Nachschau - Veranstaltung am 24.03.2015

 
 
 

Vortragsabend

zum Thema

Die Türkei nach dem Aufstieg
Erdogans zum Präsidenten

Referent:

Bahaeddin Güngör

Journalist, Leiter der türkischen Redaktion
der Deutschen Welle, Köln
 

am Dienstag, 24. März 2015, 19.30 Uhr

im Schloss Zweibrüggen
Zweibrüggen 40 - 42
52531 Übach-Palenberg

 

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vom 04.04.2015

Der Experte zeigte einen tiefen Blick in türkische Befindlichkeiten

Von Markus Bienwald
Der Journalist und Leiter der türkischen Redaktion der Deutschen Welle, Bahaeddin Güngör, referierte auf Einladung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik im Schloss Zweibrüggen zur Politik des türkischen Präsidenten Erdogan. - Foto: Markus Bienwald

Übach-Palenberg. Eine Überraschung gab es beim jüngsten Vortrag der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) in Zusammenarbeit mit der Deutsch-Atlantischen Gesellschaft schon vorab. Denn Referent Bahaeddin Güngör entpuppte sich als echtes „Kind der Region“, da er schon Ende der 1960er-Jahre Übach-Palenberg und Geilenkirchen kennenlernte. Selbst bei unserer Zeitung hat er einmal hospitiert und in Aachen gelebt. Heute ist der 1950 in Istanbul geborene Journalist Leiter der türkischen Redaktion bei der Deutschen Welle und zeigte in seinem Vortrag „Die Türkei nach dem Aufstieg Erdogans zum Präsidenten“ einen tiefen Blick in türkische Befindlichkeiten. „Es gibt keine richtigen Türken“, begann er etwas provokant seine Ausführungen. Damit meinte er allerdings, dass die Ursprünge der heutigen Türkei in Usbekistan, Bosnien oder auch Griechenland zu finden sind. „Man muss wissen, dass die Türkei immer zwischen den Kulturen stand und sich seit der Gründung am 29. Oktober 1923 ausdrücklich westlich orientiert hat“, so Güngör. In seinem Vortrag mischte er ganz hervorragend seine eigene Geschichte mit zeitgeschichtlichen und aktuellen Beobachtungen und setzte damit immer wieder Glanzpunkte. Dabei stellte er heraus, dass die türkische Orientierung an der zeitgenössischen europäischen Zivilisation immer auch mit einer Besinnung auf den arabischen Glauben einherging. In die Vorgeschichte der Regierung Erdogan bezog der Journalist auch die an Militärputschen nicht arme Geschichte der Türkei mit ein. Es seien leidvolle Zeiten gewesen, so Güngör, aber schon 1963 einigten sich die Europäer darauf, das so genannte „Ankara-Abkommen“ zu unterzeichnen, die Grundlage dafür, dass die Türkei irgendwann einmal Mitglied der Europäischen Union werden soll. „Wir sind Nato-Partner, die Türkei ist immer wieder sehr aktiv für die Nato gewesen“, so Güngör weiter, schließlich war die Türkei sogar drei Jahre vor Deutschland schon in der Nato. Aus dem engen Zusammenspiel Deutschlands und der Türkei – so sorgte Deutschland nach Güngörs Worten in den 1980er-Jahren dafür, dass die türkische Politik in Europa salonfähig wurde – erwuchs auch der vom Referent gezogene Zusammenhang mit der Politik von Erdogan. „Der Wunsch, zur EU zu gehören, brachte die Türkei dazu, das bis dahin geschlossene Wirtschaftssystem zu öffnen“, so Güngör. Allerdings sei in dieser Zeit auch dafür gesorgt worden, dass vier bis dato mit Politikverboten belegte Parteiführer, darunter der spätere Präsident und Erdogan-Ziehvater Erbakan, wieder in die Politik durften. „In diesem Moment war der Geist aus der Flasche“, beschrieb Güngör, damit meinte er, dass vor allem die bis dahin mit elf Prozent Anteil eher weniger repräsentierten Islamisten im Land ihre politische Macht stärken konnten. Heute seien es 50 Prozent, eine Zahl, die Erdogan bei seinem letzten Wahlsieg noch übertraf. „Jetzt ist er nicht mehr aufzuhalten“, konstatierte Güngör und skizzierte, was das für die Beziehungen des Landes, das immer noch potenzieller EU-Beitrittskandidat ist, bedeutet. „Mit allen Nachbarn hat er Probleme“, machte der Referent klar, „die größten mit Syrien“. Dazu sehe er sich als Präsident nicht in der von der Tagespolitik losgelösten Rolle, wie sie ein deutscher Präsident hat. Vielmehr mische er überall mit und habe sich so „mit allen in die Nesseln gesetzt“. „Zu hoffen bleibt ja nur noch, dass es mit dem EU-Beitritt weitergeht“, schloss Güngör. Aber da sei noch nicht so viel Fortschritt zu verzeichnen, denn die Türkei, mit 75 Millionen Einwohnern beinahe so groß wie die Länder der Osterweiterung zusammen, habe erst einen von 33 Agendapunkten für die Aufnahme abgearbeitet. (mabie)

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