Nachschau - Veranstaltung am 18.04.2017

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Kein kranker Mann am Bosporus?
Das neue Selbstbewusstsein der Türkei

 
Referent:

Dr. Ralf Bambach

Privatdozent, Politikwissenschaftler und Philosoph, Hamburg
 

am Dienstag, 18. April 2017, 19.30 Uhr
im Restaurant Hubertushof
Holzstraße 8, 59556 Lp-Bad Waldliesborn

 
Foto: Monsees
 

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vom 20.04.2017

„Es geht um Macht“

Politik-Experte referiert über das neue Selbstbewusstsein der Türkei

Diskutierten im Kurort über das neue Selbstbewusstsein der Türkei und über den Ausgang des Türkei-Referendums (v.l.): GSP-Geschäftsführer Dieter Brand, Referent Dr. Ralf Bambach und GSP-Sektionsleiter Dr. Olav Freund. - Foto: Beule

Bad Waldliesborn. „Wenn wir über Politik reden, geht es nicht um Wahrheit, sondern um Macht“, machte Referent Dr. Ralf Bambach gleich zu Beginn seines Vortrags klar. Der Politikwissenschaftler aus Hamburg referierte auf Einladung der Sektion Lippstadt der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) und der Konrad- Adenauer-Stiftung im Hubertushof unter dem Titel „Kein kranker Mann am Bosporus“ über das neue Selbstbewusstsein der Türkei – ein Thema, wie es aktueller kaum sein könnte.

Eine knappe Mehrheit der Menschen in der Türkei hat sich beim Referendum am vergangenen Sonntag für ein Präsidialsystem entschieden, das sämtliche Regierungsgewalt beim Staatschef Recep Tayyip Erdogan bündelt. „Das knappe Ergebnis zeigt, dass die Türkei massiv gespalten ist“, so Dr. Ralf Bambach. Doch auch in Deutschland gehe ein Riss durch die türkische Bevölkerung, wie die Wahlergenisse zeigen: 1,43 Millionen in Deutschland lebende Türken waren zum Referendum wahlberechtigt, knapp die Hälfte gab letztlich ihre Stimme ab. Rund 63 Prozent stimmten mit Ja. „Dabei hat Erdogan keine klare politische Richtung, die er durchsetzen möchte, sondern er ist ein Machtpolitiker“, sagt Bambach.

Um die Entwicklungen zu verstehen, sei ein Blick in die Geschichte des Landes am Bosporus wichtig. Geostrategisch liege die Türkei in einer hochbrisanten Region zwischen Europa, dem Mittleren und Nahen Osten sowie Zentralasien, erklärte Bambach den etwa 90 Zuhörern. Der Referent schlug in seinem Vortrag einen weiten Bogen von der Entwicklung der modernen Türkei aus dem Osmanischen Reich bis hin zur konsequenten Westorientierung Kemal Atatürks – angefangen bei der Errichtung eines republikanischen Staates und endend bei der Einführung von Familiennamen. Auch der Islam war nicht mehr verfassungsrechtlich Staatsreligion, die lateinische Schrift wurde eingeführt und Frauen bekamen das Wahlrecht. Für ihn sei es die einzig gelungene Kulturrevolution des Landes, schilderte Bambach. Was noch gefehlt habe, war die Demokratie.

Wie lässt sich aber der Erfolg Erdogans erklären? Das sei nicht so einfach, die Unterschiede zwischen den Städten im westlichen Teil und dem ländlichen östlichen Teil seien sehr groß. Erdogan genieße heute ein hohes Ansehen in der türkischen Bevölkerung, was er sich unter anderem durch Investitionen in die Infrastruktur, den Bau von Schulen, Straßen und Krankenhäusern gerade in ländlichen Gebieten erworben habe, so der Experte. Für diese Menschen seien Grundbedürfnisse wie Sicherheit und Arbeit wichtiger als zum Beispiel Presse- und Meinungsfreiheit. Das habe auch die Parlamentswahl 2015 gezeigt, bei der die AKP die absolute Mehrheit verloren hatte. Nach mehreren Terroranschlägen konnte sie letztlich doch gewinnen. Solche Anschläge erzeugten das Bedürfnis nach Stabilität und Sicherheit, und möglicherweise auch nach einer autoritären Führung – auch gerade gegenüber dem Ausland. Daher bewerte er auch den Nazi-Vergleich eher als Demonstration der Stärke denn als Beleidigung. „Aber das war eindeutig eine Stufe zu hoch, da hat er sich im Ton vergriffen“, so Bambach.

Dass auch in Europa viele Türken mit „evet“ (Ja) gestimmt haben, während in außereuropäischen Staaten eher mit „hayir“ (Nein) gestimmt wurde, erklärte der Experte unter anderem mit dem großen Einfluss der Imame der Türkisch Islamischen Union der Anstalt für Religion (DITIB). Diese seien Staatsangestellte – und hätten in ihrer Funktion großen Einfluss auf gläubige Muslime. Diesen habe man in Ländern wie Kanada, den USA und auch der Schweiz hingegen nicht.

Die Meinung zum Ausgang des Referendums war auch unter den Besuchern eindeutig. „Es stehen große Veränderungen an“, sagt zum Beispiel Andreas Langer. Es stünden eine herausfordernde Zeit und ein gespaltenes türkisches Volk bevor, auch in Deutschland. Er sehe Erdogan als pragmatischen Machtpolitiker, den man geschickt ködern müsse, damit eine Verständigung möglich ist. „Für mich als Demokrat ist der Ausgang ein großes Fiasko“, sagt Hans-Jürgen Franke. „Das ist keine parlamentarische Demokratie mehr.“ Das Ergebnis des Referendums habe er nicht erwartet und sei enttäuscht. „Wir in Europa müssen jetzt näher zusammenrücken, damit wir zum Beispiel in der Flüchtlingsfrage nicht mehr erpressbar sind“, ist er sich sicher. - kty

 
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