Nachschau - Veranstaltung am 10.03.2015

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Krisenjournalismus und Pressefreiheit

Referentin:

Gemma Pörzgen

Journalistin
Vorstand „Reporter ohne Grenzen“, Berlin
 

Dienstag, 10. März 2015, 19:00 Uhr
im Hotel „Holiday Inn“
Lindenstraße 52, Minden

 

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vom 12.03.2015

"Die Pressefreiheit steht auch in Deutschland auf wackeligen Füßen.“

Von Jana Behrends
Gemma Pörzgen von ROG mit Klaus Suchland (links) und Klaus Wiese von der Gesellschaft für Sicherheitspolitik. - © MT-Foto: Alex Lehn

Minden (mt).Es passierte auf offener Straße: Zwei Journalisten sind in Guatemala erschossen worden. Die Reporter trafen sich vor einem Regierungsgebäude der Stadt Mazatenango, als zwei Angreifer von einem Motorrad aus das Feuer eröffneten, wie die Zeitung „El Periódico“ am Mittwoch berichtete. Bei den Schüssen kam ein Korrespondent der Tageszeitung „Prensa Libre“ ums Leben. Er soll über Korruption berichtet haben und bedroht worden sein. Bei dem zweiten Opfer handelt es sich um den Reporter eines lokalen Radiosenders. Rettungskräften zufolge wurde auch ein dritter Journalist verletzt.

Guatemala liegt in der derzeitigen „Rangliste der Pressefreiheit“ des Vereins Reporter ohne Grenzen auf Rang 124 von 180. Dass sich ähnliche Szenen wie in dem zentralamerikanischen Land fast überall auf der Welt abspielen, machte Gemma Pörzgen beim MT-Redaktionsgespräch mit Chefredakteur Christoph Pepper, seinem Stellvertreter und Nachrichtenchef Thomas Traue, Lokalchefin Monika Jäger, ihrem Stellvertreter Henning Wandel sowie Klaus Suchland und Klaus Wiese von der Gesellschaft für Sicherheitspolitik deutlich.

Das Gründungs- und Vorstandsmitglied der deutschen ROG-Sektion sagte aber auch: „Die Pressefreiheit steht auch in Deutschland auf wackeligen Füßen.“ So würden Journalisten etwa von Rechtsradikalen angegriffen, wie jüngst ein 43-Jähriger Reporter nach einer Neonazi-Versammlung in Dortmund. Auch von staatlicher Seite wurden in den vergangenen Jahren Journalisten überwacht, etwa, wenn sie in der rechtsextremen Szene recherchierten.

Ein weiteres Problemfeld tut sich mit der schwierigen wirtschaftlichen Lage im Zeitungsgeschäft auf: Zahlreiche Lokalzeitungen mussten bereits schließen, die meisten haben keine eigene Vollredaktion mehr, sondern lassen sich insbesondere nachrichtliche Inhalte von anderen liefern. Dadurch geht, so Pörzgen weiter, die Vielfalt verloren, letztlich sei die „Vierte Gewalt“ in Gefahr.

Die aktuelle “Weltkarte der Pressefreiheit” laut Einordnung durch “Reporter ohne Grenzen”. - © Grafik: ROG/MT, Repro: MT

Die Bundesrepublik befindet sich auf Rang 12 der Liste, die von Finnland angeführt wird und mit Nordkorea und Eritrea einen traurigen Abschluss findet. Grundlage sind Fragen zu Vielfalt, Unabhängigkeit, Arbeitsumfeld, Selbstzensur, rechtlichen Rahmenbedingungen, institutioneller Transparenz und Produktionsinfrastruktur, die Reporter ohne Grenzen an Journalisten, Wissenschaftler, Juristen und Menschenrechtsverteidiger verschickt. „Interessant wird es, wenn man sie mit der Liste von Tranparency International vergleicht“, sagt Pörzgen, die als Tochter eines FAZ-Korrespondenten in Moskau aufgewachsen ist. Häufig seien Länder in beiden Listen auf ähnlichen Plätzen - ein Indiz dafür, dass Korruption und fehlende Pressefreiheit Hand in Hand gehen.

Die Osteuropa-Expertin bewertet auch die Ukraine-Krise eher als eine Krise, die Russland betrifft: In den vergangenen Jahren seien immer weniger Einblicke in die Machtstrukturen möglich, „fast schon wie zu Sowjetzeiten.“ Zudem sende das russische Fernsehprogramm immer mehr „Verzerrungen, Lügen und Propaganda“.

Und wie sich die MT-Redaktion für Reporter ohne Grenzen interessiert, interessiert sich Pörzgen für die MT-Redaktion - etwa, mit welchen Mitteln der Nachrichtenteil bestückt wird und wie die Verknüpfung von lokaler und überregionaler Berichterstattung gelingt. „Die Globalisierung ist längst im Lokalteil angekommen“, sagt Chefredakteur Pepper dazu - etwa, wenn über syrische Flüchtlinge in Minden oder Mindener Soldaten im Afghanistaneinsatz berichtet wird. Lokalredakteur Wandel berichtet aber auch von zunehmenden Anfeindungen und Beäugungen und wirft die Frage in den Raum, ob der Druck auf die Redaktionen, etwa aus den sozialen Netzwerken, schon eine Einschränkung der Pressefreiheit bedeute - „sobald das zu Selbstzensur führt, kann ich diese Frage mit ja beantworten“, sagt Pörzgen.

Das MT gehört zu den wenigen Lokalzeitungen in Deutschland mit eigener Nachrichtenredaktion. Diese bewertet Agenturmaterial, wählt es aus und ergänzt es, etwa durch eigene Interviews oder lokale Bezüge. „Letztlich hat guter Auslandsjournalismus viel dem Lokaljournalismus gemein, er ist nahe am Menschen“, sagt Pörzgen zum Ende des Gesprächs. Durch diese Nähe könne die ganze Tragik eines Konflikts am deutlichsten gemacht werden.

Information:
Hintergrund “Reporter ohne Grenzen e.V.”

Reporter ohne Grenzen (ROG) dokumentiert Verstöße gegen die Presse- und Informationsfreiheit weltweit und alarmiert die Öffentlichkeit, wenn Journalisten und deren Mitarbeiter in Gefahr sind. Der Verein setzt sich für mehr Sicherheit und besseren Schutz von Journalisten ein und kämpft gegen Zensur. Der Fokus liegt auf der Dokumentation, ROG leistet aber auch humanitäre Hilfe - etwa wenn es darum geht, verfolgten Kollegen bei der Flucht zu helfen. ROG arbeitet eng mit anderen Organisationen zusammen.

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