Nachschau - Veranstaltung am 05.10.2017

 
 
 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Die Entwicklung in der Türkei –
eine Herausforderung für Europa

 
Referent:

Oberst a.D. Heinrich Quaden

Ehem. Militärattaché in Ankara
 

am Donnerstag, 05. Oktober 2017, 19:30 Uhr
im Haus Basten
Konrad-Adenauer-Str., 52511 Geilenkirchen

 

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Bericht der Sektion Aachen-Heinsberg

Ein fast schon intimer Blick auf die Befindlichkeiten in der Türkei

Von Markus Bienwald
Oberst a. D. Heinrich Quaden referierte auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) im Geilenkirchener Haus Basten zur aktuellen und historischen Lage der Türkei. - Foto: Markus Bienwald

Geilenkirchen. „Es gibt Befindlichkeiten, die man zur Kenntnis nehmen muss“, das stellte Oberst a.D. Heinrich Quaden bei seinem Vortrag über die Türkei am Donnerstagabend im Haus Basten fest. Auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) und in Zusammenarbeit mit der Anton-Heinen-Volkshochschule des Kreises Heinsberg und der Deutsch-Atlantischen-Gesellschaft sprach der ausgewiesene Türkei-Kenner über die Situation im Land.

Präsident Erdogan spielte dabei natürlich eine tragende Rolle, aber auch die Geschichte des Landes, das 1923, so Quaden, von Atatürk „teils mit der Brechstange“ aus der Taufe gehoben wurde, war Thema. So sei die Türkei nicht erst mit ihrem gescheiterten Versuch, die Habsburger Monarchie aus den Angeln zu heben, immer schon eine europäische Macht gewesen. Als vielzitierte „Brücke zwischen Orient und Okzident“ habe die Türkei auch schon wegen ihrer geographischen Lage immer auch eine wichtige Funktion eingenommen. Dies spiegelt sich beispielsweise auch in den internationalen Verflechtungen wider, ist die Türkei doch seit 1952 Nato-Mitglied und ist seit Ende der 1950er-Jahre immer wieder im Gespräch, wenn es um den Beitritt zur einstigen Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft (EWG) und heutigen EU geht. Der Referent warf dabei einen Blick auf die den ehemaligen Balkanstaaten angetragene Mitgliedschaft, die bei den Türken – vor allem nach jahrzehntelangen Beitrittsbemühungen – sicherlich ein befremdliches Gefühl gegeben habe.

Aber auch das Verhältnis zu Deutschland, dem wohl wichtigsten Wirtschaftspartner der Türkei, stand in seinem Fokus. So sei auch der aktuell scharf kritisierte Präsident Erdogan in Deutschland ein hochgeschätzter Hoffnungsträger. Insbesondere nach dem Zusammenbruch der alten Regimes im Nahen Osten, aber auch in Nordafrika, war Erdogan so etwas wie ein Symbol der neuen Zeit. Vor allem das türkische Engagement auf dem politisch beileibe nicht immer stabilen afrikanischen Kontinent war dem Oberst a.D. ein Sonderlob wert. „So ist Turkish Airlines fast die einzige Airline, die alle Afrikanischen Hauptstädte anfliegt“, sagte er. Doch der aktuelle Umschwung in der türkischen Haltung und die Insellage der Türkei als Nato-Staat inmitten seiner Nachbarn seien etwas Schwieriges. Das führte Quaden auch zur inneren Struktur des in rein muslimisch geprägten „Schwarzen Türken“ und den westlich orientierten „Weißen Türken“. Erstere seien nicht nur Erdogans Stammpublikum, diese eher aus ländlich geprägten und wenig entwickelten Regionen der Türkei stammenden Menschen haben auch für das knappe „Ja“ im Referendum zum Präsidialstaat geführt. Den Putsch bewertete Quaden nicht wie manche andere Theoretiker als bewusst inszeniert, sondern als wissentlich in Kauf genommenes Geschehen, dass eine gute Basis dafür lieferte, mit Erdogans politischen Gegnern aufzuräumen. Dennoch steht Erdogan vor dem Hintergrund einer stark defizitären Wirtschaftslage vor der Herausforderung, sich außen- wie sicherheitspolitisch neu zu orientieren. In Erdogans Karten spielt dabei Quadens These, dass Europa die Türkei mehr braucht als anders herum. „Denn als zumindest auf dem Papier normal verfasstes Land in diesem Umfeld hat die Türkei immer noch eine wichtige Scharnierfunktion“, schloss er, und das gelte nicht nur für die Belange der Nato.

 
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