einer eurasischen Wirtschaftsunion nach dem Vorbild der EU nicht besonders weit gekommen, andererseits erweist sich China als aufstrebender Handelspartner, der mit der Seidenstraßen-Initiative danach zu streben scheint, auch an politischem Einfluss zu gewinnen.

Schließlich gilt es noch, die Gefahr einer islamistischen Radikalisierung nicht aus dem Auge zu verlieren. Trotz einer moderaten Ausprägung des Islams hat der IS Zentralasien als Rekrutierungsgebiet ausgesucht, was die Anschläge in Stockholm und St. Petersburg traurigerweise untermauern. Europa scheint dem Problem jedoch ein geringeres Gewicht beizumessen als man es vor Ort tut. Hier werden die IS-Rückkehrer als Problem empfunden. Gleichzeitig besteht die Gefahr, dass deren Existenz autoritären Regimen wiederum als Vorwand dient, Bürgerrechte einzuschränken bzw. deren Entstehen erst gar nicht zuzulassen.

Was bedeutet dies für den Westen, vor allem für die EU? Offensichtlich sind auch hier die Interessen mangels handfester wirtschaftlicher und sicherheitspolitischer Argumente unklar. Dr. Schiek rät dazu, sich durch weitere politische Forschung ein klareres Bild zu verschaffen, immerhin gebe es in der EU eine Zentralasienstrategie, die in diesem Jahr zur Überprüfung anstehe. Die aktuellen Debatten drehen sich um gemeinsame Interessen Europas und Zentralasiens und der Förderung der demokratischen Entwicklung.

 
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