Nachschau - Veranstaltung am 11.05.2016

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Lettland im Schatten Putins

 
Referent:

Jurijs Barsukovs

Geschäftsmann aus Riga, z. Zt. in Celle
 

am Mittwoch, 11. Mai 2016, 19.00 Uhr
im Hotel „Bad Minden"
Portastr. 36, 32429 Minden

 

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vom 14.05.2016

„Mit den Nicht-Bürgern ein Problem"

Lettland: Jurijs Barsukovs berichtet aus den Innensichten eines Grenzlands

VON MICHAEL GRUNDMEIER

BÜCKEBURG. Eine Innensicht aus einem Grenzland hat Jurijs Barsukovs, ein Geschäftsmann aus Riga, vor der GSP-Sektion Minden geliefert. Barsukovs sprach zum Thema „Lettland im Schatten Putins“ und mahnte: „Lettland hat mit den Nicht-Bürgern ein Problem, dass man leicht zünden kann.“

Nicht erst seit der Krise auf der Krim ist das Verhältnis Lettlands zu Russland stark unterkühlt. Putin wird von vielen als Aggressor wahrgenommen. Eine noch enge Anlehnung an die NATO scheint da nur folgerichtig. Was vielfach vergessen wird, ist die russische Minderheit, die rund 27,5 Prozent der Bevölkerung ausmacht. Ihr wird immer wieder der Vorwurf gemacht, sie sei eine „fünfte Kolonne Putins“, sprich; mehr russisch als lettisch.In seinem Referat im Hotel „Bad Minden“ tritt Jurijs Barsukovs dieser Einschätzung entgegen. „Als 1991 um die Unabhängigkeit gekämpft wurde, waren 80 bis 90 Prozent der Russischstämmigen mit auf den Barrikaden. Sie haben mit ihrem Blut gekämpft“, weiß Barsukovs zu berichten. Die Russischstämmigen lebten vielfach seit ihrer Geburt in Lettland „und sie fühlen sich als Letten.“

Die große Enttäuschung kam später, nachdem die Letten in die Unabhängigkeit entlassen worden waren. Damals hätten Emotionen eine große Rolle gespielt, sagt Barsukovs: „Die Letten haben sich von den Russen unterdrückt gefühlt.“ Es folgte eine Art „Retourkutsche“: eine Resolution, die nur denen die Staatsangehörigkeit zugestand, die 1940 Bürger Lettlands gewesen waren oder von diesen abstammten. Konkret bedeutete das, dass Russischstämmige, die erst später zugewandert waren, nicht wählen oder kandidieren durften. Kurzum: dass sie auf einmal staatenlos waren.

Das habe zu einer großen Spannung geführt, sagt Barsukovs, immerhin sei Lettland für viele Russischstämmige Heimat gewesen. „Danach sind dann viele ausgewandert, Lettland hat auf diesem Weg viele Fachleute verloren.“ Die Letten hätten damals „nur mit dem Westen“ zu tun haben wolle, darüber aber vergessen, dass ihre Wirtschaft noch lange nicht auf westlichem Stand war. Darüber seien große Betriebe bankrott gegangen, noch heute gibt es in Lettland, laut Barsukovs, große Areale mit Industrie-Ruinen.

Und auch wenn der EU-Beitritt den Nicht-Bürgern gewisse Erleichterungen verschafft habe, sei das Thema noch nicht vom Tisch. „Im Grunde kann ich es nicht verstehen, dass die EU hier nicht schärfer einschreitet und eine Aufhebung der Resolution fordert“, sagt Barsukovs. Denn: Angst vor den Russischstämmigen sozusagen als „Putins Lautsprecher“ müsse niemand haben. Die „kritische Masse“ habe Lettland längst verlassen, zurück geblieben seien vor allem die Älteren.

„Für die jüngeren Russischstämmigen ist Russland eher wie ein Bruder, aber ganz bestimmt nicht wie ein Vater“, bringt es der Geschäftsmann auf den Punkt. Sorgen bereitet ihm vor allem eine Auswanderungswelle, die Lettland erfasst hat. Von 2,6 Millionen im Jahr 1989 sei die Bevölkerung auf rund 1,9 Millionen 2014 gesunken, Barsukovs nennt das ein Alarmzeichen.

Probleme hat Lettland auch mit der Wirtschaft. Vor allem in den Grenzbereichen hätten die EU-Sanktionen große Auswirkungen gehabt, dazu komme ein Gefühl der Unsicherheit, das die Bürger ergriffen habe. „In den letzten 25 Jahren hat es 20 Regierungen gegeben, das sagt alles“, macht Barsukovs deutlich, Viele einfache Bürger hätten Angst, dass bei einem Konflikt zwischen Russland und der NATO „Lettland das Schlachtfeld werden könnte.“ Auf eine Frage nach den Nicht-Bürgern Lettlands, antwortete Barsukovs, er halte es für erstaunlich, dass die NATO an ihren Außengrenzen ethnische Spannungen dulde. Diese könnten immer auch „egal von wem“ gezündet werden. Wobei: „In einer englischen Zeitung hat einmal gestanden, dass die Russischstämmigen Weltmeister der Geduld seien.“ Man habe ihnen den Beruf und politische Rechte genommen, „und sie üben sich immer noch in Geduld.“

 
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