Nachschau - Veranstaltung am 19.09.2016

 
 
 

Vortrag und Diskussion

zum Thema

Iraks Zerfall und der Aufstieg des "IS" -
zwei Seiten einer Medaille

 
Referent:

Dr. Wilfried Buchta

Islamwissenschaftler, Politologe und Buchautor
 

am Montag, den 19. September 2016, 19.00 Uhr
im Hotel „Holiday Inn"
Lindenstraße 52, 32425 Minden

 
Foto: wilfried-buchta.de
 

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vom 24.09.2016

Demoralisierendes Lagebild

Dr. Wilfried Buchta über „Iraks Zerfall und der Aufstieg des IS - zwei Seiten einer Medaille"

VON HERBERT BUSCH

MINDEN/BÜCKEBURG. „Der sogenannte Islamische Staat konnte erst durch den Zusammenbruch der staatlichen Ordnung im Irak entstehen, Saddam Hussein hätte einen solchen Machtkonkurrenten im eigenen Land nie geduldet", hat Dr. Wilfried Bucbta während eines Vortrags der Gesellschaft für Sicherheitspolitik (GSP) im Mindener Hotel "Holiday Inn" zum Ausdruck gebracht. Der Islamwissenschaftler, Politologe und Autor referierte zum Thema „Iraks Zerfall und der Aufstieg des IS - zwei Seiten einer Medaille".

"Der Irak und nicht Syrien ist die Brutstätte des IS", betonte Buchta. Was in der Berichterstattung häufig zu kurz komme. Der Experte belegte seine Einschätzung anhand zahlreicher Details, die bis zur Schaffung säkularer Nationalstaaten durch Großbritannien und Frankreich im Anschluss an den Ersten Weltkrieg zu rückreichten. Fazit: "Der Irak ist heute ein gescheiterter Staat, ein Staat ohne staatliche Autorität. Er kann seinen auseinanderstrebenden Volksgruppen keine gemeinsame nationale Identität vermitteln. Zudem kann er einem großen Teil seiner Bevölkerung weder rudimentäre Daseinsvorsorge sichern, noch Ordnung und Recht aufrechterhalten."

Als sich die Strukturen des Irak im Anschluss an die US-Invasion 2003 auflösten, bildeten sich Machtfreiräume, die radikalen religiösen Gruppen wie dem "Islamischen Staat" idealen Nährboden boten. Die Mehrheit der Iraker hatte sich gegenüber den Befreiern neutral verhalten, der jubelnde Empfang der US-Truppen war ausgeblieben. Die USA standen diesen Entwicklungen rat- und tatlos gegenüber. Buchta: „Das Pentagon hatte die Kriegsnachfolgephase mit Besetzung und Stabilisierung sträflich vernachlässigt."

Situation gibt wenig Anlass zum Optimismus

Heute gebe die Situation im Irak wenig Anlass zu Optimismus. Die ehemalige Besatzungsmacht USA habe unter der Obama-Administration jede Absicht aufgegeben, durch Entsendung von Bodentruppen als Ordnungsmacht Frieden herzustellen. "Obama weiß", legte der Referent dar, "dass die Wahrscheinlichkeit, dort einen Konflikt längerfristig und dauerhaft militärisch zu beenden, gleich Null ist."

Man könne in dem Land keine dauerhafte und stabile politische Ordnung errichten, wenn die beteiligten Kriegsparteien nicht gewillt sind, miteinander zu leben, zu arbeiten und zu kommunizieren. „Ein demoralisierendes Lagebild", meinte GSP-Sektionsleiter Klaus Suchland. Auch wenn der IS derzeit auf dem Rückzug sei, bedeutet das nicht, dass er besiegt werde. Buchta meinte mit Blick auf das seit Jahrhunderten in der Region aufgebaute Misstrauen: "Das ist hier in der Psyche und der Mentalität dieser Menschen verankert, dieser Faktor wird immer wieder übersehen." Erst einmal müssten glaubhaft kleine Signale der Versöhnung gesendet werden, zarte Bande vertrauensbildender Maßnahmen. "Eine politische Lösung muss auf einer Politik der Versöhnung zwischen Schiiten und Sunniten aufbauen."

Dass Bucbta ein exzellenter Kenner der Lage ist, führte er unter anderem mit Schilderungen aus der irakischen Hauptstadt Bagdad vor Augen, in der er von 2005 bis 2011 lebte. Und auch sein im Erörterungsteil der Veranstaltung abgegebenes Statement zu Saudi Arabien wusste er mit zahlreichen Fakten zu unterfüttern. "Ich glaube, dass Saudi Arabien ein falscher Freund ist, er steht auf beiden Ufern", erklärte der Fachmann. Einerseits seien die Saudis Großversorger der westlichen Welt mit Öl und enger wirtschaftspolitischer Partner Europas und Amerikas, auf der anderen Seite werde das autokratische Regime von einer besonders radikalen Variante des sunnitischen Islams bestimmt, die alle anderen islamischen Strömungen für ungläubig erachte. Er würde dringend davon abraten, in irgendeiner Form Waffen nach Saudi Arabien zu liefern. Denn das Land unterstütze militante salafistische Gruppierungen in Syrien, aber auch im Irak. Gruppierungen, die zwar mit dem IS konkurrierten, aber auch über Querverbindungen zum IS verfügten. Das Regime finanziere diese Gruppen und beliefere sie auch mit Waffen. Buchta: "Unter sicherheitspolitischen Aspekten ist der Waffenexport grundsätzlich falsch. Wenn wir etwa Sturmgewehre an Saudi Arabien liefern, müssen wir davon ausgehen, dass diese ganz sicher beim IS landen."

 
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