Nachschau - Veranstaltung am 15.06.2016

 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Afrika gibt es nur im Plural -
die große Überraschung im 21. Jahrhundert

 
Referent:

Dustin Dehéz

Politikberater, Global Manatee Advisors GmbH
 

am Mittwoch, 15. Juni 2016, 19.00 Uhr
im Hotel „Holiday Inn"
Lindenstraße 52, 32423 Minden

 

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vom 19.06.2016

„Früher Putsch, heute Wahlen“

Warum unser Bild von Afrika noch immer falsch ist / Gesellschaft für Sicherheitspolitik klärt auf

Von Hartmut Nolte
Dustin Dehéz korrigierte das Bild von Afrika - Foto: Jürgen Hockemeier

MINDEN. Über das oft als dunklen Kontinent bezeichnete Afrika gebe es viele negative Vorurteile, aber wenig Wissen: Mit diesen Worten hat der Sektionsvorsitzende Klaus Suchland die jüngste Veranstaltung der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) im Hotel Holiday Inn eröffnet. Dustin Dehez sollte den etwa 70 Zuhörern die Lücke füllen. Als Experte und als Afrikaner mit Wahlheimat Ghana.

Afrika – 54 Staaten mit 1,2 Milliarden Einwohnern auf einer Fläche von 30 Millionen Quadratkilometern, dreimal so groß wie Europa mit 700 Millionen Bürgern. Afrika steht für Natur, aber auch für Armenhaus der Welt, Stammeskriege, Korruption und Diktatoren – meist begründet in der Zeit der kolonialen Ausbeutung. Afrika steht in jüngster Zeit für Flucht aus der Hoffnungslosigkeit nach Europa.

Das Afrikabild hierzulande sei falsch, zumindest veraltet, sagte Dehez, der als Mitgesellschafter einer Beratung für Firmen arbeitet, die Kontakte nach Afrika suchen. Dies falsche Bild sei auch auf die Medien zurückzuführen, die sich nur wenig mit dem Kontinent der Zukunft befassten.

Die politische Bilanz des Kontinents sei in den jüngsten drei Jahrzehnten positiv. Der Kontinent habe einen demokratischen Aufbruch erlebt. „Früher Putsch, heute Wahlen,“ kennzeichnete Dehez die Entwicklung in den meisten Staaten. In der politischen Einigung sei man sogar weiter als Europa. Die AU habe mehr Befugnisse als die EU.

Afrikas politische wie wirtschaftliche Bedeutung werde nicht zuletzt wegen der Bevölkerungsentwicklung wachsen. Für 2050 werde mit mehr als 2,6 Milliarden Afrikanern gerechnet. Dieser steile Anstieg sei auch dadurch bedingt, dass die Menschen mangels funktionierender Sozialsysteme immer noch auf eine kinderreiche Familie als Alterssicherung setzten.

Im Schatten von China werde Afrikas wirtschaftliche Entwicklung mit Wachstumsraten von fünf bis sechs Prozent missachtet. Jedenfalls von den USA und Europa, insbesondere von Deutschland. China und die Schwellenländer Brasilien, Indonesien, Saudi Arabien und insbesondere die Türkei hätten dagegen die Chancen früh erkannt und nutzten sie zu größerem politischen Einfluss.

Deutschland dagegen betreibe immer noch Afrikapolitik nach dem Muster der achtziger Jahre, lasse es zu, dass viel Geld ohne Kontrolle und mit wenig Kenntnissen über die regionalen Besonderheiten in den Korruptionskanälen verschwinde. „Wir bemängeln die alltägliche und staatliche Korruption in Afrika und fördern sie gleichzeitig“, kritisierte Dehez die deutsche Afrikapolitik.

„Afrika ist teuer, es ist ein hoch schwelliger Markt und die anderen sind oft mit passenden Lösungen schon da. Man wartet dort nicht auf deutsche Qualitätsarbeit“, hielt Dehez den Fehlvorstellungen der an Afrika-Geschäften interessierten deutschen Firmen entgegen. China dagegen baue zum Beispiel, was Afrika brauche: Eine bessere Infrastruktur – Schienen, Straßen und Stromnetze. Nach seiner Ansicht setzt Afrika nicht auf erneuerbare Energien sondern auf große Kraftwerke. Nicht nur fossile: Afrika könne auch der Atomindustrie eine Renaissance bescheren.

Irrig sei die weitverbreitete Meinung, die Stärkung der Wirtschaft besonders im armen Mittelafrika mindere die Flucht ins reiche und sichere Europa. Im Gegenteil, meinte Dehez. Erstens brauche man für die Flucht viel Geld und zweitens fliehen Menschen, die sich nicht mühsam um das tägliche Brot kümmern müssten, sondern die, die so gesichert seien, dass sie Zeit hätten, über mehr Chancen in der Fremde nachzudenken. Ob damit unausgesprochen gemeint sein könnte: Lasst Afrika das Armenhaus der Welt bleiben, dann kommen auch weniger Flüchtlinge, wurde an diesem Abend nicht diskutiert.

 
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